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  3. Nr. 651

Wilhelm von Humboldt an Johann Wolfgang von Goethe, 25.03.1798

|1*| Verzeihen Sie mir ja, mein theurer Freund, daß ich Ihren freundschaftlichen Brief vom 7. Februar, erst jetzt, also so spät beantworte. Aber eine Arbeit, für die ich Sie bald um einen freundschaftlichen Antheil bitten werde, u. die ich von Woche zu Woche gänzlich zu beendigen hofte, und mit der ich, wie es so zu gehen pflegt, doch noch nicht ganz zu Stande bin, dann eine Unpäßlichkeit, die mich beinah drei Wochen lang um alle gute Stimmung brachte, waren an dieser Verzögerung Schuld.

Ihr Brief u. das Gedicht, das ihn begleitete, haben mir eine außerordentliche Freude gemacht. Es hatte mich so tief geschmerzt, daß wir Sie in der Schweiz verfehlt hatten, und nun war dieß Blatt die erste Nachricht, die ich wieder unmittelbar durch Sie selbst bekam. Ich sehe mit inniger Freude daraus, daß Sie wohl und thätig sind, u. beides bestätigt mir Brinkmann, dem Sie durch Ihre gütige Aufnahme äußerst glückliche Tage gemacht haben. Wohl sagen Sie mit Recht, daß uns das Vaterländische näher liegt als das Fremde, u. wie nah liegt mir alles, was von Ihnen u. Schiller kommt, aus dem Kreise, in dem ich in Gedanken eigentlich immerfort lebe, auf den ich alles beziehe, und der im strengsten Verstande mein besseres Daseyn bewahrt.

Ihr Amyntas ist unglaublich schön. Auch hier ist es Ihnen wieder so vorzüglich gelungen, die feinsten und schönsten Empfindungen, mit denen nur unsre Zeit vollkommen sympathisiren kann, in ein so ächt antikes Gewand zu kleiden. Mir wenigstens führt der Anfang dieser Elegie immer den Theokritischen Cyklopen zurück, u. wie zart ist das Ganze empfunden, wie dichterisch und kräftig gesagt. Die Stelle: Soll ich nicht lieben, die Pflanze u. s. w. ist Ihnen auf eine wunderbare Weise gelungen <macht einen wunderbaren Effect>. Nie wäre es möglich, die Innigkeit, mit der ein Wesen dem andren einverleibt wird und diese fremde Nahrung, dieß fremde Leben zu seinem eigenen macht, kräftiger u. wahrer, zu schildern. Die Anwendung, die so kurz u. doch so gut vorbereitet ist, ist sehr gut behandelt, u. die Verse sind Ihnen mehr, als vielleicht je geglückt.

In Rücksicht auf die Verse muß ich noch einmal auf Ihren Herrmann zurückkommen. Ich weiß nicht, ob Sie mit Brinkmann über Prosodie gesprochen haben, er ist aber sehr fest u. geübt darin, u. so wenig ich ihm auch gerade viel dichterisches Talent einräumen möchte, so hat er kein kleines Ver-|2*|dienst in der Reinheit u. Leichtigkeit jeder Art der Versification. Er hat Ihren Herrmann unglaublich studirt u. da ich in seinem Exemplar einige Verse angestrichen sah, so forderte ich ihn auf, das Gedicht einmal ganz durchzugehen, die prosodischen Kleinigkeiten, die ihm aufstoßen würden, anzumerken, und zu versuchen, wie man ihnen vielleicht durch leichte Versetzungen abhelfen könnte. Ich selbst will das Nemliche thun, u. wenn Sie erlauben, schicken wir Ihnen unser grammatikalisches Machwerk in Kurzem. Da Sie mir ausdrücklich sagten, daß ich mir ein durchschossenes Exemplar halten möchte, so denke ich, ist Ihnen dieß nicht unlieb. Auf alle Fälle bekommen Sie eine reichliche Gelegenheit über unsre Pedanterie zu lachen, wie Schiller so oft über die meinige gethan hat. — In der That aber ist Brinkmann für das Amt eines solchen prosodischen Wächters, wie geboren. Er versteht nicht nur die Sache, sondern besitzt sehr viel Genauigkeit, so daß ihm nicht leicht eine Unrichtigkeit entgeht; u. seine eigne Uebung macht, daß ihm leichter andere Wendungen einfallen. Die beiden letzteren Eigenschaften zum Wenigsten gehn mir ab.

