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  3. Nr. 645

Wilhelm von Humboldt an Christian Gottfried Körner, 08.06.1805

|1*| Rom, den 8. Junius, 1805.

Tausend Dank für den Einfall, mein theurer geliebter Freund, mir gerade jetzt, nach Schillers Tode, wieder zu schreiben.[a] Auch mir sind Sie zuerst eingefallen; wir standen in vieler Rücksicht in gleichem Verhältniß zu ihm, u. haben gleich viel verloren. Mir ist es in der That, als hätte ich auf einmal eigentlich den Leitstern aller meiner intellektuellen Richtungen verloren, u. ich wage es noch nicht zu entscheiden wie es eigentlich auf mich wirken wird. Wenn ich bis jetzt etwas schrieb, wenn ich nur einen Entwurf machte zu schreiben, dachte ich mir eigentlich ihn als einzigen Beurtheiler u. Richter. Alles Beste in mir war immer an ihn gerichtet, und zugleich gab er mir auch immer die Stimmung und Kraft. Mit unendlicher Wahrheit sagen Sie, mein Lieber, daß in seinen Dichtungen das Persönliche eine so große Wirkung ausübte. Wirklich sprach er die Menschheit nur immer in ihren höchsten Momenten aus u. erschien, bei weitem mehr individuell, als Göthe. Wenn Sie unter dem Idealischen das Gebiet der Ideen verstehen, so weiß ich ihn nicht besser zu charakterisiren, als daß er von diesem Idealischen durchdrungen war, u. kaum je von etwas Anderm nur leicht berührt wurde. Geradezu etwas über ihn zu schreiben, denke ich nicht. Es würde ihm nur schaden. Wollte ich schreiben, wie ich denke, so würde man über Partheilichkeit u. vorgefaßte Meinung schreien, u. kalt abwägen, in den großen Seiten nicht den Quell mahlen, aus dem die Kraft hervorströmte, sondern die Dämme u. Beschränkungen, in welchen der Zufall sie manchmal festhielt, die kleinen Schwächen abwägen, um hiernach ein abgezirkeltes Urtheil zu fällen, das mag ein andrer über den Todten thun. Aus dieser Schwierigkeit den Ausgang zu finden, denn einen Ausgang giebt es freilich, gehört ein Feuer der Empfindung, eine Glut der Darstellung dazu, |2*| die den Leser zu der Begeisterung mit fortreißt, in der man einen großen Geist sehen muß, wenn man ihn u. nicht sein zufälliges Schicksal sehen will. Dazu ist mir die Fähigkeit versagt. Allein führte mich irgend ein Gegenstand gelegentlich auf ihn, ja dann, mein Lieber, würde ich mich gern über ihn u. mit aller Wärme aussprechen, die mir sein bloßer Name einflößt. Und was können leicht wir beide in Ideen schreiben, wo er nicht mitten unter uns träte?

Haben Sie aber nicht auch bei diesem Tode, mein theurer Freund, das Gefühl gehabt, daß die bessere Welt vor uns hingeht, u. wir den minder guten Preis gegeben bleiben. Mir hat dieser Verlust eines der stärksten Bande gelöst, die mich an Deutschland knüpften. Es ist, als bannte mich das Schicksal immer fester in dies Land, das nur Schatten beleben, u. in dem alles Lebendige nur wie durch Zufall in eine Einöde gebannt scheint. Möchten Sie nur einmal diese trümmerbedeckten Hügel, diese wüsten Fluren, u. diese langsamen gelben Tiberwogen gesehn haben! um ein anschauliches Bild davon zu haben: Wenn Sie recht lebhaft zu fühlen vermögen, wie es in der Seele wird, wenn sie sich durch u. durch in Vergänglichkeit u. Trümmer versenkt, aber die Trümmer die Trümmer einer Welt sind, so haben Sie den Eindruck den Rom auf mich macht. Das erste Gefühl ist Wehmuth, aber die Unermeßlichkeit des Dahingeschwundenen giebt der Wehmuth eine Größe, die wieder heiter wird, u. wieder in lichtem Aether über der Erde schwebt. Alles was einen großen Eindruck macht, oder alles was in rechter Stimmung empfunden wird, wirkt, dünkt mich, symbolisch. Das Unbekannte u. Nie zu Erkennende strebt in einem sichtbaren Zeichen aus. Sich selbst so zu einem Symbole der Menschheit <des Weltalls> umzuschaffen, wäre die höchste Aufgabe der Menschheit. Gehen Sie von dieser Idee aus, die, wie ich gern gestehe, jetzt u. seit längerer Zeit meine Lieblingsidee ist, u. für mich den Schlüssel alles Daseyns, |3*| wie es ist u. seyn soll, enthält, so ist Rom das Symbol zugleich der Vergänglichkeit u. des Weltzusammenhangs wie er intellektuell u. ästhetisch für uns existirt. Hier gewann Griechische Kultur Festigkeit u. von hier zerstreute sie sich u. gieng aus in die Ferne u. in die Irre. Hier nahm das Christenthum u. mit ihm aller sentimental religiöse Mysticismus denselben Gang. Um daher durch die Phantasie in diesen Mittelpunkt der Weltansicht gestellt zu werden, muß man hierher gehen, u. hier lang bleiben. In fruchtbarer Einsamkeit legen sich erst hier die Gest Weltgestalten deutlich u. ruhig aus einander, Gedanke u. Empfindung schmilzt klar, Wehmuth u. Frohsinn heiter in einander über, u. auf der Gränze zwischen Leben u. Tod, tritt man leichter in jenem auf u. neigt sich sanfter zu diesem hinüber.

