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  3. Nr. 468

Friedrich Eduard Schulz an Wilhelm von Humboldt, 20.09.1825

|93r| Hochwohlgeborener Herr Baron,
Hochgebietender Herr Staatsminister!

Ich würde es nicht wagen dürfen, mein monatelanges Schweigen entschuldigen zu wollen, wenn ich nicht Ew. Excellenz aufrichtigst versichern könnte, daß der Grund davon nur in meinem festen Vorsatze lag, Ew Excellenz durch eine möglichst ausführliche Beantwortung der gütigst mir vorgelegten Fragen, meinen herzlichsten Dank für das Wohlwollen auszudrücken, mit welchem Hochdieselben früherhin ein paar meiner Bemerkungen über das Chinesische aufzunehmen die Gewogenheit gehabt haben. Seit mehreren Monaten durch andere Arbeiten vom Chinesischen sehr abgezogen, war es mir, so schmerzlich ich es auch empfand, immer nicht möglich gewesen, an etwas Zusammenhängendes darüber, so wie ich es Ew. Excellenz vorzulegen gewünscht, zu denken; und auch heute noch werde ich Ew Excellenz um viele Nachsicht für die folgenden abgerißenen Bemerkungen bitten müßen, die ich, in dem Augenblick von ganz heterogenen Arbeiten umlagert, gewiß nur sehr ungenügend werde ausführen können. Wirklich nur der sehnlichste Wunsch, endlich einmal Ew Excellenz meinen wärmsten Dank für Ihre wohlwollenden Briefe zu sagen, kann in mir ein gewißes Gefühl der Zurückhaltung überwiegen, welches mir sagt, wie sehr die Ansichten, die ich Ew Excellenz vorzulegen wage, einer genaueren Sichtung und einer sorgfältigeren Ausführung bedürften.

Ew. Excellenz hatten in Ihrem Briefe die Art der Einwirkung berührt, welche die chines. Schrift auf die chines. Sprache ausgeübt haben möchte.

Ich muß Ew. Excellenz gestehen, daß es mir unmöglich ist, die hierüber so allgemein herrschende Ansicht zu theilen, daß die Mangelhaftigkeit der ersteren der Entwicklung der |93v| letzteren hemmend in den Weg getreten sey, so daß die Unvollkommenheit der chinesischen Sprache als das Werk der Reaction eines Theils der Nation – des schreibenden – auf die Mehrzahl derselben, als der nichtschreibenden, anzusehn wäre.

Wenn ich diese Ansicht verwerfe, so glaube ich sicherlich bei Ew. Excellenz mich nicht zuerst mit der Abweisung einer Meinung beschäftigen zu dürfen, welche derselben bei Manchen zur Stütze gedient hat; der für mich unbegreiflich absurden Behauptung, daß die Gedankenbeziehung durch die Schrift der durch den tönenden Laut bei irgend einem Volke vorausgegangen. –

Niemand sollte, glaube ich, durch einige auf anderem Wege weit füglicher erklärbare Thatsachen <tief******> verblendet, die Chinesen über den natürlichen Gang der geistigen Entwicklung der Völker hinausrücken und aus ihm eine Art übermenschlicher Versammlung von Weisen machen wollen, die mit Vorbedacht aufsuchen und durch freie Spekulation finden, was jedem anderen Volke nur unter allmähliger Ausbildung seiner Geistesanlagen, nicht als Folge absichtliches Wollens, sondern nur als Äußerung einer im Menschengeiste ruhenden Nothwendigkeit zu Theil geworden ist. Setzen wir darum ohne Weiteres, das chines. Volk hatte seine Sprache in tönenden Lauten, ehe ihm eine Bezeichnung seiner Gedanken durch Schrift bekannt war. Diese älteste Lautsprache der Chinesen läßt sich nicht anders als eine sehr unvollkommene betrachten. Es ließe sich dieß wohl schon aus mehreren historischen Analogien mit ziemlicher Sicherheit schließen; aber die neuere Sprache des Volks allein reicht hin, um dem Unbefangenen von der Unvollkommenheit der älteren zu überzeugen. Müßen wir zugeben, der Kouan hoa sey mangelhafte, unvollkommene Sprache, wie sollten wir den Kouwen, aus dem sich jener, aus|?| dem gefühlten Bedürfniße größerer Ausführlichkeit folgend, hervorgebildet hat, wie sollten wir die so viele Jahrhunderte hinter der neuesten liegende Sprache für vollkommen halten?