Mein armer Agamemnon ist leider nur um eine Scene in Wien, u. um einige Verse erst hier vorgerückt. Ich hoffe auf bessere Stimmung in den schönen Sommertagen. Aber überhaupt ist auch Paris nicht gemacht dichterische Stimmungen (wenn ein armer Uebersetzer auch von solchen reden darf) herbeizuführen.

Von meiner andren Arbeit sage ich Ihnen nicht eher, als bis Sie |sic| unter Ihren Augen ist.

Das Wichtigste aber, was ich eigentlich als eine Frucht des hiesigen Aufenthalts ansehen kann, geht mir nur erst im Kopf herum u. bleibt vielleicht ewig dort. Es ist das Studium des französischen Nationalcharakters u. die Vergleichung mit dem Deutschen. Denn in der That bin ich noch sehr ungewiß darüber, welcher von beiden mir, wenn ich eine Zeit damit fortfahre, so lebendig u. klar werden wird, daß es eine Darstellung auch für andre möglich wird. Wir haben gewöhnlich soviel von interessanteren Gegenständen gesprochen, daß ich, glaube ich, nie gegen Sie meine beiden großen Plane, eine Schilderung unseres Jahrhunderts und die Gründung einer eigentlich neuen Wissenschaft: einer vergleichenden Anthropologie, erwähnt habe. Aber auf alle Fälle kann es Ihnen nicht entgangen seyn, daß ich überall hauptsächlich auf die Kenntniß des Menschen im Einzelnen, und zwar auf eine solche <ausgehe>, die empirisch genug ist, um vollkommen wahr wahr zu seyn, u. philosophisch genug, um für mehr, als den jedesmaligen Augenblick zu gelten. Ich konnte meine Reise an keine anderen Ideen anknüpfen, u. obgleich dieselbe eine ziemlich zufällige Veranlassung hatte, so mußte ich suchen, sie dafür u. so systematisch, als möglich, zu benutzen.

Der französische Nationalcharakter giebt mir in dieser Rücksicht nicht wenig |3*| zu thun, u. so leicht u. begreiflich er auf den ersten Anblick scheint, so mancherlei Schwierigkeiten zeigen sich in der Nähe. Ueberhaupt ist es unglaublich, was es heißt, ein einziges Object der Natur zu erforschen. Wenn man nur irgend das Auge besitzt, das allein den guten Beobachter machen kann, so fühlt man, wie alles mit allem zusammenhängt, wie in jedem Punkt die gesammte Natur ist. Wer muß davon mehr überzeugt seyn, als Sie. Gerade darin scheint mir der einzige Grund zu liegen, warum Sie in Ihren naturhistorischen Bemühungen immer noch sich selbst so wenig Genüge leisten, scheinbar so langsam fortrücken. Aber bei moralischen Gegenständen ist noch die große Schwierigkeit mehr, ihr eigentliches Wesen von ihrer zufälligen Beschaffenheit in der Zeit, ihre wirkliche Eigenthümlichkeit von ihren möglichen Fortschritten zu unterscheiden, die Linien zu bestimmen, aus denen sie nicht herausweichen können, ohne u. Ihnen |sic| dennoch nicht Grenzen zu stecken, über die sie nicht hinaus gehen können, die die Menschheit schon darum nicht kennt, weil sie dieselben nicht kennen darf.

Ehe ich mit meinem Begriff eines Nationalcharakters zufrieden bin, muß ich also Etwas finden, das eben so wohl mit der gewöhnlichen Wirksamkeit, als mit den fehlerhaften Ausartungen, u. den gelungensten Energien übereinstimmt; etwas Gemeinsames, das ich in allen einzelnen Theilen der menschlichen Beschaffenheit u. Thätigkeit als sich selbst gleich wiedererkenne; etwas endlich, das sich mit jeder Art individueller Charaktere verträgt, aber jeden so modificirt, daß dadurch alle eine allgemeine Aehnlichkeit erhalten.

