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  3. Nr. 631

Wilhelm von Humboldt an Johann Wolfgang von Goethe, 09.09.1812

|1*| Wien, den 9. 7br. 1812.

Ihr lieber Brief vom 31. v. M. theurer Freund, ist mir gestern zugekommen, und obgleich der Auftrag der Arbeit, den er enthält mich veranlassen könnte, ihn länger unbeantwortet zu lassen, so erscheine ich lieber gleich, wenn auch mit leeren Händen vor Ihnen, als ich wieder das gefährliche Schweigen einreißen lasse. Auch mir, mein Lieber, waren die 1½ Tage in Carlsbad eine belebende Aufmunterung, u. noch oft nachher eine interessante Beschäftigung in Gedanken. Am meisten frappirt haben mich einige Ansichten über Shakespeare auf die Sie mich bei unserm Spaziergange aufmerksam machten. Es wäre sehr hübsch, wenn Sie sie weiter verfolgten, u. wäre es auch nur in einem Briefe an mich; wollten Sie auch nicht den Alten in dem Grabe seines verdienten Ruhmes stören, so muß ja nicht gerade Alles gedruckt werden, und es ist doch schön sich nur unter einander zu belehren u. zu verständigen. – In Berlin habe ich die Sachen zwar in mancher Hinsicht mangelhaft, allein im Ganzen doch höchst erfreulich gefunden. Ich habe mich da abermals überzeugt, daß man nur etwas stiften darf, um es dann mit Sicherheit seiner eignen lebendigen Kraft zu überlassen. Bei den einzelnen Menschen habe ich viel Freundschaft u. Anhänglichkeit gegen mich gefunden; in interessante Gespräche einzugehen, habe ich bei einer Flut von Geschäften u. Zerstreuungen keine Zeit gehabt, selbst Niebuhr u. Wolf habe ich nur wenig gesehen. Ueber Wolf urtheilen Sie vollkommen richtig. Auch im praktischen Leben ist er immer mit Allem im Widerspruch. – Hier bin ich wieder, wie sonst, beschäftigt, u. strebe immer mehr, mich in meinen eignen Studien einzuspinnen. Ich bin sogar, was Sie vielleicht wundern wird, zu der Ueberarbeitung meiner Ue-|2*|bersetzung des Agamemnon <zurückgekehrt>. Allein ich liebe einmal diesen Stoff zu sehr, um ihn liegen zu lassen, u. kann doch keinen Gebrauch für das Publikum von dem Ganzen machen, ohne ihm noch eine letzte Feile zu geben. Uebersetzungen dieser Art sind eigentlich Kunststücke, wie Schnitzwerke aus Holz oder Elfenbein. Es schadet nicht, es ist vielmehr lobenswürdig, wenn man die Sorgfalt des Verfertigers darin erblickt. Ich werde in der Metrik viel genauer seyn, als meine Vorgänger, z. B. Solger u. der junge Voß. Beide zwängen den Silben noch oft Geltungen auf, die sie nicht haben. Wolf ist viel genauer, u. soviel Richtigkeit u. Praecision mit soviel Leichtigkeit zu verbinden, mag sich sonst wohl keiner rühmen. – Ihr Antheil an meinen Sprachuntersuchungen hat mich zugleich gehoben u. innig gefreut. Man bedarf dessen nirgend so sehr, als auf diesen dornigten Pfaden, wo man immer zwischen der doppelten Klippe herumirrt an trocknen Wörtern zu kleben, oder in apriorischen Ideen chimärisch sich zu verlieren. Die Arbeit, die Sie wünschen, ist mit einer gewissen Schwierigkeit verknüpft. Sie mit geringer Genauigkeit u. Uebergehung des Détails zu machen, ist äußerst leicht u. fast aus dem Kopfe möglich, allein auch wenig belohnend. Mit Genauigkeit aber stößt man auf einige schwer zu lösende Punkte. Ich werde aber sehr gern ganz kurz eine Tabelle entwerfen, das Mittel zu halten zwischen zu ängstlicher u. zu allgemeiner Bestimmung, u. Ihnen Welttheil nach Welttheil schicken, indem ich mit Europa, als dem leichtesten, anfange. Ich sage Ihnen voraus, daß ich nicht gerade der Fähigste hierzu bin. Ich habe mich bis jetzt mehr mit dem Allgemeinen des Sprachstudiums u. einzelnen Sprachen beschäftigt, aber sehr wenig mit geographischer Linguistik. Ich werde also auch den Mithridates u. Schlözers nordische Geschichte zum Grunde legen. Allein Einzelnes werde ich nach eignen Erfahrungen hinzufügen können, u. die ganze Arbeit, die ich längst einmal selbst durchmachen wollte, wird mich sehr selbst interessiren u. belehren. Wollen Sie alsdann, wozu ich weniger Hülfsmittel habe u. Gelegenheit habe, nach meinen Angaben eine Karte entwerfen lassen, so bitte ich Sie gelegentlich um eine Copie davon, u. wir |3*| verbessern nach u. nach das Einzelne. Ich beschäftige mich aber auch jetzt, meine allgemeinen Ideen aufzuzeichnen u. wenn ich damit weiter vorrücken sollte, so erlauben Sie mir gewiß, Ihnen nach u. nach das Gemachte mitzutheilen. Ich bin fest überzeugt, daß dies ganze Studium erst auf seine rechte Stelle gerückt werden muß, und wenn ich dazu im Stande wäre, würde ich meine Wirksamkeit dabei für beendigt u. geglückt ansehen. Denn wenn einmal nur die wahre Richtung gegeben ist, gedeiht das Uebrige von selbst. Man muß aber schlechterdings die Sprachen als einen Theil der Geschichte des Menschengeschlechts, und als das wichtigste Mittel in der Oekonomie der intellectuellen Natur ansehen um dasselbe seiner Bestimmung zuzuführen, und daher gehören die Hauptmomente aller Untersuchungen über Nationalcharakter, u. über die Vertheilung des Menschengeschlechts in Stämme u. Nationen wesentlich mit in diese Untersuchungen, die aber freilich mit vieler Feinheit geführt werden müssen, wenn man nicht Einer Ursache fälschlich zuschreiben will, was eigentlich mehreren angehört. Auch hilft eigentlich die ganze Kenntniß der Einwirkung der Sprachen im Ganzen auf den Geist und die Sinnesart der Nationen nur wenig, wenn <wenig> für das eigentliche Sprachstudium, wenn man nicht zugleich zu erkennen weiß, auf welchen einzelnen Beschaffenheiten ihrer Bestandtheile diese Wirkung beruht. Hier aber gerade entsteht die Schwierigkeit; denn da der Eindruck immer ein Totaleindruck ist, der von unendlich vielen Punkten auf Einen zusammentrifft, so ist dasjenige, was davon an jedem einzelnen Elemente haftet, fast unmerklich. Hier besonders ist es, wo die Raisonnements a priori wenig oder nichts bewirken; denn durch die Vergleichung vieler Sprachen und ihrer Wirkungen mit einander ist darin doch noch mehr auszurichten. – Die Ephesische Diana[a] hat uns sehr viel Vergnügen gemacht. Sie mahlt lebendig die Herren, denen es an Lust u. Geschick fehlt, je einen Meißel in die Hand zu nehmen, u. die den großen u. natürlichen Ansichten ihre kleinlichen Hirngespinste vorziehen. Fahren Sie ja fort, uns mitzutheilen, was Ihnen von dieser Art eben in die Hand kommt. – Körners[b] waren gerade am Tage vor Ankunft Ihres Briefes abgereist. Ihre Anwesenheit hier hat uns sehr viel Freude gemacht. Er ist wirklich ein treflicher u. sich immer ganz gleicher Mensch. Dem Sohn, den ich nun seit gestern nicht gesehen, werde ich Ihre freundliche Einladung ausrichten. Sein Zriny ist hier noch nicht bis zur Aufführung gediehen.[c] Man hatte Anstände wegen der Censur. Die wichtigsten zu heben, habe ich selbst |4*| mit beigetragen. Allein es bleiben doch noch andre übrig. Das Stück hat gewiß sehr viel Verdienstliches. Nur ist im Stoff selbst etwas, das sich nicht ändern ließ, u. das doch immer Unbequemlichkeit mit sich führt. Ich müßte nun zu weitläuftig werden, um Ihnen meine Meynung darüber auseinanderzusetzen, da Sie das Stück selbst nicht gelesen haben. Wenn Sie es kennen werden, wird es sehr leicht seyn, mich Ihnen klar zu machen. Eine Sonderbarkeit des Stücks auch ist es, daß die ganze letzte Scene eine stumme ist. Der Held des Stücks fällt im Gefecht, ein Pulverthurm wird in die Höhe gesprengt, kurz die ganze eigentliche Catastrophe geht ohne ein Wort zu reden vor sich. Sie ist freilich vorher, wie sich von selbst versteht, deutlich u. hinlänglich angezeigt.