Diese Unvollkommenheit der gesprochenen Sprache hat sich nun, dieß scheint mir dann ferner natürlich, der geschriebenen, dem Style, nothwendig |94r| mittheilen müßen; sie hat diesem ihren Charakter aufgedrückt, der dann wahrhaft der seinige geworden ist. Es ist nicht umgekehrt, daß oft die Schrift <wie man glaubt,> den Gedankenausdruck bewegt habe, indem etwa die Gewöhnung an die Ausdrucksweise des geschriebenen Styles nachher selbst das Denken und Sprechen des Volks umgestaltet hätte. Man fühlt sehr leicht die unnatürliche Härte dieser letzteren Behauptung: vergeblich, glaube ich, wird man versuchen, sie zu mildern. Vor allem würde dazu doch 1, der Beweis gehören, daß es der Chines. Schrift nicht möglich gewesen, der mündlichen Rede zu folgen, namentlich alle grammatischen Formen und Verbindungen, welche dieser Leben und Zusammenhang geben, paßend zu bezeichnen; so wie 2, doch wohl eine Spur davon vorhanden seyn müßte, daß je das Denken des chines. Volkes in blos formell logischer und grammatischer Hinsicht von seiner jetzigen Art Begriffe zu bilden und mit freier Geistesthätigkeit darin zu schalten, verschieden gewesen sey. Es müßte zur Befestigung einer solchen Behauptung namentlich z nachgewiesen oder wenigstens nur wahrscheinlich gemacht werden können, daß je mehr wir uns von dem Einfluß der als so unbehülflich dargestellten Schrift entfernen, um so mehr eine reichere und, um im Sinne jener Ansicht zu reden, natürlichere, noch nicht durch sclavische Angewöhnung vielfach in ihrer lebhaftesten und freiesten Bewegung gelähmte Sprache entgegentreten werde. <uns entgegentrete.>

Allein allem diesem stehen die unläugbarsten Thatsachen schnurstracks entgegen. Zuerst hat die chines. Sprache schon im ältesten Kouwen Zeichen für mehrere sehr feine logische und grammatische Abstractionen. Es wäre nicht abzusehn, warum für andere, wenn die Lautsprache sie gekannt, man nicht ebenso wohl ein Zeichen hätte erfinden können; wie es zb unmöglich in der Mangelhaftigkeit der chines. Schriftbezeichnung liegen kann, daß die chines. Sprache nicht, wie mehrere andere, ein eigenes Zeichen für den Nominativ besitzt, während wir doch schon in dem urältesten Kouwen ein Analogon[a] unserer Genitivbezeichnung erkennen. Dürfte man hingegen erwiedern: die Sprache mag sehr viele grammatische und logische Verhältniszeichen gehabt haben, allein man hat es vorgezogen, |94v| in der Schriftsprache, im Style, sie zu übergehen, weil etwa, könnte man scheinbar hinzusetzen, der eigenthümliche Charakter der chinesischen Schriftzeichen, dem Style eine Kürze erlauben darf, die in der Lautsprache zur absoluten Unverständlichkeit führen würde, indem diese Eigenthümlichkeit der chines. Charaktere den Geist schützt vor all’ den hundertlei Bedeutungsmöglichkeiten, welche das blose Hören der ihnen entsprechenden Laute auf ihn herstürtzen laßen würde.