Es ist nicht möglich, auch vor <dem> vollendeten Studium nicht gewisse vuen zu haben, nicht schon vorläufig nach dem bloßen Takt einiges festzusetzen, u. so habe auch ich einige solche Ideen über den Französischen Charakter. Es scheint mir auffallend, daß in demselben mehr Verstand als Geist, mehr außer sich aufs Leben gerichtete, als eigentlich in sich gekehrte u. künstlerisch gestimmte Einbildungskraft, mehr Heftigkeit u. Leidenschaft als Empfindung herrscht. Es scheint mir ferner eine sehr wichtige Eigenschaft desselben, daß er schlechterdings nicht pathetisch ist, u. daß dieser Mangel des Pathetischen durch eine entgegengesetzte Anlage, durch eine immer rege Beweglichkeit u. Leichtigkeit des Temperaments bewirkt wird. Insofern er also ein wirklicher Temperamentscharakter ist, unterscheidet er sich von dem Deutschen, da der Deutsche einen so allgemeinen, oder wenn Sie wollen, so keinen Charakter hat, daß Deutsch u. Nicht-Deutsch für eine allgemeine Classification der Nationalcharaktere gelten kann. Als durchgängig unpathetisch steht er dem Englischen entgegen, da ein Engländer in der That alles, auch die unbedeutendste Kleinigkeit mit Pathos thut.

Es ist nicht zu berechnen, wie hoch sich derselbe durch diese St Freiheit von allem Pathos schwingen kann. Er genießt, wenn Sie mir ein anfangs wunderbar schei-|4*|nendes Gleichniß erlauben wollen, dadurch des ganzen Vorzugs, den die Comödie vor der Tragödie hat. Es ist nicht bloß, daß er dadurch da gut fortkommt, wo das Pathetische sich schlechterdings nicht einmischen darf, sondern es ist wunderbar, wie das Entgegengesetzte sogar nun, nur gut behandelt, gut geräth, wie pathetisch die |sic| Pathetische in dem Munde dessen wird, der gar keine Anlage hat es zu seyn. Seitdem ich darauf Acht gebe, sind mir ganz einzelne Beispiele davon in Büchern sogar aufgestoßen. Aber auf der andren Seite ist es auch schwer einzusehen, wie sich dieser Charakter von den Fesseln losmachen kann, die ihn an die Wirklichkeit ketten, u. ihm allen idealischen Aufflug verwehren, wie er besonders die Hindernisse besiegen wird, die ihm eine so beschränkte Sprache entgegensetzt.

Sie sehen wieviel ich zu thun habe, wenn ich nur diese wenigen Ideen entwickeln u. rechtfertigen will; wie sie nur durch die Vergleichung mit allem, was einer solchen Eigenthümlichkeit ähnlich u. unähnlich ist, Licht, nur durch die genaue Kenntniß alles dessen, was diese Nation je gethan, gedacht u. geschrieben hat, die nöthige historische Bestätigung erhalten können.

Daher sehe ich es auch nur als eine Art Sisyphussteins an, den ich so vor mir hinwälze, u. bei dem ich mich glücklich genug schätze, wenn er mir nicht zu oft u. zu tückisch entrollt.

Aber statt dieser Allgemeinheiten hätten Sie, liebster Freund, vielleicht lieber etwas über Paris u. die hiesige Lage besonders gehört. Allein ich schmeichelte mir, daß es Ihnen nicht uninteressant seyn würde zu wissen, womit ich gerade beschäftigt wäre, u. da eben jetzt nichts Einzelnes Interessantes vorgefallen ist, so ist es in der That schwer, über Paris im Ganzen zu reden.

Um das Politische, wissen Sie, bekümmere ich mich nicht. Also ist es nur das Literarische u. Artistische, wovon ich Kenntniß habe. Die Stadt u. was der Reisende so seinem Beruf nach sieht, sind auch neuerlich so oft beschrieben worden, daß mich ekelt, nur daran zu denken.

Von dem Literarischen kann Sie nur das Fach der Naturhistorie u. Physik hier interessiren, nur Ihre Bemühungen in diesen Fächern könnten hier eine Ernte, aber gewiß auch eine reichliche finden. Am meisten, bilde ich mir ein, würden Sie im Jardin des plantes seyn, der durch seine schöne Lage, den Umfang der Anstalt, den Reichthum der darin enthaltenen Sammlungen, u. die Gelehrsamkeit u. man kann hinzusetzen, die Gefälligkeit der darin wohnenden Gelehrten einzig in Europa ist. Freilich muß man nicht so schöne Gewächshäuser u. eine so sorgfältige Wartung der Menagerie verlangen, als in Schönbrunn, dazu sind hier noch die Mittel nicht vorhanden. Aber das Museum ist unbeschreiblich reich. Es ist mir eingefallen, daß es Ihnen vielleicht lieb wäre einzelne Notizen über einige seltne Skelette zu haben. Wäre dieß, so bitte ich Sie, mich nur davon zu benachrichtigen. Sowohl |5*| ich selbst, als der Dr. Fischer, den Sie kennen, u. der bei mir ist, würden hierin Ihren Wunsch sehr leicht befriedigen können. Der gefälligste u. thätigste Mann in dieser Anstalt ist Cuvier, der zugleich vollkommen gut Deutsch weiß. Er hat sehr interessante Arbeiten über die Physiologie der kaltblütigen Thiere gemacht u. will eine ausführliche anatomia comparata herausgeben. Er liest über dieß Fach, und dieß Collegium soll vortreflich seyn. Die beiden Elephanten sind seit einigen Tagen aus Holland angekommen, u. zuerst einige Tage lang im Invalidenhause behalten worden, um sie dort zuerst den Vertheidigern des Vaterlandes zu zeigen, die sie erbeutet haben. Aus Toulon erwartet man einige Löwen, u. eine Gazelle, wenn ich nicht irre.

