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  3. Nr. 636

Wilhelm von Humboldt an Friedrich August Wolf, 23.12.1796

|116r| Jena, 23. Xbr. 96.

Schon längst hatte ich mich gesehnt, liebster Freund, Ihnen endlich einen ausführlicheren Brief von hier aus zu schreiben, u. an jedem Posttage kamen mir jetzt Geschäftsbriefe, deren der Tod meiner Mutter mir wirklich sehr viele u. weitläuftige auf den Hals ladet, dazwischen. Je weniger ich in dieser Zeit zu studiren im Stande gewesen bin, desto mehr haben sich mir Erinnerungen der Vergangenheit, Betrachtungen über mich u. meine Plane, u. neue Entwürfe dargeboten, u. Sie wissen es gewiß aus eigner Erfahrung, daß nichts so lebhaft den Wunsch nach der Unterhaltung mit Freunden weckt, als dieses Verweilen in innern Empfindungen, u. diese Beschäftigungen mit sich selbst.

Außer diesen Geschäften hat auch die Sorge für die Gesundheit meiner Frau meine gewöhnliche Thätigkeit gar sehr in andre Gränzen modificirt. Zwar sind glücklicherweise nicht die mindesten Gründe zu reellen Gefahren vorhanden, wie theils der Augenschein lehrt, u. theils der Arzt wiederholt versichert, aber die Kränklichkeit ist doch sehr anhaltend, u. ich wende gern einen größren Theil meiner Zeit zu ihrer Aufheiterung an. Auch ich selbst bin, solang ich hier bin, |116v| anhaltend von kleinen Uebeln geplagt worden.

Unter diesen Umständen werden Sie keine großen Fortschritte in meinen angefangenen Ausarbeitungen erwarten, theurer Freund, u. in der That habe ich auch solche nur sehr wenig gemacht. Indeß ist doch vielleicht keine andre Zeit für meine ernsthaftesten Plane von günstigerem u. entschiedenerem Erfolge gewesen, als eben die jetzige. Ich habe mich anhaltender, als je, mit dem Gedanken daran beschäftigt, u. in dem Vorsatze ihrer Ausführung bestätigt, u. jede größere Arbeit gewinnt|?| <erfodert> ganz sicherlich ebensosehr eine ausdrückliche Stimmung u. Vorbereitung des innren Wesens, als die äußeren Zurüstungen zu ihrer Vollendung. Von jener inneren Vorbereitung geht auch, dünkt mich, die Gewißheit des Gelingens aus, durch die man sich manchmal mitten in der Arbeit überrascht u. gestärkt fühlt.

Ich kann nicht läugnen, daß ich mit einer nicht geringen Schaam auf mich u. meine zuletzt vergangnen Jahre zurücksehe. Von welcher Seite ich es betrachten mag, so habe ich nichts geleistet, u. ich bewundre oft in der That mit aufrichtiger Rührung die Güte, mit der mich einige meiner Freunde, aber vor allen Sie, getragen haben. Ich weiß, daß es mir nie an Eifer u. gewissermaaßen auch nicht an Thätigkeit, wenigstens nicht an Unverdrossenheit gefehlt hat, aber ich sehe daraus immer mehr, wie sehr mir anstatt |117r| dessen – Methode gemangelt hat. Je mehr ich über mich nachdenke, desto mehr finde ich, daß dieß Gebrechen radikal in mir ist, u. es ist nur ein einzelner Fall dieses sich weiter erstreckenden Phänomens, daß auch das Wenige, was ich bis jetzt geschrieben, nicht die Form erhalten hat, die das Lesen leicht macht, oder gar dazu einladet. Darum ist es bei mir gewiß vorzugsweise war|?| <wahr,> daß ich eben so nothwendig an mir, als an meinem Gegenstande arbeiten muß, um nicht in diesen meine Fehler hinüberzutragen.