Einem solchen Einwurfe dürfte man nur ein histor. Factum, den neueren Styl, entgegensetzen. Es ist unläugbare Thatsache, daß dieser nichts anderes ist, als ein getreues Abbild der Sprache, wie sie im Volke <noch> heute gesprochen wird. Ebenso wie die Romane und dramatischen Stücke Männer und Frauen reden laßen, eben so reden diese im wirklichen Leben. Die gesprochene neue Sprache kennt nicht das mindeste, was der Kouan hoa wegließe. Warum hätte man nun hier, wo ganz dieselben Schriftzeichen üblich sind, nicht auf dieselben sich verlaßend, die grammat. Verhältniszeichen aus demselben Grunde wegschneiden können, aus welchen sie, nach jener Hypothese, der Kouwen unterdrückt haben soll? Ist es nicht weit natürlicher anzunehmen, daß das chines. Volk bei der allmähligen Entwicklung seiner Sprache die Unvollkommenheit der früheren Ausdrucksweise erkennend, diese durch die Einführung mehrerer grammatischer Verhältniszeichen, die nun ebenso in die Schrift- wie in die Lautsprache aufgenommen wurden, zu mindern gesucht habe? Wie wenig weit man aber <im Vergleich mit anderen Sprachen> im Chinesischen mit dieser Vervollkommnung gekommen, <und> wie wenig man im Chinesischen dasjenige erreicht hat, was andere Völker als eine vollständige Gedankendarstellung durch die Sprache betrachten, dieß zeigen sehr auffallend selbst die in grammatischer Hinsicht reichsten Stücke des am meisten entwickelten, und im Verhältnis zum ältesten Kouwen so sehr ausführlichen Kouan hoa. Ich habe, um Ew. Excellenz hiervon ein Beispiel zu geben, ein Stück aus einem Romane abgeschrieben |95r| und fast wörtlich übersetzt; ich habe es genommen, ohne lange zu wählen, indem wirklich der einfache Romanstyl auf jedem Blatte derselbe ist, es müßten denn Verse oder Gedanken und Unterredungen von Gelehrten darin angebracht seyn, in welchen der, man kann wohl sagen, für uns kauderwelsche Wentschang gebraucht ist. Ich bin fast im voraus überzeugt, daß <es> Ew. Excellenz aus dem Studium des Kouan hoa es klar hervorgehen wird, wie man bei aller Vorliebe für das Chinesische, deßen Literatur in der That noch zu den unschätzbarsten Resultaten für die allgemeine Geschichte des menschlichen Geistes überhaupt, so wie für die mehrerer Völker Hochasiens insbesondere führen muß, wie man, scheint es mir, doch nie mit H. Abel-Rémusat behaupten sollte, die chines. Sprache sey ebenso volkommen, wie jede andere und ihre, in gewißer Hinsicht, bemerkenswerthe Kürze, sey so wenig in irgend einer Beziehung als etwas Mangelhaftes zu betrachten, daß man dieselbe vielmehr allen anderen Sprachen recht aufrichtig wünschen müße –

Mir scheint im chines. Volke und in seiner Sprache im Großen das sich zu wiederholen, <nur die Bildungs>geschichte des menschlichen Geistes im Einzelnen <sich> zu wiederholen; mir scheint seine Schrift und Sprache nur eine getreue Abspiegelung mehrerer der stufenweisen Operationen, durch welche sich das sich entwirbelnde Denken von der sinnlichen Anschauung und Vorstellung losreißt und sich hinaufschwingt zu den höchsten aller menschlichen Hervorbringungen, wie der ihrer Idee entsprechenden Poesie und Wissenschaft. Nur, glaube ich, ist bei den Chinesen das sonderbare Verhältnis eingetreten, daß ihre Verstandesbildung hinter ihrer Vernunftentwicklung zurückgeblieben ist; wenigstens kann ich mir vor der Hand nur auf diese Art die Tiefe ihrer philosophischen Ideen neben der äußersten Unvollkommenheit erklären, in der sie ihre Sprache hingeworfen hat.

|95v| So wie wir bei der Verfolgung der menschlichen Denkoperationen auf den Kindeszustand zurückgehn müßen, ja selbst auf die Äußerungen der dem menschlichen Geiste analogen Seele des Thieres zurückgehn könnten, so auch finden wir unter den Chinesen hinsichtlich ihres rein logischen Denkens (das Materielle haben wir hier nicht zu berühren) und hinsichtlich ihrer Fixirung seiner Resultate durch die Sprache, eine Kindheit und ich möchte sagen, eine den Seelenäußerungen des Thieres sehr nahe liegende Rohheit. Ihre eigene ängstliche Sorgfalt für das Alte u ihr kritischer Geist hat uns in mehreren paläographischen Werken hiervon glücklicherweise weit mehr Spuren erhalten, als sie die Geschichte der Kindheit irgend eines anderen Volkes aufzuweisen hat.

Die ersten Worte ihrer Sprache. die ersten Charaktere ihrer Schrift sind, wie die ersten Worte eines Kindes, nur <die> Bezeichnung der Vorstellung<en>, welche eine rein sinnliche Anschauung in der Seele zurückgelaßen hat. Wie leicht freilich daraus, wenn auch, der Ungebildetheit ihrer logischen Thätigkeiten selber, nicht reine Begriffsbezeichnungen, aber doch Analogieen derselben sich bilden mußten, ergiebt sich von selbst aus der Betrachtung der merkwürdigen Stellung, welche in unserem Geiste die Einbildungskraft zum Verstande einnimmt, deßen Rolle sie in manchen Fällen geradezu übernommen zu haben scheint.