Zu Ihren Optischen Beschäftigungen fänden Sie vielleicht in Charles’s ungeheurem apparat manches Dienliche. Der Mann selbst ist ungleich weniger werth, ein bloßer experimentator, aber sein Instrumentensaal ist leicht der reichste in Europa.

Ihre mineralogische Neugierde würde eine sehr reiche Befriedigung in Dolomieus Cabinett finden. Er trägt mir auf, Sie freundschaftlichst zu grüßen. Er erinnert sich noch immer mit großem Vergnügen Ihres gemeinschaftlichen Aufenthalts in Rom mit ihm. Ich fragte ihn, wo ich wohl die Stücke, die Sie wünschen, bekommen könnte, u. er will mir einige schicken, die er Sie als ein Andenken aufzubewahren bittet. Er ist ein äußerst braver Mann, den ich sehr viel sehe.

In der Chemie ist Fourcroy, Berthollet u. besonders Vauquelins ausnehmend thätig. Der letztere hat mehrere neue Entdeckungen gemacht, die auch unstreitig schon in Deutschen Journalen angekündigt sind. Fourcroy ist mehr Systematiker, aber dieß in einem hohen Grade, als Erfinder. Sein Vortrag ist außerordentlich schön. Er giebt jetzt seine Théorie de la chimie heraus, die 6–8 Bände ausmachen wird, aber erst der erste Theil eines großen Werks: système des connaissances chimiques au commencement du 19. siècle, ist.

Die schöne Literatur würde Sie wenig interessiren. Wirklich fehlt hier die Flamme des Genies. Die meisten Productionen sind sehr matt, u. alle bleiben weit hinter dem zurück, was eine strenge Kritik mit Recht fodern kann. Von der Theorie der Dichtungsarten hat man schlechterdings keinen Begriff, u. einen einzigen jungen Dichter ausgenommen, habe ich auch niemand gefunden, der nur ein Bedürfniß danach bei sich spürte.

Von deutscher Literatur bildet man sich ein, hier viel zu wissen. Sie glaubt man sogar sehr zu kennen u. zu lieben. Chenier hat Ihren Werther sogar in eine, aber noch nicht gedruckte Tragödie verwandelt. Aber man darf nur ein bischen zuhören, um zu finden, wie es mit dieser Kenntniß u. Liebe steht. Ich habe mir fest vorgenommen, daß durch mich nie eine deutsche Zeile (es müßte denn bloße Gelehrsamkeit seyn) |6*| hier bekannt werden soll. Die Franzosen sind noch zu weit von uns entfernt, als daß sie uns da, wo wir auch nur anfangen, eigentümlich zu werden, begreifen sollten, so weit, daß die Verschiedenheit der Sprachen ordentlich <als> ein kleines Hinderniß dagegen erscheint. Die Anzeige Ihres Herrmann im magasin encyclopédique haben Sie wohl gelesen. Sie war nicht übel. Sie ist vom jungen Schweighäuser.

