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  3. Nr. 63

Friedrich Wilhelm Georg Stäger an Wilhelm von Humboldt, 26.08.1832

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Regest

Ew. Excellenz erlauben mir gewiß, Ihnen das beifolgende Manuskript meiner Übersetzung …

Aus Halle. Stäger schickt das Manuskript seiner Übersetzung des Oidipus auf Kolonos von Sophokles an Humboldt mit der Bitte, dieses "gewogentlich eines prüfenden Blicks zu würdigen, und" den Autor "mit wenigen Worten darüber, sei es billigend oder tadelnd, belehren zu wollen." Seine Übersetzung sei mit derselben Absicht entstanden, die Humboldt für seine Übersetzung des Agamemnon geäußert habe: "sie sollte nicht blos einen unbestimmten schwankenden Schatten des Urbildes darstellen". Er schildert die Probleme, das griechische Versmaß in das deutsche zu überführen. Die verwendete Verseinteilung entspricht der in Elmsleys Ausgabe. Er bittet um Zusendung des Manuskripts und einer Antwort an Isaak Markus Jost. Es folgt ein zehnseitiges Gutachten Humboldts in Schreiberschrift.



|Anhang|

|98r + v vacat|
|Das folgende Gutachten Humboldts in Schreiberhandschrift|

|99r| Da der Verfasser der Übersetzung des Oidipus auf Kolonos sich die gewiss ebenso nothwendige als schwerzuerfüllende Aufgabe gestellt hat, sein Urbild in Form und Inhalt möglichst getreu wiederzugeben, so mussten folgende Gesichtspunkte zur Beurtheilung des Geleisteten genommen werden.

1.) Sinn 2) Ausdrucksweise 3) Korrektheit des Deutschen. 4) Metrik.

In Bezug auf den ersten Punkt ist mir kein Verstoß aufgefallen.

Dagegen möchte ich als nicht getroffen in der Ausdrucksweise etwa folgende Stellen bezeichnen:
v. 3. Pilger statt πλανήτης – v. 14. Ach Vater, armer Oidipus p. πάτερ ταλαίπωρ᾽ Οἰδίπους, wo ταλ. gewiss mehr zu πάτερ gehört – v. 39. die gräulichen Göttinnen, Gä („Ge“ sollte es heißen) u. Skotos Töchter |99v| haben ihn (sc. den Ort.); wo weder gräulich dem ἔμφοβοι noch haben dem Sinne des ἔχειν entspricht. – 39 unheimlich statt ὀυκ οἰκητός – v. 63. vgl. mit der Note enthält zwar scheinbar einen guten Gedanken, der aber schwerlich wahr ist, da Sage und Mitbewohner (sc. die Götter, deren Tempel hier sich befanden, u. welche in die Geschichte des Pagus Kolonos verflochten waren) hier ziemlich identisch ist. – v. 81 ἧμιν ist nicht ist nicht von uns, sondern der sogenannte ethische Dativus vgl. Matth Gr. Gr. § 392, wo sogar die Stelle angeführt wird. v. 90 σεμνός durch streng, da es doch ehrwürdig ist, und jene Bedeutung sogar als mali omnis zu dem euphemistischen Namen Εὐμενίδες sehr contrastirt. – v. 95 Blitz des Zeus statt Stral des Zeus (Διὸς σέλας) – v. 97 Das poëtische πτέρον ganz verwischt durch das platte: „Mahnung“ – v. 100 „den Nüchternen ich nüchtern“ – enthält erstlich eine Figur, welche der Text nicht hat, u. ist zweitens nicht dem ἀνοίνοις <ἀοίνοις> („den Wein-Scheuenden“) nicht entsprechend. – v. 114f. „bis ich sie zuvor erkannt aus Reden ihres Mundes“, st. bis ich zuvor von ihnen vernommen, was für (welche) Reden sie sprechen |100r| v. 229.f. wie er litt, statt was er litt. Dann ist dort τίσις u. τίνειν zusammengestellt, eine absichtliche Figur, welche der Übersetzer weglässt (umgekehrt als in v. 100) 231. ἑτέραις ἑτέρα – „der arge so arg“ die Bedeutung arg ganz hinieingetragen <und undeutlich>, v. 780 „schnöde Lust“ für ματαῖος ἡδονή – v. 783 Wicht für κακός ist einmal zu stark, unedel, u. dem Sinne nicht angepasst; dann aber geht auch die Wortfigur verloren, nach welcher v. 782 u. 783 mit dem Worte κακός endigen. – v. 729 ist τὶς der unbestimmte, mit dem fragenden τίς verwechselt. Derselbe Irrthum scheint in v. 38 stattzufinden, wo τοῦ gewiss in dem Sinne des Lateinischen ecquis oder numquis zu nehmen ist. – v. 732. ist ἐπιών nicht „der Zudringliche“ sondern = ὁ τυχών „der Erste Beste“[1]. – 805. λῦμα „Geisteswurme“ – 875 τόν δε („diesen die“) durch den Wicht übersetzt cf über v. 783. Ebenso <zu> grob ist <v. 592.> das ὦ μῶρε (i. e. „Kurzsichtiger“) mit „O Thor“ wiedergegeben. – v. 1109 Pilger für φώς. – 1192 „ungerathene Brut“ für γοναὶ κακαί ist unedler für unser Gefühl, als das Griechische für das Griechischer Gefühle <Griechische Gefühl>.[2] – 1420 u. 1431. ὦ παῖ mit |100v| „Theurer“ und „O Du Lieber“ übersetzt, welcher Ausdruck geschwisterlicher Zuneigung in diesem Zusammenhang gewiss zu stark ist. – Endlich will ich hierher noch die Stellen v. 601 u. v. 623 rechnen, obgleich sie eigentlich unter die erste Kategorie gehören. In jener ist ὡς πατροκτόνῳ durch „wie einem Vatermörder“ gegeben, während doch ὡς hier soviel ist, als ὅτι πατροκτόνος εἰμί oder ὥστε πατροκτόνῳ ὄναι (quippe qui essem patricida), also das Deutsche: als: in letzterer ist χὠ (sc. καὶ [εἰ] ὁ) Διὸς Φοῖβος σαφής „und [wenn] Phoibos wahr und göttlich ist“ übersetzt. –

