1. Startseite
  2. Briefe
  3. Nr. 654

Wilhelm von Humboldt an Johann Wolfgang von Goethe, 25.06.1796

|1*| Berlin, 25. Jun. 96.

Verzeihen Sie, verehrungswürdigster Freund, wenn ich Ihnen auf Ihren freundschaftlichen Brief vom 27.sten v. M. erst so spät antworte, und Ihnen Ihre schöne Idylle so lange vorenthalten habe. Allein ob ich gleich seit dem Anfange des Mays hier ein recht ungestörtes und völlig einsames Leben führe, so hat ein unglücklicher Zufall es in diesen letzten Wochen immer so gefügt, daß ich den Posttag entweder auf dem Lande bei meiner Mutter habe zubringen müssen, oder durch unerwarteten Besuch abgehalten worden bin. Lassen Sie Sich diesen Verzug nur ja nicht hindern, ich bitte Sie recht herzlich darum, mir künftig einmal wieder eins Ihrer neueren Producte mitzutheilen; Schiller wird Ihnen sagen, daß ich sonst nur selten gegen die Pünktlichkeit im Antworten verstoße.

Wegen des mathematischen Lehrers an dem neuen französischen Institut haben die Unternehmer ganz recht, wenn sie für eine solche Bezahlung, als sie bei einer solchen Einnahme, auf |2*| die sie, dem Prospectus nach, zu rechnen scheinen, leisten können, einen Mann, u. sogar einen von Gewicht und Nahmen verlangen. Nur fürchte ich sehr für das Gelingen der ganzen Anstalt, da ich nicht absehe, wie sich bei einer so theuren Pension eine hinreichende Anzahl junger Leute zusammenfinden soll. Den Namen u. die Adresse des jungen Genfers könnte ich Ihnen leicht mittheilen; indeß möchte ich Ihnen auf jeden Fall die Mühe ersparen, sich unmittelbar an ihn zu wenden. Sollte je noch eine Aussicht für ihn übrig seyn, woran ich jedoch bei dieser Lage der Sachen zweifle, so kann die Sache immer durch mich, wenn ich gleich nicht hier seyn sollte, betrieben werden. Für jetzt habe ich ihm so gut als alle Hofnung dazu benommen.

In Ihrer Idylle vereinigt sich alles, was diese schöne Gattung anziehend und reizend machen kann, einfache Wahrheit der Empfindungen, liebliche Natur der Schilderungen, hohe dichterische Schönheit und eine bewundernswürdige Zierlichkeit u. Leichtigkeit der Diction. Ich habe <mich> mit unglaublichem Vergnügen bei der Vergleichung dieses Stücks mit andern derselben Gattung der übrigen neueren Dichter verweilt, und habe darin besonders zwei Eigenthümlichkeiten sehr stark ausgedrückt gefunden, die überhaupt meinem |3*| Gefühl nach, Ihren Dichtercharakter vorzugsweise bezeichnen. Die erste ist zu auffallend, als daß sie irgend jemandem entgehen konnte, es ist der Ernst, den immer auch das Spiel annimmt, sobald es ein schönes Spiel ist, die Tiefe, bis zu der Sie allemal die Empfindung verfolgen, und der Umfang, den Sie ihr geben. Daher erscheint z. B. die Liebe, selbst in ihren leichtesten Aeußerungen und in ihren flüchtigsten Aufwallungen bei Ihnen immer groß, über den ganzen Charakter ausgegossen, mit Allem in Verknüpfung gebracht, vollkommen frei und rein und doch durchaus wahr und natürlich. So vorz in den Elegien und in dieser Idylle. Durch den Eindruck des Ganzen, und besonders bei einigen einzelnen Stellen, wie z. B. gleich Anfangs: „In mich selber kehr ich zurück u. s. w.“ dann den einzig schönen Versen: „Wie man die Sterne sieht u.s.w.“ u. endlich: „Ewig, sagtest Du leise u.s.w.“ sieht sich der irgend empfängliche Leser auf einmal mit tieferen u. ernsteren Gefühlen überrascht, als ihn die spielende Leichtigkeit andrer und selbst des Ganzen anfangs erwarten läßt. Einen ähnlichen Eindruck macht die lebendige Starke des Wechsels der Empfindung am Ende, der so schön und wahr geschildert ist.