Ueber die Italiänischen Kunstwerke möchte ich Ihnen gern viel sagen. Aber leider weiß ich darüber nicht am meisten. Bis jetzt ist bloß das hier, was die Lombardei verloren hat, also meist Gemälde. Der Ort, wo diese insgesammt, so wie auch, die welche man noch erwartet ausgestellt werden sollen, ist die Gallerie des Louvre, die ungeheuer lang (ich denke 1440 Fuß) ist, u. das Louvre mit dem Palais des Thuileries verbindet. Es ist ein einziger Saal, oben rund gewölbt, mit Fenstern von Einer Seite. Daran stoßen noch zwei Sääle |sic|, die ***** *** <auch ziemlich groß> sind. Seit wir hier sind, ist die Einrichtung so, daß nur Fremde u. Künstler, diese aber alle Tage hingehen können. Anfangs wurde immer in der großen Galerie gearbeitet. Mehrere Stücke waren schon aufgehängt, andre standen an den Wänden herum, u. da man immer darin beschäftigt war, so änderte die Decoration beständig, u. man sah immer neue Sachen. Dieß waren nun die Lombardischen (Bologna mit eingerechnet), die Holländischen, u. die hiesigen, aus Versailles u. der Gallerie du Luxembourg. Als Buonaparte ankam wollte das gesetzgebende Corps ihm eine fête geben, u. wählte diese Galerie, die in ihrer seiner enceinte liegt, dazu. Die Künstler schrien, aber es half nichts. Nun wurde die ganze Gallerie auf einmal leer gemacht u. nach diesem Tag blieb das Ganze für jedermann bis vor etwa 6 Wochen geschlossen. In dieser Zeit ist ein Theil der Gemälde in dem einen der an die Gallerie stoßenden Säle, jedoch nur provisorisch u. nur um die Neugierde des Publicums fürs erste zu befriedigen, aufgehängt worden. Dieser Saal ist überaus schön, u. da er das Licht bloß von oben empfängt u. also göttlich beleuchtet ist, so wird man in der Gallerie diese Gemälde nie in gleich gutem Lichte s wiedersehen. Dieser Saal ist eigentlich für die Exposition der Arbeiten lebender Künstler bestimmt, u. in wenigen Wochen werden die jetzigen Gemälde abgenommen, u. die der lebenden Künstler hingestellt werden. An der Gallerie selbst wird zwar ununterbrochen, aber freilich aus Mangel an Geld nicht mit aller nöthigen Vigueur gearbeitet. Man wird sie in zwei Theile abtheilen|,| in einen für die Italiänische u. einen andren für die Niederländische, Französische u. das wenige, was man von der Deutschen Schule hat. In dem zweiten sind der an die Galerie stoßenden Säle sind ist ein Theil der Handzeichnungen berühmter Meister aufgehängt. Da man deren eine sehr große Menge hat, so wird man mit ihnen wenn ich nicht irre von 3 zu 3 Monaten abwechslen. Auch sind, seit wir hier sind, einmal haute-lice Tapeten nach Raphael aufgestellt gewesen.

Was u. wieviel besonders von Italiänischen Kunstwerken jetzt hier ist, ist ge-|7*|nau nicht zu sagen, da es nicht zusammen aufgestellt ist, auch kein Verzeichniß, das öffentlich bekannt wäre, davon existirt. Damit Sie doch aber einigermaßen übersehen können, wieviel man schon hier besitzt, schicke ich Ihnen die beiden Kataloge der jetzt ausgestellten Zeichnungen u. Gemälde mit. Wenn dieß auch der kleinste Theil des ganzen Vorraths ist, so ist es doch unstreitig der schönste. Der Apollo[a] u. alles, was zugleich mit ihm kommt, hat, wie Ihnen bekannt seyn wird, in Arles überwintert. Nach einem Briefe der Aufseher darüber, den ich im Nat. Inst. habe vorlesen hören, hat man alle mögliche Sorgfalt dafür getragen. Jetzt soll es aber unterweges seyn, u. wird in zwei Monaten hier erwartet. Sobald der Gott diese Mauern begrüßt hat, schreibe ich es Ihnen.

Die wichtigste Frage über diesen Gegenstand ist die: ob die bis jetzt angekommenen Bilder d|urc|h. den Transport, die Behandlung hier, u. die Restauration verloren haben oder nicht? Um sie aber ganz zu beantworten, müßte man sie einzeln vorher genau gekannt haben. Einige Personen, die in diesem Fall sind, bejahen es nun zwar geradezu. Allein wie schwer ist es, hier zu unterscheiden, wieviel die Einbildung u. der Partheigeist dabei thun. Auch ist es schon eine so natürliche Eitelkeit immer zu sagen, daß eine Sache nicht mehr das ist, was sie sonst war, da man sie ehemals kannte. Die Heil. Cäcilia[b] war ehe sie hier gereinigt wurde[c], äußerst schmutzig u. hat jetzt ein gewisses rothes Colorit bekommen. Aller Schade ist also wohl nicht abzuleugnen. Aber ich glaube bei weitem nicht, daß es soviel ist, als viele behaupten wollen.

