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  3. Nr. 565

Wilhelm von Humboldt an Friedrich Heinrich Jacobi, 21.11.1808

Erfurt, den 21. November, 1808.

In diesem Augenblick, theurer Jacobi, erhalte ich Ihren Brief vom 12. unbegreiflich spät, wie Sie sehen, u. eile sogleich Ihnen aus vollem Herzen für dies neue Zeichen Ihrer Liebe zu danken. Der meinige wird Ihnen auch zugekommen seyn, und Sie werden also gesehen haben, dass wir diesmal beide zuerst schrieben. Ich hoffe, wir werden jetzt auch beide immer pünktlich antworten, u. freue mich herzlich auf den lang entbehrten Genuss Ihrer Briefe. Fahren Sie aber ja fort zu dictiren u. schonen Sie Ihrer Augen.

Von Erfurt werden Sie nicht erwarten, dass ich Ihnen etwas sage. Nicht leicht mag es in Deutschland eine zweite solche Gedankenöde, einen solchen Todesschlummer aller geistigen Kraft geben. Aber ich war in Weimar, u. sah Göthe zwei Tage lang, sprach viel von Ihnen mit ihm, u. soll Sie herzlich von ihm grüssen. Ich fand ihn wohl, u. wie Sie ihn kennen, beschäftigt, indess ziemlich zornig über so manches literarische Unwesen in Deutschland. Er klagt so ernstlich über Anarchie, Formlosigkeit, u. Mangel an Technik in den neuen Poeten u. Autoren, dass es ihn doppelt verdriesst, so viel wahres Talent in ihnen zu finden, und zu Grabe gehen zu sehn, und dass er nah daran ist, mancherlei Beschränkungen, die jenseits des Rheins Mode sind, wenigstens nicht sonderlich zu tadeln. Uebrigens fährt er fort, um sich her, soviel er kann, zu wirken, u. liest z. B. alle Mittwoch Vormittag einem ausgewählten Cirkel, unter dem sich auch die Herzogin befindet, die Niebelungen vor. Mit dem Kaiser Nap. hat er eine lange Unterredung gehabt, über seinen Werther u. das Französische Theater. Ueber den ersteren versichert er, habe der Kaiser sehr wahre, frappante, u. ihm sonst nie vorgekommene Bemerkungen gemacht; das letztere kenne er bis zur Bewunderung genau, u. habe alle historische u. poetische Motive der bekanntesten Stücke bis in ein ungeheures Détail hinein verfolgt. Sehr viel haben wir auch Bettinas erwähnt, die er nach Würden, wie wir, schätzt. Sagen Sie ihr das, liebster Jacobi, u. erhalten Sie mein Andenken bei ihr, wenn in diesen ewigen Wellen irgend etwas zu erhalten ist.

Von der Zusammenkunft der Kaiser hat man hier eine Menge, aber grösstentheils unmerkwürdige Anekdoten.[a] Eine interessante ist mir die gewesen, dass der Kaiser das Schlachtfeld von Jena nicht gleich wiedererkannt, u. sich mit Mühe darauf orientirt hat. Den Moment zu benutzen, u. den vorhergehenden immer im gegenwärtigen untergehen zu lassen, habe ich immer für das ächte Gepräge des praktischen Genies gehalten.

Paulus in Nurnberg habe ich mit grossem Vergnügen wiedergesehen. Ich habe ihm von der guten Meynung gesprochen, die Sie, mein Lieber, von ihm haben, u. er war sehr gerührt davon. Er ist begierig in die ganze Thätigkeit seiner Stelle zu kommen, und Ihre Regierung kann gewiss darauf rechnen, in ihm einen treflichen Arbeiter zu besitzen. In Erlangen ist auch eine Art von moralischem Tod. Ein Jurist, Gros, indess verdient eine ehrenvolle Ausnahme. Er ist einer der hellsten Köpfe, die sein Fach in Deutschland aufzuweisen hat. Uebrigens ist es nicht wahr, dass die Professoren in Erlangen ihre Collegia eingestellt hätten. Sie lesen ohne Gehalt, u. für wenige Zuhörer, aber ununterbrochen fort.

Sehr leid thut es mir, liebster Jacobi, dass Ihnen die Nummern der Hallischen Literatur Zeitung fehlen, die Sie mir anzeigen. Ich habe sie nicht in München lesen können, u. da sie noch am letzten Abend unter meinen Sachen lagen, u. mein Begleiter ohne mich einpackte, hat er das Heft mit in den Koffer gelegt, so dass ich es erst jetzt auf angestellte Nachsuchung wiedergefunden habe. Es soll aber nun, wohl eingepackt, mit der ersten fahrenden Post abgehen.

