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  3. Nr. 638

Wilhelm von Humboldt an Friedrich August Wolf, 20.12.1799

|138r| Madrid, 20. Xbr. 1799.

Seit unendlich langer Zeit, mein theurer Freund, sehne ich mich nach einigen Zeilen von Ihrer Hand, aber Sie scheinen mich durch die Länge der Zeit, die ich nun schon von Ihnen u. Deutschland entfernt bin, vergessen zu haben. Ich, mein Theurer, u. meine Frau haben Ihrer desto öfter gedacht, u. in sichrem Vertrauen auf die Liebe, die Sie uns sonst schenkten, auf die glücklichen Tage, die Sie uns in Auleben bei der einsamen Tafelbibliothek schenkten, hoffen wir, daß Sie ein Band wieder werden anknüpfen wollen, daß |sic| wir nur mit innigem Schmerz zerrissen sehen könnten. Ich schreibe Ihnen, lieber Freund, aus dem Herzen Spaniens, wie Sie sehen, u. in wenigen Tagen verlassen wir diese Stadt, um noch weiter südlich nach Cadiz zu gehen. Dieser Entschluß, fast das äußerste Ende des westlichen Europas (leider kann ich nicht nach Lissabon gehen) zu besuchen, wird Sie gewundert haben. Allein da ich nicht leicht hoffen konnte, Spanien wieder so nah, als in Paris zu kommen, da uns der Weg nach Italien versperrt war, u. es mir doch wichtig schien, eine südliche Nation wenigstens zu sehen, so unternahmen wir diese Reise u. in der That gereut mich der Entschluß nicht. Den vorzüglichsten Genuß gewähren uns die Schätze der Mahlerei, die dieser Winkel der Erde wirklich – verbirgt; denn alle Beschreibungen davon sind in der That nur sehr mangelhaft. Sie wissen, was Paris jetzt in dieser Gattung besitzt, aber hier ist aufs mindeste ebensoviel, u. überdies die auswärts nicht gekannte, aber vortrefliche Spanische Schule. Dies ist besonders ein großer Genuß für meine Frau, sie besieht alles genau, schreibt über alle merkwürdige Gemälde, u. die Zahl dieser geht in die Hunderte, etwas auf, u. wenn Sie vielleicht davon einmal etwas ansehen, so wird auch in Ihnen vielleicht ein Wunsch nach diesem, sonst (wenigstens in dieser Jahrszeit) weder glücklichen Himmel noch Boden erwachen. Ich für mich bekümmere mich sonst um vielerlei, vielleicht nur zuviel Dinge. Mein Zweck ist Menschen u. Nationen kennen zu lernen, u. dazu muß man freilich manchmal sehr indirekte Wege einschlagen. Die Bibliotheken u. Mscpte habe ich nicht versäumt, aber |138v| ich glaube, trotz der Kürze meines Aufenthalts sagen zu können, daß ein Philologe (der nicht Arabische Sachen aufsuchte) in Spanien nur eine schlechte Ausbeute finden würde. Die Bibl. des Escurials enthält allein beträchtliche Schätze von Mscpten classischer Autoren. Ich war zwar 10 Tage im Escurial, da aber 10 Tage für die Spanische Langsamkeit nichts sind, so sah ich selbst nur wenig. Nach dem aber was ich sah, u. was mir der Holländische Gesandter, Valckenaer (der Sohn τοῦ πάνυ) der jetzt mit Van Kooten hier ist, sagte, sind alle lat. u. griech. Manuscripte nur sehr jung. Vielleicht haben Sie in den von dieser Bibl. gedruckten Catalogen eine decas 2. des Livius bemerkt, oder auch in Reisebeschreibungen Aeußerungen des seel. Baiers gelesen, daß der Livius aus diesen Mscpten zum Theil hergestellt werden könne. Auch mir fiel dies portentum auf, u. ich habe Valckenaer u. Van Kooten, die mit dem Hof jetzt noch 4 Wochen nach mir im Escurial waren, veranlaßt, nachzusehn. Das Resultat ist, das |sic| die 8 Codd. die, nach der Angabe der Mönche allein da sind, nicht nur nichts Neues enthalten, sondern auch alle nur ziemlich fehlerhafte Abschriften Einer u. ebenderselben Handschrift scheinen. In Madrid ist nur die einzige Bibl. des Herz. del Infantado, die aus der des Cardinals Mendoza entstanden ist, für einen Philologen interessant.[a] Diese aber hat ein paar Dutzend Ausgaben von Classikern aus dem Ende des 15. Jahrh. z. B. die sonst seltene Florentinische Ausgabe des Homer von 1488.[b] u. s. f. Alle übrigen sind nur in Spanischen Sachen, aber in diesen sehr reich. Von den Spanischen Autoren selbst aber existiren sehr viele nur im Mscpt. u. man druckt hier jetzt noch so wenig, daß Mscpte auch zum Privatgebrauch nicht selten sind. Alte Ausgaben Spanischer Dichter sind ungeheuer selten u. theuer, u. ich sah neulich ein fingerdickes Bändchen kleiner Comödien für die man 12000 reale (3000 livres) foderte. Das Studium der alten Sprachen, besonders des Griechischen liegt hier fast gänzlich danieder. Alle Griechische Professoren auf den Universitäten wollen jetzt fast nichts sagen, u. kaum findet man ein Paar besser unterrichtete Männer. Aber auch diesen ist alles Neuere unbekannt, u. ein Theil des Brunckischen Sophocles, den ich zufällig bei mir habe[c], gilt hier für eine |139r| ganz neue Seltenheit. Nur in der Bibl. des Herzogs von Osuna sah ich gute neue Engl. Ausgaben, im Publicum sind sie unbekannt.[d] Doch sehe ich eben daß einer der neulichen Uebersetzer des Pindar eine Heynische Ausgabe gebraucht hat. Unter den Paar Menschen, die sich hier mit diesen Dingen beschäftigen, fand ich einen, der von selbst (Valckenaers u. Lenneps Arbeiten sind gänzlich unbekannt) auf bessere Ideen über die Grammatik gekommen war, der hieb aber auch so über die Schnur, daß er, noch ärger als Trendelenburg, mir seine herzliche Verachtung des Mediums bezeugte. Desprecio el medio, sagte er; denn Sie müssen wissen, daß |ich| mit den meisten Spanischen Gelehrten Spanisch sprechen muß, was zum Glück nicht schwer ist. Dieß aber ist auch das vernachläßigteste Fach; sonst findet man mehr aufgeklärte u. denkende Köpfe, als man glaubt, nur im Stillen. Denn wer dürfte hier laut reden? Dabei ist der Charakter der Menschen sehr angenehm, bieder, offenherzig, anspruchlos, u. zuvorkommend gegen Fremde, wie nirgend. Ein Paar Menschen[e] habe ich hier gefunden, mit denen ich überall gern leben würde, u. mit denen ich gewiß in Verbindung auch künftig bleibe.