Vorzüglich nachtheilig auf meine productive Thätigkeit hat bis jetzt eine gewisse unglückliche Wahl meiner Gegenstände gewirkt. Diese, glaube ich, ist mir jetzt besser gelungen. Wenn ich mich recht kenne, so muß ich ich |sic| mich nicht gerade auf Materien einlassen, die eine so große, genaue u. critische Gelehrsamkeit erheischen, als historische Untersuchungen über das Alterthum alsdann sind, wenn man in die einzelnen Punkte tiefer eingehen will, noch auch auf solche, die eine|?| hauptsächlich auf der Zergliederung der Begriffe beruhen. Für jene besitze ich gewiß nicht, wenn ich auch alles Mechanische abrechne, die critische Haltung des Geistes (ich weiß kein eigentlicheres Wort dafür) die aus einer Thatsache nicht zu viel u. nicht zu wenig schließt. Davon habe ich mich noch neulich bei einem wiederholten Lesen Ihrer Prolegg. überzeugt, welche mehr, als irgend etwas anderes, diese Eigenschaft in einem bewundernswürdigen Grade zeigen. Ebenso werde ich auch bei zergliedernden Arbei-|117v|ten selbst mit angestrengter Mühe dennoch nicht mehr, als ein anderer bei viel geringerer erreichen. Wenn ich zu irgend etwas mehr Anlage, als die allermeisten besitze, so ist es zu einem Verbinden sonst gewöhnlich als getrennt angesehener Dinge, einem Zusammennehmen mehrerer Seiten, u. dem Entdecken der Einheit in einer Mannigfaltigkeit von Erscheinungen.

Da meine äußere Lage mir zugleich mehr, als andren, von der Welt zu sehen erlaubt, so macht mich beides zusammengenommen vorzugsweise zur individuellen Charakterkenntniß geschickt, u. weil ich doch sicherlich mehr wissenschaftliche u. systematische Bildung habe, als die, welche gewöhnlich dieß Feld bearbeiten, so gelingt mir auch vielleicht der Versuch, diese Kenntniß in eine Theorie zu verwandeln, besser, als andren. Dieß ist also recht eigentlich das Gebiet, das ich mir stecke: Kenntniß u. Beurtheilung des menschlichen Charakters in seinen verschiedenen Formen. Aus diesem Gebiete habe ich zwei Arbeiten gewählt, die ich ebenso ungetrennt behandle, als sie wirklich nothwendig zusammengehören.

1. Die eine kennen Sie, es ist die Charakteristik unsrer Zeit, u. die Einleitung dazu ist eigentlich das Einzige, was ich für jetzt einem öffentlichen Gebrauche bestimme.

2. Die andre ist für jetzt bloß Studium, aber an sich, wie mich dünkt, noch bei weitem wichtiger. Ich nenne es: eine vergleichende Anthropologie u. denke darin diese die Verschiedenheit der geistigen Organisation verschiedener Men-|118r|schenklassen u. Individuen ebenso gegeneinanderzustellen, als man in der vergleichenden Anatomie die physische der Menschen u. Thiere mit einander zu vergleichen pflegt.[a] Es muß dabei, soviel ich jetzt einsehe, die Erreichung eines doppelten Endzwecks ins Auge gefaßt werden. Einmal der ganz empirische richtigere u. bestimmtere Begriffe von den verschiedenen Charakteren der Geschlechter, Nationen u. s. f. zu bekommen; zweitens der mehr philosophische zu erforschen, wie verschieden sich der Mensch gestalten kann, ohne daß dennoch eine Form gerade einen geringeren Werth, als die andere hat. Denn darauf würde ich vorzüglich sehen, immer solche Verschiedenheiten aufzusuchen, die sich nicht durch Fehler, sondern durch Vorzüge unterscheiden. Denn nur eine solche Verschiedenheit ist wesentlich, u. wenigstens nur eine solche für die Untersuchung dankbar. In dieser letzteren Hinsicht kann ein einzelner recht origineller Mensch bedeutend seyn, sobald er eine Seite der menschlichen Natur zeigt, die ohne ihn unerkannt geblieben seyn würde.

