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  3. Nr. 655

Wilhelm von Humboldt an Johann Wolfgang von Goethe, 23.08.1804

|1*| Marino, den 23. Aug. 1804.

Ihr Brief[a], mein theurer Freund, ist nur 14 Tage unterwegs gewesen, u. ich habe ihn hier am 14. d. richtig empfangen. Am 16t ging ich, meine Post abzumachen, nach Rom, und habe diese Gelegenheit benutzt mit Mercandetti zu sprechen. Ich habe ihn seine Antwort Punkt für Punkt schriftlich aufsetzen lassen, bin sie mit ihm durchgegangen u. habe ihm bemerklich gemacht, wo noch Dunkelheiten waren. In dieser Woche wird er seine Abschrift <Antwort> nun noch einmal umgeändert hab u. die Medaillen, die er Ihnen zur bessren Prüfung seiner Geschicklichkeit schicken wollte, eingepackt haben, u. morgen, da ich wieder nach Rom gehe, rede ich mit ihm u. gebe Ihnen am Ende dieses Briefes auf alles genügende Auskunft. Hier also nur noch zwei Bemerkungen. Ich werde mit Vergnügen jede auf dies Geschäft Bezug habende Besorgung übernehmen, allein die Aufsicht über die Arbeit kann ich nicht übernehmen, weil ich mich darauf nicht verstehe. Auch weiß ich nicht, welchem der hiesigen Künstler ich dies auftragen könnte. Mir schiene Gmelin der passendste u. Gmelin wird es Ihret- u. meinetwegen gern thun. Allein Fernow u. Mayer kennen das ganze Personal hier u. können am besten rathen. Zeigen Sie mir also bestimmt Ihre Wahl an. Ich kann Ihnen sonst für nichts einstehen. Zweitens: scheint Ihnen Mercandetti wirklich ein so vorzüglicher Künstler? Mir kommt es, offenherzig gesagt, nicht so vor. Vielmehr, dünkt mich, sind einige Medaillen, die Bonaparte in Paris hat schlagen lassen, viel schöner gemacht. Ob Abramson oder Loos in Berlin gleich gut arbeiten, weiß ich nicht. Aber die Nähe wäre, schon bei gleicher Güte, ein Vortheil. Wegen Ihrer zu kaufenden Medaillen wundert es mich, daß Sie mir Hamerani nicht nennen. Er hat eigentlich die ganze Suite päpstlicher Medaillen. Doch kommen Sie durch Mercandetti gleich gut zum Zweck.

Daß die Entfernung durch die Langsamkeit der Mittheilung das Schreiben unangenehm macht, liebster Freund, ist wohl wahr, aber ein Theil dieser Unannehmlichkeit wird doch durch schnelles Antworten gehoben, u. wir besonders leben, wenn auch weit entfernt, im Grunde doch in verwandten Kreisen. Mehr oder weniger beschäftigt uns beide doch Alter-|2*|thum, Kunst u. deutsche Literatur. Wir brauchen also nur Eines zu thun, mein Theurer, wir brauchen wegzusehen von der Entfernung, als einer „die Mittheilung hindernden“|,| und hinzusehen auf sie, als eine „die Mittheilung doch nicht unmöglich und dagegen nothwendig machende“|,| und wir haben somit in die Entfernung die NichtEntfernung aufgenommen, u. müssen uns nun selbst über den Schein wundern, durch den wir uns entfernt glauben konnten.

Verzeihen Sie diese streng metaphysische Demonstration. Aber es war eine Anstrengung, ein saltus mortalis nöthig|,| um Sie gleich zu überzeugen, daß ich auf den sieben Hügeln doch mitten unter den Gespenstern herumwandle, die bei Ihnen spuken, Sie werden nun nicht mehr denken können, daß irgend etwas in Ihren Umgebungen mir fremd geworden seyn könnte, Sie werden nicht nach dem suchen, was Sie etwa mit mir verknüpfen könnte, sondern aufs Gerathewohl ergreifen, was Ihnen nah liegt, und Sie werden mich dann wieder vielleicht öfter mit Briefen erfreuen. Thun Sie es, wenn Sie können, Sie machen mich sehr glücklich dadurch. Aber thun Sie es nicht, säumen Sie wie jetzt, so lasten Sie nur mir eine falsche Schaam einreißen. Der Augenblick, in dem Sie wieder anfangen, hebt immer die ganze Vergangenheit, in der Sie schwiegen, auf.

