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Wilhelm von Humboldt an Gustav Seyffarth, 07.01.1829

|58r| An Seyffarth.

Ew. Wohlgebohrnen <Wohlgebornen> ausführlichen Brief[a] habe ich heute erhalten und beantworte ihn sogleich. Es hat mich sehr interessirt zu sehen, wie ungemein viel Sie zusammengebracht haben. Da Sie gewiss mit grosser Genauigkeit abgeschrieben, so ist schon eine solche Sammlung, alles Theoretische und Systematische sogar bei Seite gesetzt, ein wahrer Schatz.

Ich freue mich ungemein, dass Ew. Wohlgebornen so sehr darauf dringen, dass alle, die sich mit Aegyptischem Alterthum beschäftigen, in Einigkeit zusammen handeln, und jedem seine Entdeckung lassen sollten. Ebenso ist es ein Beweis Ihrer Unpartheilichkeit, dass Sie zugestehen, einiges <Einiges> aufgestellt zu haben, was Sie jetzt zurücknehmen müssen. Dies kann und muss bei so schwierigen Gegenständen immer der Fall seyn.

Da Sie sich so sehr gütig und vertrauensvoll gegen mich äussern, so erlauben Sie mir Ihnen recht offen zu sagen, was Sie, um in der Aegyptischen Entzifferung einen auch dem Publikum Sicherheit gewährenden Weg zu gehen, thun müssten.

Wenn ich von Ihrem Beginnen rede, so unterscheide ich dreierlei.

1., Ihre Behauptung, dass der Weg von der demotischen Schrift zu den Hieroglyphen, als ausgemahlten Buchstaben gegangen sey, nicht, wie man bisher behauptet, rückwärts.

2., Ihr Entzifferungssystem.

3., die von Ihnen aus entzifferten Handschriften gemachten Entdeckungen.

Der erste Punkt ist rein theoretisch. Ich kann Ew. Wohlgebornen darin nicht beitreten, allein dies ist für die Entzifferung im Grunde gleichgültig.

Der letzte Punkt, die Entdeckungen, hängt vom zweiten ab. Denn ist Ew. Wohlgebornen Entzifferungssystem nicht richtig oder nicht falsch, so können auch die doch danach gemachten Entdeckungen es nicht seyn.

Alles kommt also auf Ihr Entzifferungssystem an. Dies nun – Sie werden meine Freimüthigkeit verzeihen – ist in Ihren Rudimenten noch bei weitem nicht klar und bestimmt genug auseinandergesetzt, und daran würde ich Ihnen rathen, zuerst zu arbeiten.

Champollion fieng vom Leichten an und gieng zum Schwereren über, er stellte gleich ein, und zwar einfaches Alphabet auf, er gab eine Liste symbolischer Zeichen. Man konnte nun jedes Wort prüfen, es in seine Theile zerlegen, und die Theile aufsuchen. Ich bin ihm so Schritt vor Schritt |58v| nachgegangen, und dies Nachgehen hat mir die Ueberzeugung gegeben, dass sein System, einiges Unrichtige oder Zweifelhafte ausgenommen, das Wahre ist.

In Ew. Wohlgebornen Schrift ist eine solche Masse von Zeichen für einen Buchstaben, dass ich mir nicht getrauen würde, danach ein einziges Wort zu entziffern. Ich sage darum nicht, dass es nicht möglich ist. Aber dem Leser wird es nicht klar, er behält den Verdacht, dass man dieselben Zeichen sehr verschieden erklären könne. Sie geben auch nicht genug Zergliederungen einzelner Wörter.

Um diese Zweifel zu heben, um Ihr System, gegen das ich nicht anmassend abspreche, wenn es auch mir nicht einleuchtet, siegreich durchzuführen, würde ich Ihnen rathen, es noch einmal vorzunehmen, bestimmt zu sagen was Sie für alphabetisch halten, ein möglichst einfaches Alphabet aufzustellen, und nun eine oder zwei Inschriften in zwei Sprachen so durchzugehen, dass Sie jedes Wort analysiren und auf die gegebnen Elemente zurückweisen. Auf ein solches Fundament läßt sich weiterbauen <weiter bauen>, und nach einem solchen beurtheilen.

Was sich in den Hieroglyphen nicht in Buchstaben auflöst, kann nur symbolisch oder figurativ seyn. Erklärt man es weder für das eine noch andre und giebt doch der Gruppe von Zeichen eine feste Bedeutung, so ist die Kenntniss noch mangelhaft. Man erkennt den Sinn, aber man begreift nicht die Bezeichnung. Je weiter man vorrückt, desto mehr löst sich die Gruppe auf. Es war der wichtigste Schritt, den Champollion für die Wissenschaft that, gleiche Elemente aufzusuchen, da Young immer viel zuviel bei den Gruppen stehen geblieben ist. Ew. Wohlgebornen erwähnen von Spohn und sich, als einen Unterschied gegen Champollion, dass Sie gleich auf ganze Texte ausgegangen sind, er auf einzelne Wörter, meist Namen. Ich gestehe aber, dass mir Champollions Weg hierin natürlicher, vorsichtiger und sichrer scheint. Ich mistraue jeder Entzifferung eines ganzen Textes. Ein Text besteht aus Einzelnem, also mit dem Einzelnen muss ich anfangen, und es ist kaum glaublich, dass in irgend einem längeren Text alles Einzelne sollte entzifferbar seyn. Rathen kann man allerdings Viel. Champollion sagte mir diesen Sommer in Paris, dass er nun die ganze Rosettische Inschrift entziffern könne, aber ich gestehe, dass ich nicht daran glaube.

Wenn ich hier Ew. Wohlgebornen mein Glaubensbekenntniss offen und frei dargelegt habe, so verzeihen Sie je diese Offenheit. Ich folge darum mit nicht weniger Interesse Ihren wichtigen Arbeiten und |59r| würde die Plane, von **** <denen> Sie mir für Ihre innere|?| Lage reden, nicht minder gern unterstützen, wenn nicht hier bei uns jetzt durchaus keine Möglichkeit dazu vorhanden wäre.

Erhalten Sie mir Ihre gütigen Gesinnungen und empfangen Sie die erneuerte Versicherung meiner hochachtungsvollsten Ergebenheit.
Berlin, den 7. Jan. 1829.
Humboldt.

Die Champollionsche Schrift die Ew. Wohlgebornen wünschen, ist mir gar nicht bekannt, und in Berlin ist sie gewiss nicht vorhanden. Das Erste, was ich von ihm habe, ist die lettre à Dacier in 8. Diese steht Ew. Wohlgebornen jeden Tag zu Diensten, Sie haben sie aber gewiss.

Anmerkungen

    1. a |Editor| Der Brief scheint nicht erhalten zu sein.

    Über diesen Brief

    Abschrift von Leitzmann
    Schreibort
    Antwort auf
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    Folgebrief
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    Quellen

    Handschrift
    • Verbleib unbekannt; zuletzt bezeugt im Versteigerungskatalog 4 der Fa. K.E. Henrici (Berlin 1910); Grundlage der Edition: Abschrift: Jena, ThULB, Nachlass Leitzmann, Inv.-Nr. 405
    Druck
    -
    Nachweis
    • Mattson 1980, Nr. 7970
    Zitierhinweis

    Wilhelm von Humboldt an Gustav Seyffarth, 07.01.1829. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 31.08.2020. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/617

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