Hinsichtlich des Deutschen an sich – zum Theil auch noch mit Bezug auf die vorerwähnte Kategorie – sind mir folgende Stellen vorzüglich als verfehlt aufgefallen, theils wegen Unverständlichkeit, theils wegen Anstößigkeit für das deutsche Ohr, theils endlich wegen andrer Übelstände.

v. 20 einen Weg thun. – v. 21 lass michmich setzen. (über v. 39 s. oben.) – v. 48 durchaus unverständlich u. undeutsch, dazu untreu. – v. 64. Leute u. v. 65 Ja freilich etwas zu vulgär – v 69 „des weiland Aigeus Sohn“, ist wenigstens gewagt – v. 76. „ohne dieß Geschick“ undeutlich (vielleicht besser „sonder“) – v. 102. „in Apollens (wol Apollons) Weissagung“, was weder verständlich, noch deutsch, noch dem Griechischen κατά (nach) entspricht. |101r| v. 113. „Will schweigen“ st. Ich will schweigen. Diese Auslassung des Personalpronomens, welche im Deutschen nur in der naiven Sprache gestattet ist, und auch aus dem Grunde, weil wir im Deutschen, wie überhaupt in den neueren Sprachen, so wenig bestimmte Endformen für die Personen haben, schwerlich weiter ausgedehnt werden darf, ist bei dem Übersetzer sehr häufig (cf. v. 200 <v. 329. v. 359. v. 516> u. aa. Oo) – 75 „Du weißt hier nicht zu fehlen“ cf. 657 „Du weißt nicht – – Drohung“, undeutsch. v. 144. u. 145 sind durch die unpassende Nachahmung des Griechischen Infinitivs durchaus unverständlich, zugleich aber auch wol missverstanden, da der Sinn wol <doch> der ist: „Nicht Einer, der seines ersten (d. h. des von Anfang an über ihm waltenden) Geschickes wegen <glücklich> zu preisen ist –“ i. e. Einer, der <nicht> seines ihn seit der Geburt ihn verfolgenden (Miss-) Geschickes wegen, nicht glücklich zu preisen (d. h. zu beklagen) ist d. h. „Einer, der nicht ganz <u.> immer (πάνυ u. πρώτης) glücklich zu preisen war“, oder: „der einst glücklich war, aber später unglücklich wurde“; worauf sich dann der mit γάρ angeknüpfte Gedanke bezieht, „daß dieses Unglück der Blindheit u. Niedrigkeit ihn (den Oid.) nicht vonjeher |sic| verfolgt habe. – v. 153. bei mir undeutlich und vielleicht missverstanden für: „soviel an mir ist“. – 161. „Die“ – wol „das (sc. τὸ καταπίπτειν etc) meide.“? – 223 (cf 291) mit nichten ungebräuchlich – Warum nicht mehr wörtlich: Habt keine Furcht vor (dem,) was ich rede? – 225 o wie nun wird es kommen? Durch die verdrehte Stellung |101v| statt: „o wie wird es nun kommen“, unverständlich – v. 231 u. v. 236. Entgelt – u. beheften als transitives activum ungebräuchlich – v. 240. <270.> 295. 309. <395.