Was mich am meisten interessirt ist die Spanische Literatur u. Sprache u. darüber denke ich auch nach meiner Rückkunft etwas zu schreiben. Da es mein Plan ist, die Theorie der Aesthetik praktisch an Beispielen durchzugehen, so interessirte mich die Poesie einer mir noch unbekannten Nation schon von selbst, u. in der That giebt, wie ich schon jetzt sehe, die Vergleichung derselben mit der Französischen u. Italiänischen <zu> interessante<n> Bemerkungen Veranlassung. Ich habe schon ehe ich herkam zugleich die ältere Französische Literatur studirt, u. wenn ich etwas über Spanien schreiben sollte, werde ich tiefer in die Litterargeschichte des 15. u. 16. saec. eingehn, die man sonst nur gewöhnlich von Italien kennt. Noch mehr aber interessirt mich die Sprache, die wirklich große Verdienste besitzt. Ich fühle, daß ich mich künftig noch ausschließender dem Sprachstudium widmen werde, u. daß eine gründlich u. philosophisch angestellte Vergleichung mehrerer derselben, eine Arbeit ist, der meine Schultern nach einigen Jahren ernstlichen Studiums vielleicht gewachsen seyn können. |139v| Ich habe von neueren Sprachen seit meiner Abwesenheit aus Deutschland viel zugelernt, für jetzt aber werde ich mich auf die Töchtersprachen der lateinischen u. die Geschichte ihrer Entstehung beschränken. Zu diesem Behuf habe ich die provenzalische Mundart in ihren verschiedenen Abweichungen sorgfältig studirt. Soviel von meinen Beschäftigungen, mein Lieber.