Namentlich scheinen mir im Kinde die Denkfunktionen unter dem vorherrschenden Einfluße der Einbildungskraft befangen. Seine Begriffe <Sein Begreifen>, ein bloses Vorstellen; sein Urtheilen, nur ein, ich möchte sagen, sinnliches Aneinanderreihen der Objecte oder ihrer Vorstellungen und der ihm für ihre Bezeichnung zu Gebote stehenden sinnlichen Zeichen; seine Schlüße, ihm auch nur durch die Einbildungskraft zugetragen; alles Andere u Höhere im |96r| im |sic| Denken in ihm nur erst Keimen vorhanden.

So auch, stelle ich mir vor, war es in der Urzeit im Volke der Chinesen; selbst noch zu einer Zeit, aus der uns schriftliche Reste geblieben sind. Nur bin ich nicht so sehr nach Analogieen haschend, daß ich vergeßen möchte, welche Verschiedenheiten, trotz aller Ähnlichkeiten im Ganzen, im Einzelnen die <vielfältigen> zwischen einer Nation und einem Individuum obwaltenden Unterschiede herbeiführen mußten.

Das Kind – und wirklich auch der Kouwen und in einer Menge von Fällen selbst der Kouan hoa – begnügt sich die sinnlichen Zeichen seiner Vorstellungen roh hinzustellen – es überläßt es dann, sey’s der Einbildungskraft, sey’s dem Verstande, darin zu schalten und die Beziehungen zu ergänzen, die es selbst nicht angiebt, weil das blose Zusammenseyn dieser Vorstellungen in seiner Seele ihm hinlänglich das Verhältnis, in dem sie zueinanderstehen, bezeichnet.

Die aufgehobene Hand und der Stock, erweckt ihr gleichzeitiges Zusammenvorstellen nicht schon selbst in der Seele des Chines |sic| eine vage Vorstellung des Schlagens? gar nicht blos mechanisch, etwa es schreckend, durch – (um mich hier eines sonst von manchen moralischen Erscheinungen gebrauchten Ausdrucks zu bedienen) <durch> einen horror naturalis, sondern weil in ihm sein Gedächtnis, nach dem rein psycholog. Gesetz der Gleichzeitigkeit, 2 Vorstellungen mit der sie begleitenden Handlung zusammengesellt. Ganz auf dieselbe Art setzt der Chinese das Zeichen der Hand u des Stockes entweder sie verbindend und so aus ihnen als logischen Elementen den Begriff des Schlagens bildend, (und in dieser Hinsicht ist die chines. Schrift so unendlich interessant, indem sie manche logische Operationen des Geistes, namentlich die Begriffbildung gleichsam hinzeichnet, welche |96v| in den Sprachen, die sich alphabetischer Schrift bedienen, <sich> meist nur durch anderweitige Tradition aufzuweisen <aufweisen> läßt), oder beide trennend, und dadurch dem in ihrer Zusammenvorstellung liegenden Begriffe des Schlagens eine bestimmte Richtung anweisend; das Schlagen der Hand, die Hand schlägt etc. Der Zusatz einer dritten Vorstellung zb Mensch, führte dann den Gegenstand, auf den die Handlung sich bezieht herbei <der Seele vor>. Allein <von> der Einbildungskraft, <mehr> als von dem Verstande geleitet, drückte man, wie das Kind, in der Abspieglung seines Inneren durch die Sprache, auch mehr die Eingebungen jenes, wie das Schelten dieses aus. Die grammatischen Verhältnisbezeichnungen aber sind Werk des Verstandes, darum ihre Seltenheit im Chinesischen, das jedoch <sehr> natürlich, weniger karg in ihrem Gebrauche im neueren, wie im alten Style erscheint.