Aber was bei der Vergleichung mit den besten Produkten dieser Gattung noch auffallender wird, und Ihnen gleich eigenthümlich, aber |4*| noch ausschließender angehört, ist die Verbindung g dieser gehaltvollen Natur, in welche mit einer so leichten und so zierlichen Form, in welcher nicht der Künstler, aber doch das Kunstwerk erscheint. Ich zweifle, ob ich mich Ihnen deutlich genug ausgedrückt haben werde; aber gewiß ist es doch, daß es zwei entgegengesetzte Arten der Poesie giebt, deren eine mit zu vieler und zu formloser Materie, die andre mit einer zu leeren Form auftritt. Der erstere Fehler ist den Deutschen häufig eigen, und muß jeder Nation gefährlich seyn, die mehr Gefühl als Phantasie hat, von deren beider glücklichen Mischung doch wohl die höchste Poesie abhängt. Man findet ihn z. B. dünkt mich hie und da (um nur aus den besseren Dichtern Beispiele anzuführen) in Voß Gedichten, bei denen man nicht selten, wenn man genau auf sich achtet, mehr|?| eine recht ächt ästhetische Stimmung in sich vermißt. Von dem entgegengesetzten Fehler f liefern die Ausländer Proben genug. Die Griechischen u. Römischen Dichter zeigen im Grunde denselben Unterschied. In den ersteren besten der ersteren ist bloß Natur, Einfachheit u. Wahrheit, bloß immer der Gegenstand selbst, ohne daß jedoch darum der Eindruck nur im mindesten weniger ästhetisch wäre, mehr, so wie der Redner oder Geschichtschreiber, <abgesondert> das Gefühl, als die Einbildungskraft ergriffe, worin unstreitig der unnachahmliche Vorzug der griechischen Natur bestand.

|5*| In den vorzüglichsten unter den Römern ist dagegen offenbar schon Kunst, Manier u. Schmuck sichtbar, ohne daß man ihnen doch den Vorwurf des Spielenden und Tändelnden machen könnte, der die späteren u. ihnen gleichzeitigen Griechen offenbar trift. Die Vereinigung dieser verschiedenen Eigenthümlichkeiten nun ist es, die ich in so vielen Ihrer Gedichte und fast vor allen in dieser Idylle bewundre, in welcher ächt Homerische Einfachheit (z. B. nur in der Beschreibung der Geschenke) mit der feineren und reineren Entwicklung der Empfindungen, die nur das Eigenthum der neueren Zeit ist, und mit jener leichten Zierlichkeit gepaart ist, die so lebhaft an die Römischen Dichter erinnert. Für diese ist es nicht möglich, einzelne Stellen anzuführen; sie webt und lebt in jedem einzelnen Verse und in dem Ganzen; nur [d+] diese einzigen Verse <der einzige Vers> schiene sie mir beinah ein wenig zu stark ausgedrückt sehr in dieser Ovidischen Gattung:

Noch schlagen die Herzen

Für einander, doch ach! nun an einander nicht mehr!

der, wenn Sie mir dieß zu bemerken erlauben, zugleich die Unbequemlichkeit hat, daß das an, der Scansion nach, nicht den Ton bekommt, den man ihm, dem Sinn nach, nothwendig geben muß. |6*| Vorzüglich leicht und schön entläßt den Leser der Anruf der Musen am Schluß. Ich wünschte sehr, daß es mir gelungen wäre, Ihnen hier meine Idee ganz deutlich zu machen, ich wünschte es um so mehr, als ich in ihr den Aufschluß der Verschiedenheit der Griechischen, neueren ausländischen, und unsrer Deutschen Poesie aufsuche. Soviel wenigstens scheint mir gewiß, daß auf die Art der Verbindung der Natur mit der Kunst allein in dem Dichter alles ankommt, und daß eine solche, bei welcher die Natur nie, auch nicht im kleinsten Grade, schwer und drückend, und die Kunst nie leer und kalt wird, nur in dem Dichter Statt finden kann, der zugleich vollkommen objectiv und vollkommen ästhetisch gestimmt ist, ** der immer die wahre Beschaffenheit der Gegenstände rein in sich aufnimmt, und sie immer wieder gleich treu in seiner Einbildungskraft darstellt. Der nachsichtsvollen Güte, die Sie mir über mein Urtheil über Ihr Mährchen bewiesen, müssen Sie es zuschreiben, daß ich heute über die Idylle so ausführlich bin. Sehr gern verweilte ich mich noch bei so vielen einzelnen Stellen. Sie ist durch und durch schön und gehört gewiß zu Ihren gelungensten Stücken.

