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Wilhelm von Humboldt an Jacob Grimm, 28.06.1824

|1| Ich hatte mir schon längst eine Gelegenheit gewünscht, Ew. Wohlgebornen die wahre und herzliche Verehrung auszudrücken, die mir Ihre Schriften, vorzüglich die eben so geistvolle, als gründliche Behandlung der Deutschen Sprache in beiden Ausgaben Ihrer Grammatik[a] eingeflößt haben. Ich las die gehaltreiche Vorrede der ersten Ausgabe unmittelbar nach dem Erscheinen derselben, bei meinem damaligen Aufenthalt in Frankfurt, und ich kann mit Wahrheit sagen, daß mich nie etwas über Sprache Geschriebenes so durch die Wahrheit der Behauptungen und die Schönheit des Ausdrucks angezogen hat. Ich habe daher mit Bedauern gesehen, daß diese Vorrede in der zweiten Ausgabe nicht mit abgedruckt ist, und dies um so mehr, als ich mich überzeugt, daß darum sogar einige für jedes Fach der Literatur bedeutende Männer, namentlich Schlegel in Bonn, sie nicht gelesen haben. Die Grundidee des Werkes Ew. Wohlgebornen, eine Sprache geschichtlich und parallellaufend in allen Ihren |sic| Hauptdialecten in dem Detail ihrer Flexionen dazustellen, ist, auch noch ohne der treflichen Ausführung zu erwähnen, so neu, u. so auf das wahre Bedürfniß eines wirklich tief eingehenden Sprachstudiums berechnet, daß Ihre Bemühungen schon darum den lebhaftesten Dank verdienen.

Die anliegende Abhandlung empfehle ich Ew. Wohlgebornen gütiger Nachsicht. Sie bedarf ihrer um so mehr, als ihre Bestimmung zu einer akademischen Vorlesung mir nicht erlaubte, ihr eine größere Ausdehnung zu geben, und mithin jetzt |2| manche Einwendung unbeantwortet bleibt, die man vielleicht gegen eine oder die andere ihrer Behauptungen erheben könnte. Von der Wahrheit der Grundidee halte ich mich überzeugt. Ich glaube nicht, daß man eine Eintheilung der Sprachen in Agglutinations- u. Flexionssprachen[b] machen kann, sondern daß beide Arten der Wortumbildung in jeder Sprache zusammenkommen; daß die Flexion selten ursprünglich[c] ist, obgleich es unstreitig auch einige, wahrhaft ursprüngliche giebt; daß daher als Bemühen nicht verwerflich ist, den Ursprung der Flexion aus Agglutination herzuleiten, obgleich ein solches Geschick viel Behutsamkeit u. kritischen Takt voraussetzt, u. daß die Anlage einer Nation zu feinerer u. bessrer Sprachbildung zwar ebensowenig die Agglutination ganz zurückstößt, allein nicht bloß ihre Spuren leichter verwischt, sondern auch wirklich bald auf Erfindung eigentlicher Flexion kommt. Daß von dieser Anlage die Vorzüge oder Mängel der Sprache herrühren, versteht sich von selbst. Auf das Herabsteigen der Sprachen von einem bildungsreichen Zustande konnte ich in dieser Abhandlung nicht eingehen. Es gewährt aber Erscheinungen, die gerade denen des Aufsteigens zu demselben ähnlich sind. Denn wenn sich beim Aufsteigen oft die Spur der Agglutination verwischt, u. sie zur Flexion werden läßt; so verwischt sich beim Aufsteigen auch die Flexion, u. insofern dann nicht selten die grammatische Bildung durch ein hinzutretendes Wort vor sich geht (Hülfsverbum, Artikel u. s. f.) ist zwar nicht wirkliche Agglutination, aber ein Analogon derselben vorhanden.

Daß Ew. Wohlgebornen den Umlaut, in vielen Fällen wenigstens, auch durchaus phonetisch erklären, u. daß Sie ihn als unwesentlich zur Declination erklären (S. 596.)[d] darin habe ich eine mir sehr erfreuliche Uebereinstimmung mit meiner Ansicht, die ich über den gleichen Punkt im Sanskrit hege, gefunden.

Aber ich fühle, daß es unbescheiden seyn würde, in noch ausführlichere Erörterungen in diesem Briefe einzugehen, u. bitte Ew. Wohlgebornen nur noch, die Versicherung meiner herzlichsten u. ausgezeichnetesten Hochachtung anzunehmen.
Humboldt.
Berlin, den 28. Junius, 1824.
|3/4 vacat|

Anmerkungen

    1. a |Editor| Die erste Auflage der Deutschen Grammatik erschien 1819, der erste Teil der vierbändigen zweiten Auflage im Jahr 1822. [FZ]
    2. b |Editor| „Agglutinations-„ sowie „Flexionssprachen“ sind unterstrichen, wahrscheinlich von Grimm.
    3. c |Editor| „Flexion selten ursprünglich“ ist unterstrichen. Links am Rand wurden vier Zeilen angestrichen und von Grimm mit der Anm. „Abh. p. 14“ versehen.
    4. d |Editor| Diese Seitenzahl bezieht sich auf den ersten Band der zweiten Auflage der Deutschen Grammatik von 1822. – Einfügung Grimms: „auch pag. 835.“. Links am Rand die Bemerkung: „vid. Abhandl. p. 15“
    Zitierhinweis

    Wilhelm von Humboldt an Jacob Grimm, 28.06.1824. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 18.10.2021. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/541

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