Adieu, theurer lieber Freund, meine Frau grüßt Sie freundschaftlichst. Leben Sie herzlich wohl! Ganz der Ihrige
H.

Anmerkungen

    1. a |Editor| Dies bezieht sich auf Goethes Gedicht „Groß ist die Diana der Epheser“. [FZ]
    2. b |Editor| Christian Gottfried Körner und seine Frau Minna waren Anfang August in Wien angekommen, um ihre Sohn Theodor zu besuchen. Vgl. die Briefe Theodors an seine Eltern vom 24. Juli und 12. September 1812: Karl Streckfuß (1838): Theodor Körner’s sämmtliche Werke, Berlin: Nicolai, S. 359. [FZ]
    3. c |Editor| Die Uraufführung des Stückes fand am 31. Dezember 1812 im Schauspielhaus an der Wien statt. Gedruckt erschien es erstmals 1814 im ersten Band von Theodor Körners Poetischem Nachlaß. [FZ]

    Über diesen Brief

    Eigenhändig
    Schreibort
    Antwort auf
    Folgebrief
    -

    Quellen

    Handschrift
    • Grundlage der Edition: Weimar, GSA, Goethe, egg. Br. 439, Nr. XL
    Druck
    • Bratranek 1876, S. 241–245; Geiger 1909, S. 223–227; Sell, Karl (Hrsg.) (1909): Wilhelm von Humboldt in seinen Briefen, Leipzig/Berlin: B. G. Teubner (Dt. Charakterköpfe, 7), S. 113ff.; Rößle 1952, S. 334–337; Freese 1955, S. 686f.
    Nachweis
    • Mattson 1980, Nr. 3090
    Zitierhinweis

    Wilhelm von Humboldt an Johann Wolfgang von Goethe, 09.09.1812. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 31.08.2020. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/631

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