Ehe ich es aber abgehen liess, habe ich die Recension gelesen,[b] u. wie Sie es mir voraussagten, mit Vergnügen. Sie rührt offenbar von einem äusserst guten Kopfe her, der sich mit Leichtigkeit u. Kraft in seiner Materie herumbewegt. Da ich Schl. Schrift nicht kenne, so weiss ich nicht, ob der Rec. seine Meynungen treu darstellt. So, wie er es thut, muss nothwendig jeder ihm Recht geben. Die dort geschilderte Idee einer religiösen Tragödie, das unbedingte Erheben Calderons, u. die Maxime, dass das Trauerspiel ein Ausdruck der Idee der göttlichen Vorsehung seyn müsse, – alles das ist geradezu abgeschmackt nach meiner Ansicht der Sache. Allein mit dem, was der Recensent als seine eigne Vorstellung der Tragödie, zu erkennen giebt, könnte ich leicht noch mehr hadern, ohngefähr eben so, wie mir ein Schwärmer doch am Ende noch lieber ist, als ein reiner Materialist, der, wie ein sehr berühmter Mann (aber kein gekröntes Haupt) vor Kurzem hier bei Gelegenheit der Französischen Tragödie sagte, Hass u. Liebe nur für einen choc des sensations hält. Aus seiner Schilderung der Tragödie (p. 750. col. 6. unten) fällt alles Idealische heraus, u. eine Kotzebuische kann am Ende auch eine seyn; wie denn auch Aristoteles wohl leicht mit der Bemerkung einkommen möchte, dass er eine andre Furcht u. ein andres Mitleid, als das dort angegebene rein egoistische gemeynt habe. Daher kommt es nun auch, dass Rec. alle idealistische Tragödien zusammenschmeisst, wie uneins sie auch unter sich seyn mögen, die Jungfrau von Orleans, die auch der Schlegelschen Parthei ein Gräuel ist, verdammt, selbst Macbeth doch nicht oft haben will, u. bloss – man weiss, besonders wenn man an das religiöse Ende Egmonts denkt, nicht warum – Göthe auszunehmen scheint.

Schl. mag das Symbolische wohl misverstanden haben, allein meiner Ansicht nach, bleibt das Symbolische immer das Charakteristische alles Grossen in Wissenschaft u. Kunst, u. also das Tragisch-Symbolische auch der Tragödie. Allein das Symbol ist kein Satz, keine Idee einmal, die sich in Worten ausdrücken lässt, u. noch weniger kann zum Symbol (wie zur Moral einer Fabel) ein konkreter Fall erfunden werden. Der Gang aller Symbolik ist vielmehr umgekehrt immer vom gegebenen Endlichen zum nie ganz erkannten Unendlichen. Dem Inhalte nach ist mir das Symbol Eins mit den Platonischen Ideen – das Höchste, das Unendliche, Ursprüngliche; allein nicht allgemein, sondern auf diejenige bestimmte Weise, zu der ein im glücklichen Moment aufgefasster Gegenstand der Wirklichkeit führt. Wenn es daher nur Eine Idee – die Gottheit – geben kann, so giebt es so viele mögliche Symbole, als es wirkliche, u. mit göttlichem Samen begabte Individuelle Gegenstände giebt. Die im Symbol vorgehende Verschmelzung des Endlichen u. Unendlichen ist objectiv unmöglich; aber subjectiv in erhöheter u. begeisterter Stimmung des Gemüths ist sie es Gottlob! ebenso wenig als reine Liebe in dem an sich fleischlichen u. sinnlichen, sittliche Freiheit in dem an sich naturbedingten, oder Tugend in dem an sich eigennützigen Menschen, u. es ist allerdings, dünkt mich, ein Prüfstein der wahren Tragödie, ob sie ihre Personen dahin bringt, symbolische Gestalten zu werden. Ja, da am Ende jede grosse Tragödie doch auch eine Einheit hat, die man Einheit der Idee nennen kann, so lässt sich wirklich behaupten, dass sich jede zuletzt in Ein Symbol zusammendrängt, nemlich in die Idee der bestimmten Art des Kampfes, welchen die Menschheit darin gegen das Schicksal besteht. Ich weiss nicht, mein Bester, ob Sie Sich der Vorrede zu Schillers Braut von Messina erinnern. Sie entwickelt, wie es mir scheint, das was in diesen Ideen wahr seyn kann, vortreflich, u. gehört auch für den Styl zu dem Schönsten, was Schiller je geschrieben hat. Dem Tadel des Mädchens von Orleans in der Rec. werden auch Sie, mein Lieber, wie Sie auch über das Stück denken mögen, schwerlich so beistimmen. Denn bei aller Gerechtigkeit, die man scheinbar dem Schillerschen Genie wiederfahren lässt, wird das Stück selbst doch zu einem unzusammenhängenden Mischmasch herabgewürdigt.

Aber ich sehe, dass ich in das Unglück der langen Briefe verfalle. Zürnen Sie mir nicht, theurer Jacobi, u. lassen Sie Sich nicht von baldiger Antwort abschrecken. Sehe ich, dass Sie zögern, so schreibe ich unmittelbar einen zweiten kurzen. Denn den Genuss Ihres Briefwechsels lasse ich mir nun nicht ferner rauben. Tausend Empfehlungen an alle die Ihrigen.

Mit inniger Liebe
Ihr
H.

Anmerkungen

    1. a |Editor| Beim Erfurter Fürstenkongress trafen Napoleon I. und Alexander I. von Russland vom 27. September bis 14. Oktober 1808 im französisch besetzten Erfurt zu Verhandlungen aufeinander. [FZ]
    2. b |Editor| Siehe das Digitalisat der Rezension. [FZ]

    Über diesen Brief

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    Quellen

    Handschrift
    • Ehem. Berlin, AST; 1945 verbrannt
    Druck
    • Grundlage der Edition: Leitzmann 1892, S. 75–79
    Nachweis
    • Mattson 1980, Nr. 1959
    Zitierhinweis

    Wilhelm von Humboldt an Friedrich Heinrich Jacobi, 21.11.1808. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 31.08.2020. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/565

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