Bei dem Kinde wird nun freilich so ziemlich dasselbe gesagt seyn sollen, mag es Hand oder Stock oder Mensch voranstellen, wiewohl doch auch schon bei ihm eine geschiedene|?| Successionsordnung dieser ganz einfach ausgesprochenen Worte regelmäßig verschiedene Resultate geben möchte. Bei einem Volke aber ist nichts natürlicher, als daß eine fast bestimmte Convention sich bildet und daß man, um einander zu verstehen, nicht auch noch a b c wirr durcheinander würfeln darf. Daher die regelmäßige Wortstellung im Chinesischen, die allerdings viele Ungewißheit aufhebt, aber keineswegs <allein> im Stande ist den Charakter der Unvollkommenheit der Sprache zu benehmen. Um diesen im Einzelnen darzustellen, würde man die ganze Grammatik des Kouwen zu durchgehn haben – man dürfte vermuthlich nur an die unvollkommene Art erinnern, auf welche in demselben das Verbum gebraucht ist, an die Art der Bezeichnung der conditionellen Sätze usw. Allein auch der |97r| Kouanhoa wird von diesem Vorwurf nicht freizusprechen seyn, wie Ew. Excellenz vielleicht schon aus dem beiliegenden, wie gesagt, ganz freigewählten Romanabschnitte ersehen werden. Die Ausführlichkeit desselben vor dem Kouwen besteht doch, wie sich nicht läugnen läßt, keineswegs allein in dem häufigeren (oder alleinigen) Gebrauche mehrerer grammat. Verhältniszeichen, sondern ebensosehr in der Anwendung zusammengesetzter Wörter, was also nicht <als> grammatische, sondern <nur als> etymologische Verdeutlichung betrachtet werden kann.

Oft habe ich mich gefragt, ob man nicht vielleicht sagen dürfte, daß die Chinesen durch manche ihrer Sprachweisen, die uns als unvollkommen erscheinen, der nackten Operation des Denkens näher geblieben sind, als andere Völker? Fällt in der rein logischen Gedankenreihe nicht vieles weg, was die Sprache hinzusetzt, ohne daß darum ein wesentlicher Unterschied zwischen dem blos im Geiste aufgefaßten und in ihm miteinander Verketteten, u zwischen dem darin in den einzelnen <verschiedenen> Sprachen oft verschieden Ausgedrückten stattfindet? Ist es zb nicht richtiger und der rein logischen Urtheilsfunction angemeßener, mit dem Chinesen oder <dem> Araber durch blose |sic|, <regelm+> Stellung nach bestimmten Gesetzen erfolgende Zusammenstellung von Rose und schön das Urtheil auszudrücken, in welche andere Sprachen durch ihre Verba sogleich noch fremdartige Bestandtheile, wie die des Seyns zu einer bestimmten Zeit hineinlegen, sollte das Chinesische  Sankskrit , wie das arabische  Sankskrit , nicht beßer das: „die Rose – schön“ unseres Verstandes bezeichnen, als das Deutsche „die Rose ist schön“ oder gar das noch zusammengesetztere rosa est pulchra wo zu dem adjectivischen Begriff noch die für andere Sprachen und für die logische Gedankenreihe ganz unnöthige Femininalendung hinzukommt? – Diese Frage nun führt in sehr tiefe und sehr wichtige, großentheils rein psychologische Untersuchungen; ihre Beantwortung müßte resultiren aus einer, verzeihen mir Ew Excellenz den Ausdruck, Sprachlogik des menschlichen Geistes dh aus einer wissen-|97v|schaftlichen[b] Verfolgung und Darstellung der Art wie der Menschliche Geist – nicht denkt, denn davon haben uns schon einige tüchtige logische Arbeiten wenigstens den groben Mechanismus auseinandergelegt – sondern in reifem|?| **** wie sein Denken (– ich rede immer von dem formalen Denken –) <sich verhält> zu den in den bei verschiedenen Sprachen üblichen Denkbezeichnungen? – Ich habe bei meinem Studium des Chinesischen hierauf ganz besonders mein Augenmerk richten zu müßen geglaubt. Bloses vieles Lesen, blose Routine, daran habe ich mich fest überzeugt, wird hier weniger, wie in irgend einer anderen Sprache zu einer klaren Ansicht von der Sprachfügung führen; man wird dabei ganz füglich drauf los dolmetschen können, ohne die merkwürdigen Räthsel, die diese Sprache in sich schließt, auch nur von weitem geahndet zu haben. Doch ich bin abgesprungen von dem <oben> aufgeworfenen Zweifel, den ich mir freilich jetzt, bei der Unvollständigkeit meiner Untersuchungen, noch nicht zu lösen getraue. Nur das scheint mir festzustehen, daß wenn ich manchmal finde, wie die Rede des Kouwen weit mehr, als die irgend einer anderen Sprache, das blos logische Denken unverfälscht abspiegelt und verkörpert, und wie sie häufig in der Art, wie sie auf sinnlichem Wege die Begriffe in ihre Kategorien einrückt und anordnet, dem rein geistigen Verfahren des Verstandes näher kommt, als alle anderen Sprachen, daß ich bei Allem dem nie eine Wahrheit außer Acht laßen werde, welche mir von neuem durch die belehrenden Beweise Ew. Excellenz recht klar vor die Seele gerufen worden ist; nämlich, daß allzuenges Anschmiegen der Sprache an das nackte logische Denken mehr der Starrheit algebraischer Formeln verglichen, als für ein Merkmal der Vollkommenheit angesehen werden müße. –

