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Friedrich Heinrich Jacobi an Wilhelm von Humboldt, 31.01.1794

Pempelfort, den 31ten Jan. 1794.

Vie de malingre! vie insupportable, mort continuelle, avec des momens de résurrection! Diese Klage Voltaire’s gegen d’Alembert habe ich schon oft bei meinen Freunden angebracht, und wahrlich mein liebster H. ich bin würdiger sie zu führen, als der Mann, dem ich sie nachspreche. Zu meinen vielen Uebeln kam im Mai 1792 noch eine Augenschwäche, welche so bedenklich wurde, daß ich den gänzlichen Verlust meines Gesichts besorgen mußte. Stellen Sie sich meine Angst, meine Traurigkeit vor! Um mich zu zerstreuen wollte ich nach Frankfurt auf die Krönung, von da nach Carlsruhe zu den Schlosserischen[a] reisen. Daraus wurde nichts, weil Schlosser einen Einfall der Franzosen befürchtete. Nun ging ich im Juli nach Achen |sic|. Dort fand ich Herder mit seiner Frau. Die Freude des Wiedersehens verschlang alle Erinnerung des zwischen uns gewesenen Haders, und wir brachten vier sehr glückliche Wochen miteinander zu. Nun unternahm ich doch noch die Reise nach Carlsruh, weil Göthe mich dringend zu einer Zusammenkunft mit ihm in Mainz einlud; er wollte mir auch bis Coblenz entgegenkommen. Ehe ich fertig werden konnte, mußte Göthe zum Herzog ins Lager. Ich war aber nun reisefertig und reiste. Vier selige Wochen brachte ich dort zu, und hatte noch vierzehn Tage vor mir, als die Franzosen durch die Einnahme von Speier dieser Herrlichkeit ein schreckliches Ende machten. Es war nicht leicht auszumachen, auf welchem Wege ich sicher wieder nach Hause gelangen könnte. Zurück mußte ich, wenn auch nur zum Einpacken und Flüchten. Meine Schwestern[b] waren mit mir gereist, und meine Tochter, die anderthalb Jahre im Schlosserischen Hause zugebracht hatte, wollte ich jetzt mitnehmen. Wir zogen nach Stuttgart; von dort unter tausend Besorgnissen über Heidelberg nach Frankfurt, und erreichten endlich glücklich unser Pempelfort. Gleich darauf wurde Mainz eingenommen und wir verlebten wieder vierzehn angstvolle Tage. Damals lag ich eines Abends wegen Kopfweh hingestreckt auf einem Canape, und Lene las mir vor. Ein geschwätziger Kriegsrath R., den ich auf meiner Rückreise von Carlsruh bei Dohm kennen gelernt hatte, wollte mir über den Hals. Er kam mit seinem Registerschiff von Wesel zurück. Ich hatte ihm sagen lassen, daß ich todkrank, – wenn es seyn müßte – gestorben, begraben wäre. Das war geschehen, schon vor zwey Stunden, und ich glaubte mich gerettet. Da klingelte es und ich höre Geräusch; ein Bedienter kommt hereingeschlichen – "ein fremder Herr" – doch der verdammte R., sagte ich verzweiflungsvoll; ich sehe … ich spreche ihn nicht! Lene ging hinunter, und zu sehen wie sie dem Uebel abhülfe; der Fremde war schon an der Treppe, das hörte ich, sprang auf – Göthe! rief ich aus; gewiß Göthe! – Er war es, liebster H., er selbst! Er war nur auf acht Tage gekommen, blieb vierzehn Tage, blieb drei Wochen, und wäre wahrscheinlich bis zum Frühjahre, wenigstens noch eine gute Zeit geblieben, wenn nicht Dumouriez mit Riesenschritten herangerückt wäre. Da die Franzosen in Aachen einrückten, brach Göthe auf. Nach dieser Trennung ging es uns übel. Traurig und kummervoll brachten wir den Rest des Winters zu, doch nicht unerheitert durch mancherlei Genuß und Hoffnung. Am Neujahrstage 1793 kam mein Sohn Georg von seiner mit Stolberg nach Italien gemachten Reise zurück. Ich hatte große Freude, und Freude gibt Muth. Die Sorge mein Gesicht zu verlieren hatte schon im Herbst abgenommen. Da mich dieses Uebel heimsuchte, war ich mitten in der Arbeit an Woldemar. Ich suchte nun meine Papiere wieder hervor und griff das Werk von neuem an. Es wollte doch nicht recht damit voran so lange die Franzosen noch diesseits der Maaß standen. Hierauf ging es, und ich ließ nicht mehr ab, obgleich mein Befinden oft sehr schlecht war. Ich war so gut als fertig, als mich im September die Schlosserischen[c] und mein Bruder aus Freyburg besuchten. Dohms[d] und mehrere meiner Freunde versammelten sich zu ihnen in Pempelfort. Des Guten wurde in der That zu viel; man konnte nicht alles genießen, und dieses Nichtkönnen schien Entbehrung. Zu Cöln in Dohm’s Hause schieden wir den 21ten October auseinander. Ich kehrte zurück nach Pempelfort und arbeitete ohne Unterlaß an der Vollendung meines Werkes. Hier ist es, liebster H. — —

Anmerkungen

    1. a |Editor| Johann Georg Schlosser und seine Frau Johanna, die Halbschwester von Jacobis Mutter. In erster Ehe war Schlosser bis zu ihrem frühen Tod im Jahr 1777 mit Cornelia Goethe, der jüngeren Schwester Goethes, verheiratet.
    2. b |Editor| Jacobis Halbschwester Charlotte ("Lottchen") und Helene ("Lenchen").
    3. c |Editor| Siehe die Anmerkung oben.
    4. d |Editor| Christian und Anna Henriette Elisabeth von Dohm.
    Zitierhinweis

    Friedrich Heinrich Jacobi an Wilhelm von Humboldt, 31.01.1794. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 31.08.2020. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/547

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