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Wilhelm von Humboldt an Karl Jakob Alexander Edler von Rennenkampff, 28.07.1831

Herr Kammerherr von Lützen[a] hat unsere kleine Insel früher verlassen, als ich dachte, und dies muß mich bei Ew. Hochwohlgeboren entschuldigen, daß ich Ihnen nicht wieder durch ihn geantwortet habe. Ew. Hochwohlgeboren Brief hat mir eine ungemein lebhafte Freude gemacht. Man hat nur selten und nur bei wenig Gegenständen die Genugthuung, daß das, was man schreibt, auf ähnliche Weise empfunden wird, als man es selbst empfindet. Bei der Arbeit, über welche Sie ein so gütiges Urtheil fällen, konnte ich bei Ihnen mit Sicherheit darauf rechnen, und Sie bestätigen mich hierin durch Ihren Brief auf eine Weise, die mir meine Ansichten weiter geführt zurückgiebt. Was Sie über das Sehen des Dichters sagen, ist vollkommen wahr, und zugleich tief aufgefaßt. Weil der Dichter in seiner Beschauung den Punkt zu heften versteht, wo das Wesen und die Gestalt der Dinge wunderbar in einander greifen, so glückt es ihm, die Wirklichkeit so zu ahnden, daß er sie selbst gewissermaßen entbehren kann. Indeß ist damit allerdings das Wesen der Poesie weder erklärt, noch erschöpft, und man kann wohl mit Sicherheit annehmen, daß man in dem Versuche, dies zu thun, immer nur bis auf einen gewissen Punkt kommen wird. Der ganze Schillersche Briefwechsel mit Goethe und mir, Goethes Reise nach Italien und so Vieles sonst in seinen und Schillers Werken behandelt ewig und ewig unter den verschiedensten Formen die Frage, was es denn eigentlich ist, wodurch das Poetische poetisch wird; doch zu einer klar gefaßten, einfachen Antwort gelangt man niemals dadurch. Man tritt indeß dem Geheimniß unendlich näher, und dies, und wie es geschieht, habe ich vorzüglich zu zeigen gesucht, als ich über Goethe und Schiller schrieb[b]. Ich würde sehr viel darum geben, wenn ich diese Arbeiten einige Jahre früher gemacht hätte. Die, welche so ganz, wie niemand so gut weiß, als Sie, in diesen Ideen und Empfindungen lebte, würde Freude daran gehabt, und wohlthätigen Einfluß darauf ausgeübt haben. Das Schicksal hat es aber anders gewollt, und es ist wunderbar, wie schriftstellerische Arbeiten an den zufälligsten Umständen hängen. Ueber Schiller wollte ich seit Jahren schreiben, war mehrere Male nahe daran, kam aber doch nicht dazu.

Ew. Hochwohlgeboren haben uns, meiner Tochter, die sich Ihnen Allen auf das herzlichste empfiehlt, und mir so angenehme Stunden in Ihrer Familie vergönnt, daß wir auf unserer Rückreise gewiß mit Ihrer Erlaubniß einen Tag in Oldenburg verweilen werden. Dem Großherzog würde ich gewiß sehr gern meine Ehrfurcht bezeugen. Indeß kommt es, recht offenherzig gesagt, darauf an, ob er es wirklich wünscht, und es, wenn ich es nicht thäte, übel empfinden würde? Denn an sich ist es jetzt weder meine Stimmung, noch System an Hof zu gehen; ich habe daher auch schlechterdings keine Hofkleider bei mir. Vor allen Dingen aber muß ich Sie bitten zu machen, daß mich die Aufwartung beim Großherzog nicht um die Freude bringt, den Mittag in Ew. Hochwohlgeboren Familie zu sein. Je mehr wir überhaupt dort und allein mit den Ihrigen den Tag zubringen, desto erwünschter wird es uns sein. Herrn von Berg kann ich ja auf eine halbe Stunde besuchen. In der Stadt wünschten wir wohl die Gemälde-Sammlung und die Bildsäulen zu sehen, von denen wir neulich sprachen. Ich gebe mir auf Fall die Ehre, Ew. Hochwohlgeboren noch von dem Tag meiner Ankunft in Oldenburg, wie Sie es so sehr gütig wünschen, zu benachrichtigen. Ich kann jetzt noch selbst nicht genau bestimmen, wie lange mein Aufenthalt hier dauern wird. Dreißig Bäder nehme ich auf jeden Fall, uns dies führt mich bis zum 12. August. Sagt aber unser Befinden zu, und ist das Wetter nicht so[c] ungünstig, so bleibe ich wohl zehn Tage länger, und bringe es auf vierzig Bäder. Dann hängt es wieder davon ab. ob ich den ersten Tag von hier bis Moorburg, oder nur bis Aurich kommen kann.

Ich bitte Ew. Hochwohlgeboren mich Ihrer Frau Mutter und Ihrer Frau Gemahlin angelegentlichst zu empfehlen. Meine Tochter tritt dieser Bitte bei, und wünscht auch in Ew. Hochwohlgeboren freundschaftliches Andenken zurückgerufen zu werden. Frau von Kardorf[d] hat uns ungemein gütig aufgenommen, und ist uns eine sehr liebenswürdige Gesellschaft.[e]

Genehmigen Ew. Hochwohlgeboren die erneuerte Versicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung und meiner herzlichsten Freundschaft.
| Handschrift wvh| Humboldt.
Norderney den 28. Julius 1831.

Anmerkungen

    1. a |Editor| Leitzmann korrigiert in seinem Handexemplar (Jena, Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek, Nachlass Leitzmann V,1, Nr. 437) von Distels Buch den Namen „Lützen“ in „Lützow“.
    2. b |Editor| Dies bezieht sich auf die beiden im Jahr 1830 erschienenen Texte zu Schiller und Goethe: die "Vorerinnerung. Über Schiller und den Gang seiner Geistesentwicklung". In: Briefwechsel zwischen Schiller und W. v. Humboldt, Stuttgart/Tübingen: J. G. Cotta, sowie die Rezension "Goethes Zweiter römischer Aufenthalt" im Jahrbücher für wissenschaftliche Kritik, Nr. 45–47. [FZ]
    3. c |Editor| Leitzmann korrigiert zu „zu“.
    4. d |Editor| Leitzmann korrigiert zu „Kardorff“.
    5. e |Editor| Mathilde von Kardorff (1803–1883) war eine Schwester der Frau von Alexander von Rennenkampff. Siehe Distel 1883, S. 26 Anm. 2. [FZ]

    Über diesen Brief

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    Folgebrief
    -

    Quellen

    Handschrift
    • Handschrift verschollen; handschriftlich von Leitzmann korrigiertes Exemplar von Distel 1883: Jena, ThULB, Nachl.A.Leitzmann V,1, Nr. 437
    Druck
    • Grundlage der Edition: Distel 1883, S. 29–32
    Nachweis
    • Mattson 1980, Nr. 8382
    Zitierhinweis

    Wilhelm von Humboldt an Karl Jakob Alexander Edler von Rennenkampff, 28.07.1831. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 18.10.2021. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/536

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