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Friedrich Heinrich Jacobi an Wilhelm von Humboldt, 02.10.1796

Wandsbeck den 2ten Oct. 1796.

— — Die Recension des Vossischen Homer hatte ich schon gelesen, da Ihr Brief ankam. Sie hat eine Menge ganz vortrefflicher Stellen; und was sie tadelt, wird schwerlich jemand loben können. Einige Einwürfe hätte ich jedoch zu machen. Z.B. es soll ein Sprachfehler seyn, jener zu gebrauchen, wo nur Ein Subject vorhergeht. Wir sagen ja: jene Tage, Jene Freuden, jenes Leben — Ich hasse jene entmenschende Wollust die u.s.w. und so in hundert andern Fällen. Etwas zu streng finde ich den Recensenten auch in Ansehung der Wortstellung. Ich lese z.B. in Schiller’s Don Carlos Act IV. Auftr. 19. am Schluß: „Die Gräfin Fuentes tritt ab, und herein stürzt die Prinzessin Eboli,“ und finde es nicht anstößig. Ist es aber hier nicht anstößig, wie viel weniger dürfte es anstößig in der edleren Prosa und gar im Hexameter seyn. Einige der Verdrehungen, die Vossen hier vorgeworfen werden, hatte ich ihm selbst schon als unverantwortlich vor Augen gestellt, und noch mehrere, z.B. Ges. V. v. 456. „Möchtest du nicht den Mann aus der Schlacht hingehend vertreiben?“ Doch glaube ich nicht, daß solcher ganz verdammlicher Stellen viel über funfzig in der ganzen Vossischen Ilias zu sammeln wären, und diese verzeihe ich ihm gern, wegen des großes |sic| Vortheils, den seine Kühnheit im Ganzen der Sprache bringen wird.

— — Nachdem ich Schiller’s Abhandlung über naive und sentimentale Dichter mit großem Genuß zu Ende gelesen hatte, nahm ich Don Carlos vor, fest entschlossen, wie mir auch dabei zu Muth würde, bis ans Ende auszuhalten. Anfangs ging es mir dabei noch schlimmer als das erste mal; ich mußte mich im eigentlichen Verstande durchquälen, bis mir endlich bey der letzten Wendung im 8ten Auftritt des 2ten Acts eine Anwandlung von Interesse kam. Dieß half mir weiter unter mancherlei Verdruß und dürftiger, zweideutiger Befriedigung. Ganz ungerührt blieb mein Herz bis in den 10ten Auftritt des 4ten Acts. Nun kamen Auftritte, Stellen, Züge, die mich ergriffen, und mir das höchste Wohlgefallen durch Rührung und erregte Bewunderung gaben. Mehrmals war ich ganz entzückt über den Mann, der, was da stand, aus seiner Seele schuf. Aber am Ende konnte ich das Gedicht im Ganzen doch nicht loben. Es ist einer der unnaivsten Producte, die mir je vorgekommen sind. Ein kalter Palast, worin die überheizten Oefen riechen. Wie sich in Schiller Empfindung und Phantasie zu einander verhalten, kann ich mir noch nicht klar genug machen; denn der Hang, jene aufzublasen oder zu übertreiben, beweist noch nicht den Ueberfluß an dieser. Ich glaube selbst ein gewisses Herumtappen des Künstlers wahrzunehmen, welches von einem Mangel an Kunsterfindung herzukommen scheint. Der Mangel an Absicht hat alle Mittel dürftig gemacht. In der Hoffnung, über die Entstehung dieses sonderbaren Wesens einiges Licht zu erhalten, habe ich Schiller’s Briefe über Don Carlos zur Hand genommen, und wirklich große Erläuterung darin gefunden. Ich habe nun auch Schiller’s Abhandlung über Anmuth und Würde vorgenommen, und bin bis auf wenige Blätter damit zu Ende. In dieser Ausarbeitung gefällt er mir über die Maßen. —

Zitierhinweis

Friedrich Heinrich Jacobi an Wilhelm von Humboldt, 02.10.1796. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 31.08.2020. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/549

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