Auch das Silbenmaaß haben Sie vortreflich behandelt. Nur folgenden zwei Hexametern wünschte ich einen besseren Abschnitt:

|7*| S. 3. V. 7. Und nun / trennt uns die / gräßliche / Woge. Du u.s.w.

– 5. – 2. v. unt. Warlich es / soll zur / Kette / werden das u.s.w.

Ihren Pentametern haben Sie dadurch, daß Sie ihnen mit so großer Sorgfalt eine ganz entschiedene Länge zur Abschnittssilbe gegeben, einen großen Wohlklang ertheilt. In nur noch wenigen ließe sich vielleicht noch etwas nachhelfen.

S. 4. V. 6. Nimm aus dem / Garten / noch / einige u.s.w.

– 6. – 2. Spangen / sollen / Dir / reichlich verzieren die Hand.

– 4. – 12. Schönere / Frucht fiel / Dir / leise berührt u.s.w.

Noch u. Dir schließt man dünkt mich in den beiden ersten dieser Verse im Skandiren zu nah an die vorhergehenden Trochäen an. In dem letzten kann man zwar nicht anders, als Sie es wollen, skandiren. Aber bei einem natürlichen Lesen, ohne Rücksicht auf den Vers verliert das Pronomen Dir doch durch das vorhergehende Verbum u. die auch nachfolgende Länge allen Ton. Aber ich breche endlich ab, und bitte Sie nur, schon diese Kriteleien zu verzeihen.

Meine Frau empfiehlt sich Ihrem freundschaftlichen Andenken, und dankt Ihnen herzlich für den Genuß, den ihr die Idylle verschaft hat. – Ihren Wunsch, diese sonst niemand zu zeigen, habe ich pünktlich erfüllt.

Jacobi hat mir einen Besuch hier versprochen. Soviel Freude es mir auch macht, ihn wiederzusehn, bin ich doch etwas bange, wie |8*| ihm übrigens die Berliner behagen werden, und wenn er nicht in den nächsten 3 Wochen kommt, findet er mich, wie ich ihm auch geschrieben, nicht mehr. Bloß die Rückfälle und Folgen eines kalten Fiebers meines kleinen Jungen haben mich so lange hier noch zurückgehalten. Ich gehe alsdann zu meinem Schwiegervater aufs Land, und hoffe Sie bis von da aus recht bald zu sehn.

Leben Sie bis dahin recht wohl, und erhalten Sie mir Ihre gütige Freundschaft!

Humboldt.


|Postskriptum links am Rand, von oben nach unten geschrieben|Der Cellini hat uns große Freude gemacht. Fahren Sie ja recht bald fort.

Über diesen Brief

Eigenhändig, Kurrentschrift
Schreibort
Antwort auf
-
Folgebrief
-

Quellen

Handschrift
  • Grundlage der Edition: Weimar, GSA, Goethe, egg. Br. 439, Nr. V
Druck
  • Bratranek 1876, S. 15–20; Geiger 1909, S. 17–22; Mandelkow, Karl Robert (Hrsg.) (1965–1969): Briefe an Goethe, Hamburg: Wegner, Bd. 1, S. 225–228; Mueller-Vollmer, Kurt (Hrsg.) (1970): Wilhelm von Humboldt. Studienausgabe in drei Bänden, Frankfurt: Fischer, Bd. 1, S. 108–111; Rößle 1952, S. 134–137; Schiller, Friedrich (1943ff.): Schillers Werke. Nationalausgabe, Weimar: Böhlau (= Schiller NA), Bd. 36/II, S. 252 (Ausz.); Mattson 2017, S. 253–257 Nr. 435
Nachweis
  • Mattson 1980, Nr. 425
Zitierhinweis

Wilhelm von Humboldt an Johann Wolfgang von Goethe, 25.06.1796. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 31.08.2020. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/654

Download

Dieses Dokument als TEI-XML herunterladen

Versionsgeschichte

Frühere Version des Dokuments in der archivierten Webansicht ansehen