Was machen Sie? was arbeiten Sie? Lassen Sie doch endlich eine Stimme der Nachricht erschallen. Ihr Homer wird, höre ich, in Kupfer gestochen,[f] u. auf Göthes Auftrag habe ich mit einigen Französischen Malern für Zeichnungen dazu gesprochen, wie Ihnen Göthe sagen wird. – Haben Sie mein Buch bekommen? Was sagen Sie zu Manchem darin. Denn das Ganze darf keinen Anspruch auf Ihren Beifall machen. Der Stil ist nicht sorgfältig genug behandelt. Aber die Ideen scheinen mir Untersuchung zu verdienen.

Haben Sie einen Aufsatz über das Franz. Theater im 5. St. d. Propylaeen gelesen, u. wie gefällt er Ihnen?

Jetzt leben Sie wohl! Ich gehe zum Thé einige Gesänge Homers mit meiner Frau zu lesen. Denn der Homer verläßt uns nicht, u. den Abend versammlen wir uns immer zu einem sehr Deutsch-häuslichen Thé mit einem Freund, der mit mir reist u. unsern 3 Kindern, die froh u. gesund sind.

Schreiben Sie mir so (denn ich rechne ernstlich auf Antwort) daß der Brief im April hier seyn kann, so adressiren Sie ihn: à Mr. d. H. chez Mr. de Tribolet-Hardy, Conseiller d’Ambassade du Roi de Prusse, calle Cantarranas, nr. 6. à Madrid. Dieser schickt ihn mir nach. Schreiben Sie später, so ist meine Adresse nach Paris, chez Mr. de Brinckmann, Chargé des affaires du Roi de Suède, rue de Grenelle, nr. 103.

Meine Frau grüßt Sie herzlich. Was macht die Ihrige u. Ihre Kinder? Empfehlen Sie uns allen von ganzem Herzen. Grüßen Sie auch Eberhard u. Klein! u. Sprengel vor allen Dingen.
Ihr

H.

Im Mai bin ich wieder in Paris, u. im Herbst in Deutschland.

Anmerkungen

    1. a |Editor| Siehe die Beschreibung der Bibliothek des Herzogs von Infantado im "Tagebuch der Reise nach Spanien 1799–1800" (GS XV, S. 202f.). [FZ]
    2. b |Editor| Vgl. das Exemplar dieser editio princeps eines griechischen Textes in Originalsprache in der Bayerischen Staatsbibliothek München, 2 Inc.c.a. 2064 l. [FZ]
    3. c |Editor| Siehe das Bücherverzeichnis in Tegel (AST, Archivmappe 75, M. 4, Bl. 144v: "Sophocles. Ed. Brunck. Argent. Treuttel. Vol. 1–4. 1786–1789. 8."). [FZ]
    4. d |Editor| Siehe die Beschreibung der Bibliothek des Herzogs von Osuna im "Tagebuch der Reise nach Spanien 1799–1800" (GS XV, S. 202). [FZ]
    5. e |Editor| Vgl. den Brief Humboldts an Brinckmann vom 13. Dezember 1799 (zitiert bei Mattson 1990, S. 494): "Ich habe […] zwei gefunden, mit denen ich […] eine freundschaftliche Verbindung eingehen könnte, wenn ich länger hier bliebe, und die ich sehr schätze. Der eine ist Cienfuegos, ein ziemlich bekannter Dichter, ein philosophischer Kopf, ein einfacher und edler Mensch von viel Feuer und Stoff in jeder Rücksicht […]. Quintana (so heißt der andre) ist vielleicht minder philosophisch, aber künstlerischer und poetischer gestimmt." [FZ]
    6. f |Editor|

    Über diesen Brief

    Eigenhändig, lateinische Schrift
    Schreibort
    Antwort auf
    -
    Folgebrief
    -

    Quellen

    Handschrift
    • Berlin, SBBPK, Ms. germ. quart. 655, fol. 138–139
    Druck
    • Brandes, Carl (Hrsg.) (1846): Wilhelm von Humboldt’s gesammelte Werke, Berlin: G. Reimer, Bd. 5, S. 210–215; Mattson 1990, S. 199–202 Nr. 71
    Nachweis
    • Mattson 1980, Nr. 613

    In diesem Brief

    Zitierhinweis

    Wilhelm von Humboldt an Friedrich August Wolf, 20.12.1799. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 31.08.2020. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/638

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