Ich werde bei Ew. Excellenz die Länge dieses Briefes nur mit der Erlaubnis entschuldigen können, welche mir Hochdieselben zu |98r| einer ausführlichen Mittheilung meiner Gedanken, zu ertheilen die Gewogenheit gehabt haben. Möge Ew Excellenz nicht gleich in dem ersten Briefe, in welchem ich davon Gebrauch mache, einen Mißbrauch Ihres Wohlwollens erkennen müßen! –

Das Memoire, welches Ew Excellenz kennen zu lernen wünschten, konnte ich so sehr ich es gewünscht, <wünschte,> meinem Briefe nicht beilegen. Es war mir von H. Oberfinanzrath Schleiermacher[c] in Darmstadt, als Auszug einer größeren Arbeit, zugeschickt worden und ich hatte es der Asiat. Gesellschaft mitgetheilt, bei welcher es auf irgend eine Art verloren gegangen ist[d]. Ich zweifle aber nicht, daß H. Schleiermacher, dem ich deßhalb geschrieben, sich ein Vergnügen daraus machen wird, Ew. Excellenz ein neues Exemplar nach Berlin zuzuschicken.

Sehr verbinden würden Ew. Excellenz die hiesigen Gelehrten, wenn Hochdieselben die Gewogenheit haben wollten, von dem neuerlich in der Akademie gelesenen Memoire über den Bagavatgita wenigstens einen Auszug hierher zu schicken. In dem Septemberhefte des Asiat. Journals habe ich mir erlaubt, neben der einstweiligen Ankündigung desselben, die Hofnung auszusprechen, die Arbeit Ew. Excellenz recht bald gedruckt zu sehen. Sicherlich würde das Erscheinen dieser Arbeit noch mehr die ungetheilte Hochachtung befestigen, welche Ew. Excellenz auch in Frankreich allgemein gezollt wird, deßen erstes wissenschaftliches Institut dieselbe Ew. Excellenz, erst neuerlich noch, auf eine so unzweideutige Weise ausgesprochen hat. Erlauben mir Ew Excellenz, Ihnen von ganzem Herzen dazu Glück zu wünschen!

Genehmigen, Ew Excellenz, die Versicherung der ehrfurchtsvollsten Hochachtung mit welcher ich die Ehre habe zu seyn, Ew. Excellenz
gehorsamster Diener
F. E. Schulz
Paris 20 Sept. 1825.
|98v vacat; zugehörig sind noch Bl. 99–104 (11 beschriebene Seiten: 6 Seiten chinesischer Text [Bl. 104v–102r, aus dem Tchouking, Kap. II] sowie 5 Seiten deutsche Übersetzung [Bl. 101v–99v]), deren Paginierung (1–11) dem chinesischen Text entsprechend von hinten nach vorn verläuft.|

Anmerkungen

    1. a |Editor| Von Humboldt mit Bleistift unterstrichen.
    2. b |Editor| Ergänzt aus der Kustode.
    3. c |Editor| Zu Andreas August Ernst Schleiermacher (1787–1858), Orientalist und Bibliothekar, siehe ADB Bd. 31, S. 421.
    4. d |Editor| Dabei wird es sich um Schleiermachers "Alphabet harmonique pour transcrire les langues asiatiques en lettres européennes" handeln, für das er 1822 den Prix Volney erhielt. Ein "Prospectus" dieser Schrift wurde im Jahr 1835 publiziert; 1864 erschien postum – umfangreich erweitert – Das harmonische oder allgemeine Alphabet zur Transcrition fremder Schriftsysteme in lateinische Schrift. Vgl. A. Kemp (2005): Phonetic Transcription: History. Nineteenth-Century Transcription Systems, Volney and the Volney Price. In: Keith Brown (Hrsg.): Encyclopedia of Language and Linguistics. Second Edition, Amsterdam: Elsevier, [ohne Paginierung]. [FZ]
    Zitierhinweis

    Friedrich Eduard Schulz an Wilhelm von Humboldt, 20.09.1825. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 31.08.2020. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/468

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