Von jetzigen Künstlern haben wir noch wenig gesehen. Selbst bei David waren wir noch nicht, weil er von sehr difficilem abord ist, u. auch krank war. Sollten Sie oder Meyer, da wohl keiner von Ihnen hier war, wünschen, etwas Genaues über einzelne hiesige Bilder z. B. die Raphaels oder Rubens zu wissen, so wird meine Frau Ihnen gern darüber schreiben. Sagen Sie es mir nur in Ihrem nächsten Briefe.

Gewiß ist es, daß, wenn alles, was man hier hat, gehörig eingerichtet ist, diese Galerie die einzige in der Welt seyn wird; u. ich kann nicht läugnen, daß eine so ungeheuere Vereinigung so vieler Kunstsachen doch schon für die Einbildungskraft etwas sehr Erhebendes hat. Dieß versöhnt mich einigermaßen mit dem Verlust, den Italien leidet.

Von Naturalien u. Mscpten wird mit dem nächsten Transport gleichfalls eine beträchtliche Menge von dorther erwartet.

Was Ihnen hier zu nicht geringem Tröste gereichen würde, ist daß man so erstaunlich sicher vor dem Ich und dem Nicht-Ich herumgeht, als wären diese furchtbaren Gespenster gar nicht in der Welt. Fichtes alter Thurm am Jenaischen Stadtgraben kommt mir ordentlich manchmal wie ein Feenschloß vor. Aber ich wette, Sie würden, wenn Sie hier wären, Sich danach sehnen. Mir wenigstens geht es so.

|8*| Die Bücher werde ich Ihnen zu verschaffen suchen.

Diesen Brief, die Steine u. Catalogen gebe ich Vieweg aus Berlin, der hier ist, mit. Den Brief u. die Catalogen soll er Ihnen von Berlin oder Braunschweig aus schicken, die Steine erst von Leipzig. Er will nun bald anfangen, die neue Auflage des Herrmann |sic| zu drucken. Vielleicht schicken Sie ihm einige kleine Aenderungen dazu.

Meine Frau grüßt Sie herzlich. Leben Sie innigst wohl, u. vergessen Sie Ihre abwesenden Freunde nicht.

H.

Anmerkungen

    1. a |Editor| Der sog. Apoll vom Belvedere; die römisch-kaiserzeitliche Kopie eines Bronzeoriginals des 4. Jahrhunderts v. Chr. kehrte im Jahr 1815 zusammen mit anderen Kunstwerken wieder nach Rom zurück. [FZ]
    2. b |Editor| Gemeint ist wohl das Gemälde "Die Verzückung der Heiligen Cäcilia" von Raffael (ca. 1517), das 1798 aus Bologna nach Paris gebracht wurde. 1815 gelangte das Gemälde wieder zurück nach Bologna und befindet sich seitdem in der Pinacoteca Nazionale di Bologna, Inv.-Nr. 577. [FZ]
    3. c |Editor| Die Malerei des Tafelgemäldes wurde in Paris, wie es damals oft üblich war, auf Leinwand transferiert (https://en.wikipedia.org/wiki/Transfer_of_panel_paintings). [FZ]

    Über diesen Brief

    Eigenhändig
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    Quellen

    Handschrift
    • Grundlage der Edition: Weimar, GSA, Goethe, egg. Br. 439, Nr. XVIII
    Druck
    • Bratranek 1876, S. 43–54; Geiger 1909, S. 47–58; Schulz, Hans (Hrsg.) (1923): Fichte in vertraulichen Briefen seiner Zeitgenossen, Leipzig: H. Haessel, S. 87; Borcherdt, Hans-Heinrich (1948): Schiller und die Romantiker, Stuttgart: Cotta, S. 240f.; Rößle 1952, S. 188–195; Freese 1955, S. 321–326; Mandelkow, Karl Robert (Hrsg.) (1965–1969): Briefe an Goethe, 2 Bände, Hamburg: Wegner, Bd. 1, S. 304–311; E.u.R. Grumach 1977, Bd. 3, S. 190; Fuchs, Erich (Hrsg.) (1978): J. G. Fichte im Gespräch. Berichte der Zeitgenossen, Stuttgart-Bad Cannstadt: Frommann-Holzboog, Bd. 1, S. 489
    Nachweis
    • Mattson 1980, Nr. 533
    Zitierhinweis

    Wilhelm von Humboldt an Johann Wolfgang von Goethe, 25.03.1798. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 31.08.2020. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/651

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