Dieß Feld ist zu weitläuftig, als daß es einem nur einfallen könnte, es allein zu bebauen. Aber ich halte es für nothwendig die Idee davon aufzustellen, die Principien f zu gründen, u. die Hauptfächer anzuordnen. Das Eintragen in diese kann hernach mit geringer Schwierigkeit, nur mit Fleiß u. Mühe, geschehen. Mit Die Zurüstungen zu einem solchen Plane, sind es daher nur, die mich jetzt beschäftigen. Wird indeß dieser Plan vollendet, so muß er die allgemeinen Ideen, <Ideen> über |118v| mögliche Charakterverschiedenheit überhaupt, über Gattungscharaktere im Allgemeinen, u. über das Eigenthümliche einzelner derselben z. B. der des Geschlechts, der Alter, Temperamente, Nationen u. Zeitalter enthalten. Ueber jede einzelne dieser Materien sind noch eine Menge von Fragen unerörtert, über die mir schon b bis jetzt mehrere Ideen im Kopfe liegen.

Auf diese Weise halte ich es möglich, eine neue Bahn zu brechen, auf der es fortzugehen nicht schwierig seyn kann, u. gerade jetzt sehr nothwendig ist.

Wenn man die Fortschritte des menschlichen Geistes in ihrer Folge übersieht, so erscheint einem schlechterdings <durchaus> nichts so wichtig, als der Kontrast des antiken u. des modernen Charakters. Es ist schlechterdings meiner Ueberzeugung nach unmöglich einen von beiden nur irgend richtig anzusehen, ohne den andren zugleich zu kennen. Die unrichtige Beurtheilung der modernen Welt aus Unkunde der antiken findet sich unglaublich häufig. Sie ist vorzüglich den Ausländern noch mehr, als uns eigen. Das Gegentheil, dünkt mich, ist es, was den guten Voß so oft nicht bloß einseitig, sondern <einseitig> macht, sondern ihm selbst das Alterthum in ein unrichtiges Licht stellt. Auch kann es kaum anders seyn. Die antike u. die moderne Individualität sind zwei Zustände verschiedener Entwicklung gleicher Kräfte; man muß daher nothwendig irren, wenn man einen allein als etwas Vollendetes u. an sich Geschlossenes ansieht. Auch muß der Geist, wenn er einen Gegenstand betrachtet, über demselben stehn, |119r| er selbst muß gewissermaaßen höher oder erweiterter kultivirt seyn. Daher ist der bloß modern Gebildete immer ein weniger guter Beurtheiler des Modernen, u. ebenso ist es auch mit dem Alterthum.

Unter allen meinen ehemaligen literärischen Beschäftigungen sehe ich daher keine für so wesentlich nothwendig zur Vollendung meiner jetzigen Plane an, als die Griechischen u. gewiß werde ich diese auch immer u. regelmäßig fortsetzen. Ich habe bin neuerlich noch auf mehrere, wie es mir scheint, nicht uninteressante Gedanken über die Griechische Welt gekommen, u. wenn es mir gelingt, sie recht deutlich u. rund hinzustellen, so erlauben Sie mir wohl, bester Freund, sie Ihnen mitzutheilen.

Seit ich wieder hier bin, hat mich u. meine Frau beständig der Euripides beschäftigt, ausgenommen, daß wir noch anfangs den Pindar, mit dem wir noch nicht ganz fertig waren, endigten. Wir lesen jetzt am letzten Stück. Es scheint mir am größten Theil des Eurip. vorzüglich an den Stücken im 2ten Th. der Barnes. Ed. noch fürchterlich viel zu thun.[b] Die Fehler sind noch so dick gesäet, daß man oft ohne alle Mühe die richtigen Lesarten herstellen kann, u. die krit. Hülfe, die man vorfindet, ist in der That äußerst klein. Außer einigen guten Einfällen von Heath u. Tyrwhitt u. einigen von Musgrave muß man sich mit der Reiskeschen temeritaet[c] begnügen.

