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  3. Nr. 546

Friedrich Heinrich Jacobi an Wilhelm von Humboldt, 09.09.1790

Pempelfort den 9ten Sept. 1790.

— — — Den Dank, den ich wegen Ihrer trefflichen Anmerkungen zu der Jenaer Beurtheilung meiner neuen Ausgabe für Sie auf dem Herzen habe, kann ich Ihnen nicht eher bringen, bis ich Ihnen zugleich meine Abhandlung, über da legislative und executive Vermögen der alleinigen Vernunft, überreiche. Ich habe sie heute, so weit sie fertig ist, wieder druchgelesen, und neuen Muth zur Vollendung gefaßt. —

Wahrlich, ich brenne vor Verlangen, mich über die Kantische Philosophie einmal ganz ausführlich zu erklären. Dieses aber wüßte ich nicht anders anzufangen, als indem ich ihr Verhältniß zu den frühern Philosophieen Anderen in das Licht meiner Augen stellte, welches viele und große Anstalten erfordern würde. Das Glück der Kantischen Philosophie ist mir ebenso begreiflich, als der allgemeine Eindruck und die große, noch fortdauernde Wirkung des Buches de l’Esprit vor dreißig Jahren. Deßwegen kann ich mich auch nicht einmal darüber wundern, daß eine so grobe Täuschung, als diejenige, worauf die Kantische Moralphilosophie und Theologie beruht, noch von niemand entdeckt worden ist. Auch diese Täuschung ist älter als Kant. Man kann auf diesen merkwürdigen und von mehrern Seiten wirklich großen Mann ein treffliches Wort von Turgot anwenden: "Il a perfectionné les abus." Wirklich hat er den Mißbrauch der Speculation als Gebrauch im allerhöchsten Grade vervollkommnet, ihn wirklich zu Vollendung gebracht, und so eine unausbleibliche Revolution herbeigeführt, worin er Epoche macht. Seine positiven Verdienste um die Logik, folglich um die Anthropologie überhaupt, werden seinen Ruhm erhalten, so lange das Räderwerk unserer Urtheile seine Zähne behält.

— Können Sie mir nicht sagen, mein Liebster, in welchem Jahrgange und Monat-Stücke des Museums die in Kleins Gesprächen über Freiheit und Eigenthum S. 95 angezogene Abhandlung steht? Ich habe diese Gespräche wegen der vielen scharfsinnigen, oft tief geschöpften Bemerkungen, richtigen Urtheile und trefflichen Gedanken, die sie enthalten, mit großem Vergnügen gelesen, ungeachtet der unglücklichen Form von Gesprächen zwischen lauter Gespenstern, (von wirklichen Menschen, wie in der Vorrede versichert wird) die sich unaufhörlich sperren, um nicht in einander zu fließen, und es gleichwohl, wenigstens nach dem Augenschein des Lesers, nicht vermeiden können.

Künftigen Monat, den 31sten, werden es zwei Jahre, daß ich Sie, mein Freund, zum erstenmal sah, und gleich von ganzem Herzen liebte. Mann, wo sehen wir uns einmal wieder? In Wahrheit, ich dachte nicht, daß Sie eine so gute Meinung von mir gefaßt hätten. Jetzt weiß ich, daß Sie eine zu gute von mir haben. Aber so wohl thut es mir, daß ich selbst die Gefahr eines solchen Irrthums wohl laufen mag. Von gewissen Seiten, weiß ich, daß ich bei Ihnen nie verlieren kann, sondern, immer mehr gewinnen muß, und so wird sich das Gleichgewicht beständig wieder finden, sowohl zum Vortheile der Wahrheit als der Freundschaft. Was ich unaussprechlich bedaure, ist, daß bürgerliche und politische Geschäfte Sie allmählig ganz verschlingen werden. Werden Sie, ich bitte Sie flehentlich darum, der Philosophie doch nicht ganz ungetreu. Die Bemühungen eines freien und markigen Denkers, sey es auch blos in Nebenstunden, sind fruchtbarer als die Schweißströme der Leute vom Handwerk. Ja wohl Handwerk! Mir ist bei diesen Leuten, als sähe ich einen Lyoner Modell-Punctirer oder Zugwerk-Knüpfer mit Verachtung auf die ungefähren Pinseleien eines Le Sueur oder Poußin herabsehen. Freilich kann man mit den Händen die Baumwolle nicht so fein spinnen, als sie die Spinnmaschine liefert; mit dem bloßen Auge nicht so weit sehen, als mit Herschel’s Seh-Rohr; aber ich denke, wir behalten dennoch unsere Hände, unsere Augen — unsere Spontaneität.

Zitierhinweis

Friedrich Heinrich Jacobi an Wilhelm von Humboldt, 09.09.1790. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 31.08.2020. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/546

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