> sind ohne das Original nicht verständlich – v. 294 „<mit> der Flachheit Worten“ für βραχέσι λόγοις verfehlt – v. 284 „an des Flehenden Gewähr“ mir durchaus unverständlich. – v. 288 der, der unter auch (cf. 394. bin, bin ich). – v. 304 ist πολλὰ fälschlich von ἔπη getrennt und weit übersetzt. – v. 305 Getrost! – statt: sei getrost. v. 321. untreu übersetzt u. – ich möchte sagen – modern, statt: „und das[3] zeigt mir, dass dieß nur <mir an, dass dieß allein> Ismenes Haupt leibhaftig ist (δῆλον cf. Herrn <u. Reisig ad h. l.>) – v. 326. ist ebenfalls dem Eindrucke nach, den es macht, und selbst dem Sinne nach verschieden. Es sollte ohngefähr heißen: O Vater, Schwester, ihr <Ihr> Beiden mir die süßesten (theuersten) Namen, – wie hab’ ich kaum Euch gefunden, und kaum vor Schmerz erkenn’ ich Euch (oder μόλις „mit Müh’“ wiederzugeben!) – 343. Hausen zu Haus ist nicht übel, doch ist hausen etwas verschieden von οἰκουρέω, das ich durch haushalten übertragen würde. Auch ist τάδε im vorigen Vers nicht jetzt, sondern hier, (das Räumlich-Gegenwärtige) „ die <denen> für das Hier zu sorgen oblag“ – 341 f. sie des Vaters = οἱ τοῦ πατρός ist undeutsch. – 443 <453> ist das Original unverständlich und verunstaltet wiedergegeben. – 513 φανείδας mit so da ist 519 οἴμοι mit O mir übersetzt! – 544 die Wund’ auf Wunde |102r| statt: Wund’ auf Wunde, oder Weh auf Wehe 550 „hierher geladen – hier! 596 etwa unpassend 624. „nicht ist gern zu sagen.“ 640 „gefällt“, statt „die gefällt“ – 658 unverständlich. 692 „nicht, – nimmer“ statt nichtnicht oder nichtnoch. 774 „milde (sc. Worte) für das Rauhe“ 775 Wie geschraubt das Deutsche u. wie unverständlich gegen das einfach verständliche Griechisch! Ebenso v. 776 f. – 794 u. f. στόμα u στομωσις nicht beachtet und unverständlich wie abweichend vom Original. 795 u. 832 ausgelassene Pronomina. 820 – welche Stellung! 851 wenn zugleich als Fürst, unverständlich. 925 – unklare Wortstellung 938 „schlecht erfunden ab (sic) der That“? – 999 „im Leben“ – statt: wenn er noch (oder wieder) lebte – 1024. ἐπεύξονται θεοῖς – „den Göttern rühmen“ mir neu. – 1108 „dem Vater Alle Liebe wir“ 1109 „Deiner Noth wie in der Noth“ – statt: Alles ist dem Erzeuger werth (lieb) u. – mühselige des mühseligen. – 1139 „Nein, daß Du etwa gar“ – – ! – 1147 „unverletzt der Drohungen“ zu gewagt. [Ebenso 1178.] – 1355 wie unklar und undeutlich! – 1440 Und wer nicht, – – nicht beweinen[4] Dich; während im Griechischen ganz einfach steht: „Wer möchte Dich nicht beweinen?“[c] – Endlich will ich noch v. 43 anführen, wo das Griechische ἄλλα δ᾽ ἀλλαχοῦ καλά viel allgemeinere Sentenz ist („doch andrer Orten ist andre Sitte“.–) und: v. 45., wo das Deutsche „nun weich’ ich nimmer“ mit dem kategori-|102v|schen Indicativ der <Attischen> Feinheit des Griechischen Optativus: ὡς οὐκ ἂν ἐξέλθοιμ’ ἔτι sehr wenig entspricht. (Vielleicht: „denn nimmer mehr möcht’ ich diesen Sitz verlassen mehr.“[d])