Was werden Sie sagen, mein Bester, daß ich wieder eine |119v| Pindarsche Ode ( Pyth. IX.) übersetzt habe. Dießmal aber habe ich es anders versucht, ich habe kein gleiches metrum bewahrt, sondern nur einzelne metrisch klingende Cola abgetheilt, – kurz eine solche Manier, die, wie Sie einmal im Scherz sagten, allenfalls auch der Setzer durch willkührliche Einschnitte in eine poetische Prosa machen kann. Ich wollte es doch einmal versuchen. Ich werde sie noch ein wenig feilen, u. dann Ihnen, u. einigen vorlegen. Sollte so etwas Beifall finden können, so fühle ich, daß ich sehr leicht, binnen 1 Jahre, so den ganzen Pindar übersetzen könnte. In einem gebundnen metro dagegen kann bringe ich gewiß keine einzige Ode mehr zu Stande.

Ich schicke Ihnen auch jetzt Ihren Tacitus zurück[d]. Ich habe ihn mit großer Freude gelesen. Aber ich habe gesehen, wie es nicht möglich ist eine einzelne recension des Textes kennen zu lernen, wenn man noch nicht mit dem Schriftsteller selbst vertraut ist. Der Tacitus selbst hat meine ganze Aufmerksamkeit verschlungen, ich h ich habe Ihre Anmerk. zu meiner Hülfe benutzt, sie haben mir durchauch|?| <durchaus> sehr scharfsinnig u. erstaunlich zweckmäßig geschienen. Am meisten habe ich die schöne Form mit Vergnügen bemerkt, die Sie ihnen immer gegeben, die nie etwas zu viel u. auch für den Leser ( <Leser,> den s Sie voraussetzen, gewiß nichts zu wenig hat, u. zugleich immer die Methode des Erklärens u. Emendirens zugleich, durch das Beispiel selbst, ins Licht setzt. Aber ich bin viel zu roh in dem Tacitus, als daß ich über Ihre Anmerk. etwas bemerken könnte. Wie zweckmäßig sie aber sind, hat mir auch das gezeigt, daß da ich in der Ed. Bip. auch das 2te Buch las, ich doch durch die Art, wie mich Ihre Bearbeitung eingeweiht hatte, viel besser durchkam, so oft ich auch noch stecken blieb. –

Dieß war ein überlanger Brief u. bloß von mir. Verzeihen Sie diese Geschwätzigkeit meiner herzlichen Freundschaft zu Ihnen, u. dem Vertrauen auf die Ihrige. Meine Frau grüßt Sie u. die Ihrigen herzlich. Ihr
H.

Anmerkungen

    1. a |Editor| Über die erst 1903 aus dem handschriftlichen Nachlass von Leitzmann veröffentlichte Einleitung ("Plan") ist Humboldt nicht hinausgekommen. [FZ]
    2. b |Editor| Humboldt besaß alle vier Bände der von Christian Daniel Beck (im dritten Band) kommentierten und bei Schwickert in Leipzig erschienenen Euripides-Ausgabe; siehe Bücherverzeichnis in Tegel (AST, Archivmappe 75, M. 4, Bl. 143v: "Euripides. (Ed. Beck.) Leipz. Schwickert. 1778–1788. Vol. 1–3. 4."). [FZ]
    3. c |Editor| D.h. Leichtfertigkeit, Verwegenheit.
    4. d |Editor| Es handelt sich wohl um ein unpubliziert gebliebenes Manuskript; vgl. den Brief Humboldts an Wolf vom 31. März 1793: "Wollen Sie mir hier u. da aus Ihrem Tacitus etwas mittheilen…". [FZ]

    Über diesen Brief

    Eigenhändig
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    Quellen

    Handschrift
    • Grundlage der Edition: Berlin, SBBPK, Ms. germ. quart. 655, fol. 116–119
    Druck
    • Brandes, Carl (Hrsg.) (1846): Wilhelm von Humboldt’s gesammelte Werke, Berlin: G. Reimer, Bd. 5, S. 173–180; Mattson 1990, S. 168–172 Nr. 60; Mattson 2017, S. 318–323 Nr. 477
    Nachweis
    • Mattson 1980, Nr. 467
    Zitierhinweis

    Wilhelm von Humboldt an Friedrich August Wolf, 23.12.1796. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 31.08.2020. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/636

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