Hier haben Sie, Lieber, mit wenig Worten, meine Ansicht meines Aufenthalts hier u. den Schlüssel meiner Existenz. Ich fühle mich sehr glücklich, ich bin nie heitrer in einer doch sehr verwickelten Geschäftsthätigkeit, nie fruchtbarer in Ideen, nie poetischer gestimmt, nie zufriedner mit meiner häuslichen Lage, nie ungetheilter dem Andenken derer die ich verloren habe, gewidmet gewesen als hier. Es fehlt mir bloß Eins, nach dem ringe ich, aber ich weiß nicht, ob ich es je erreichen werde. Es ist mir oft, als hätte mir die Natur nur Auge das Hohe zu sehen, u. Sinn das Tiefe zu fühlen gegeben, aber Flügel u. Sprache versagt. Ich möchte etwas gemacht haben, in dem ich mich selbst eigentlich achten könnte, eine Reihe von Ideen entwickelt haben, durch welche die innere Ansicht der Menschheit weiter rückte.

Solange ich hier bin, denke ich darauf. Nach u. nach hat der rohe Entwurf in meinem Kopf einige Gestalt bekommen; da er eben begann, sich der Ausführung zu nähern, ist mir Schiller entrissen worden, auf den dabei alles berechnet war. Ich habe nemlich nicht lange nach einem Gegenstande herumgesucht, an dem ich m ich prüfen könnte. Das Einzige, was mir in dieser Art |4*| Befriedigung gewähren kann, ist mich selbst auszusprechen. Das Letzte im Menschen, dessen Daseyn einmal Denken u. Beobachten ist, ist immer das Resultat, das er aus in dem er die Betrachtung seiner u. der Welt verknüpft. Dies von mir wollte ich schildern, wollte es Schillern gegenüber, in freien an ihn gerichteten Bruchstücken thun. Diese Form ist jetzt unmöglich, die Sache gebe ich natürlich nicht auf. Wenn ich mich deutlich ausgedrückt habe, so werden Sie sehn, daß, was ich zeigen möchte, eigentlich das Daseyn, die Bedeutung u. der Fortschritt des intellektuellen Lebens in dem Individuum, der Natur u. der Geschichte ist. Ich fühle daß der Gegenstand groß ist, tief wie jede Philosophie u. umfassender, weil er nicht bei einem menschlichen Vermögen, der Speculation, seine Gränze findet, aber er ist nicht eigentlich weitläuftig. Es ist nicht nöthig einen weiten Raum zurückzulegen, es kommt nur darauf an den eigentlichen Gesichtspunkt zu finden u. alles springt von selbst ins Auge. Man muß sich bloß vielfach hin u. her wenden, Nationen u. Zeiten durchlaufen, um von verschiednen Seiten aus diesem Punkte beizukommen; denn unmittelbar u. gerade möchte kein Weg dahin führen.

Um nur überhaupt noch meine Fähigkeit so isolirt, wie ich hier bin, zu arbeiten, zu prüfen, habe ich vorigen Sommer u. Herbst den Agamemnon fertig übersetzt u. das schon Gemachte überarbeitet. Im Winter sollen Sie ihn gedruckt haben u. mir Ihr Urtheil sagen.[b]

Die Basken sind ein Stück schnell fortgerückt u. dann liegen geblieben. Aber es kommt nur auf ein Paar Monate an, u. die will ich ihnen jetzt widmen.[c] Daß ich solange schwieg, liebster Körner, geschah zum Theil mit Fleiß. Sie hatten mir gesagt, Sie hätten keine Freude an meinem Seyn in Italien, wenn Sie nicht sähen, daß ich hinfort auch für mich thätig seyn könnte; daher wollte ich nicht mit leeren Händen vor Ihnen erscheinen. Jetzt schreiben Sie mir oft. Wir sind unglücklicherweise jetzt allein. Lassen Sie uns treu zusammen halten, u. rechnen Sie auf meine Liebe zu Ihnen u. mein Andenken an Schiller.

Meine Frau grüßt mit mir Sie u. die Ihrigen herzlich.
Ihr
H.

Anmerkungen

    1. a |Editor| Schiller war am 9. Mai 1805 in Weimar gestorben.
    2. b |Editor| Der Agamemnon sollte 1816, d.h. erst elf Jahre später, gedruckt vorliegen. [FZ]
    3. c |Editor| Erstmals 1920 nach dem Manuskript von Albert Leitzmann in den Gesammelten Schriften publiziert; zuletzt siehe die historisch-kritische Ausgabe in Wilhelm von Humboldt (2010): Schriften zur Anthropologie der Basken, hg. von Bernhard Hurch, Paderborn: Schöningh (= Schriften zur Sprachwissenschaft, 2. Abt.: Die baskischen Schriften, 1. Bd.), S. 103–264.
      Das Basken-Werk wurde nicht fertiggestellt und erschien letztendlich nur in Teilen; siehe dazu unten. Als Erstes erschien 1812 die Ankündigung einer Schrift über die Vaskische Sprache und Nation, nebst Angabe des Gesichtspunctes und Inhalts derselben.
      Die in der zweiten Abteilung der Edition "Wilhelm von Humboldt: Schriften zur Sprachwissenschaft" erschienenen Bände (herausgegeben von Bernhard Hurch: Schriften zur Anthropologie der Basken, Baskische Wortstudien und Grammatik sowie der noch ausstehende dritte Band) rekonstruieren Humboldts Arbeiten zum Baskischen. [FZ]
    Zitierhinweis

    Wilhelm von Humboldt an Christian Gottfried Körner, 08.06.1805. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 31.08.2020. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/645

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