In Bezug auf die Metrik wüsste ich etwa im Einzelnen folgendes zu bemerken: v. 16 ist wuchsreich am Schlusse des Trimeters als Jambus gebraucht, während es doch ein offenbarer Spondeus mit trochäischem Accente ist wū́chsrei̅̀ch. Ebenso ist v. 69 Theseus gemessen –̆ < ̆> –́, statt –́ – <cf. v. 286 „aufg+>[e] wenden die – Dactylus statt des Jambus, u. so öfter. Auch scheint mir v. 1. „Antigone“, das wir Deutsch als Dijambus ̆ – ̆ – lesen, nicht gut als Choriamb {{– ̆ ̆ –}} anstatt des Creticus {{– ̆ –}} zu stehen. – Die Verlängerung der letzten Sylben <Sylbe> in Göttinne̅n (als Creticus – ̆ –) und rastete̅ (v. 90. 100. 101) ist leider kaum vermeidbar. – 216. „ŏ meĭn Ki̅nd“ und 220 „vŏn dĕm So̅hn“ ist das Maaß kaum erkennbar. – Im Allgemeinen scheinen mir die Trimeter nicht übel gelungen: weniger die, freilich auch um Vieles schwereren Chöre. Unter diesen habe ich den von v. 638–719 näher vergleichen, wo die Lesarten ziemlich sicher und die Metra am klarsten sind. Hier ist v. 784 <684> Göttin<nen> als Spondeus <gebraucht>, nach „die“ (v. 691) ein Fuß ausgelassen; [v. 700 Sollte man Atha̅na̅, wie im Originale dorisch aussprechen] 710 konnte wol χθονός aufgenommen u. so das Fehlende im Vers ergänzt werden. v. 714 fehlt vor „Poseidon“ eine Sylbe. Überhaupt aber ist die ganze Stelle zuletzt misslungen z. B. das Prachtrosses Prachtfüllen u. s. w.

|103r| Wenn es mir nach Angabe dieser aus der größeren Masse dessen, was mir missfällig war, ausgehobenen Einzelheiten erlaubt ist, ein Urtheil über das Ganze auszusprechen: so muss ich gestehen, dass dieß ein nur sehr bedingt lobendes sein kann, indem zwar der Sinn des Originals meistens richtig getroffen ist – und das darf man freilich wol erwarten –; dagegen aber das Kolorit oft bedeutend verfehlt erscheint, und das Deutsche Ohr, wenn es auch darauf verzichten muss, und sogar freiwillig gern darauf verzichtet, aus dem Munde des verdollmetschten Fremden, nur bekannte und geläufige Redeformen zu vernehmen, möchte oft die nicht immer glücklich erfundenen Wörter und Constructionen, besonders aber die unverständlichen Ausdrücke und geschraubten Stellungen nur gezwungen dem Übersetzer verzeihen. Endlich dürfte das Metrische wenigstens insofern dem Zwecke einer Übersetzung nicht entsprechen, als diese das fremde Wohllautsgefühl dem vaterländischen Ohr verständlich machen, die Muttersprache mit |103v| den Rhythmen und Metren andrer Zungen befreunden und – bereichern soll. – Ich wenigstens kann nicht bergen, dass mich während der ganzen Arbeit, es angemuthet hat, als trage das Werk des Übersetzers etwas – Unvollendetes, Schülerhaftes an sich. Keineswegs verkenne ich dabei die unendlichen Schwierigkeiten, ja die Unmöglichkeiten einer metrischen Übersetzung von solch’ einem Meisterwerke; und möchte, wenn ich einen gleichen Versuch wagen wollte, die Wahrheit des Sprichworts leicht an mir erfahren: „Tadeln ist leichter, denn besser machen“. Allein – ich wenigstens möchte mit einer solchen Übersetzung nicht in die Öffentlichkeit hervortreten, und – es giebt gelungnere Übertragungen.

Die früheren Übersetzungen desselben Verfassers kenne ich nicht, doch habe ich sie wenigstens nicht rühmen hören. Über den Verfasser selbst hatte ich in diesen Tagen Gelegenheit ein Urtheil zu hören, das zwar zurückhaltend, aber doch mehr tadelnd als lobend war, und wonach derselbe als ein zwar vielfältig unterrichteter aber doch nicht eben bedeutender Mann erschien.

Zitierhinweis

Friedrich Wilhelm Georg Stäger an Wilhelm von Humboldt, 26.08.1832. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 15.03.2023. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/63