Mir geht es sehr gut, mein bester Freund, meine beiden kleinen Mädchen[b] sind sehr wohl, u. aus Paris[c] habe ich fortdauernd gute Nachrichten. Nur gehe ich diesen Sommer, meine Geschäfte, die Gott mich bewahren soll, Thätigkeit zu nennen, <ausgenommen,> ein wenig müßig. Ich glaubte hier auf dem Lande viel zu arbeiten; aber wer könnte am Tisch sitzen in dieser himmlischen Gegend, in diesem Sommer|,| der schlechterdings nicht heiß ist? Jeden Nachmittag also gehe ich, oder reite ich, zu Pferd oder Esel aus, näher u. weiter, u. sehe u. genieße so viel u. so innig, daß ich doch diesen Sommer zu der am besten angewendeten Zeit rechnen werde. Ich weiß nicht|,| ob Sie dies Latiner Gebirge, u. die Ufer des Albaner u. Nemier-Sees recht kennen. Wer verhältnißmäßig nur kurz in Rom ist, den zieht Rom mehr an. Aber wer Muße hat, hier alles Einzelne zu durchgehen, der findet unbegreifliche Standpunkte, einen Reichthum in einem spannenlangen Raum, der sich immer wieder durch sich selbst von der Phantasie neu befruchtet. Den großen Unterschied zwischen diesen u. |3*| unsren Gegenden finde ich darin, daß die unsren uns immer entweder aus uns hinaus ins Ungestüme, oder in uns hinein ins Düstere treiben, immer unruhig oder schwermüthig, also empfindsam machen. Hier löst sich alles in Ruhe u. Heiterkeit auf. Man bleibt immer klar, immer gleichmüthig, immer objectiv gestimmt. Die Spanischen Gegenden, habe ich oft bemerkt, wirken im Ganzen wie die Deutschen.

Ich habe oft darüber u. über die ganze Wirkung nachgedacht, die Rom macht, u. mich gefragt, wieviel wohl davon objectiv seyn mag. Schelling hat, denke ich, irgend einmal gesagt, daß das klassische Alterthum eine Trümmer eines ursprünglichen höhern Menschengeschlechts sey, u. etwas Wahres liegt darin; jede Vergleichung zwischen Modernen u. Alten hinkt, weil es für uns nicht mehr dieselbe Gattung ist, die beide umfaßt. Ein Vers Homers, selbst ein unbedeutender, ist ein Ton aus einem Lande, das wir alle als ein bessres u. doch uns nicht fernes anerkennen, jeder ergreift zugleich u. in Einem Gefühl mit Götterehrfurcht u. mit Heimatssehnsucht. Vieles kommt zusammen, das hervorzubringen, schon das trägt viel bedeutend dazu bei, daß jene Glücklichen eine Sprache redeten, die für uns nie zum Gepräge des Gemeinen dient. Aber der eigentliche Erklärungsgrund liegt für mich in den Zeiten der Barbarei. Durch das Christenthum u. den Zustand gesellschaftlicher Wildheit (die Griechen kannten nur eine Natur-Wildheit) wurde der Mensch so mürbe gemacht, daß natürliche Ruhe, ungestörter innerer Friede auf ewig für ihn verloren war, u. beide jetzt nun erst durch einen sauren Sieg erkämpft werden müssen. Man spaltete seine Natur, setzte der Sinnlichkeit eine reine Geistigkeit entgegen, u. erfüllte ihn mit nun nie mehr weichenden Ideen von Armuth, Demuth u. Sünde. Wenn er nun so, in seinem Innern zerknirscht durch ein Gemisch gnostischer Spitzfindigkeiten u. Schwärmereien, u. engherzigen, schreckenvollen Begriff des Judenthums, in seinem Aeußren geschreckt u. geplagt durch willkührliche Gewalt, die aber immer mit dem Namen des Rechts (wie keine Tirannei |sic| bei den Alten) Unterwerfung foderte, wenn er so zum erstenmal aufblicken konnte zu jenen Geschlechtern, die in ganz entgegengesetztem Zustand gelebt hatten, wenn er ihre Werke noch dazu mit allem Zauber der Einbildungskraft umgeben sah, so mußte er niederfallen, wie vor Göttergestalten, u. da wir noch immer, nur hie u. da geringer, in densel demselben innren u. äußren Zwiespalt fortleben, so muß auch jene Anbetung |4*| bei uns fortdauern. Niemand hat je die moderne Welt aus der Alten eigentlich deducirt u. niemand kann es. Es ist da eine Kluft, die jeder bemerken muß, u. wo nur noch das plötzliche Erscheinen des Christenthums einen nothdürftigen Erklärungsgrund abgiebt.

Rom[d] ist der Ort, in dem sich für unsere Ansicht das ganze Alterthum in Eins zusammenzieht, u. was wir also bei den alten Dichtern, bei den alten Staatsverfassungen empfinden, glauben wir im Rom mehr noch als zu empfinden, selbst anzuschauen. Wie Homer sich nicht mit andren Dichtern, so läßt sich Rom mit keiner andren Stadt, Römische Gegend mit keiner andren vergleichen. Es ist allerdings also das Meiste an diesem Eindruck subjectiv, aber es ist nicht bloß der empfindelnde |sic| Gedanke zu stehen, wo jener oder dieser große Mann stand. Es ist ein gewaltsames Hinreißen in eine von uns nun einmal, sey es auch durch eine nothwendige Täuschung, als edler u. erhabener angesehene Vergangenheit, eine Gewalt, der selbst, wer wollte, nicht widerstehen kann, weil die Oede|,| in der die jetzigen Bewohner das Land lassen, u. die unglaubliche Masse der Trümmer selbst das Auge dahin führen, u. da nun diese Vergangenheit in einer dem innren Sinn in einer Größe erscheint, die allen Neid ausschließt, an der man überglücklich sich fühlt, nur mit der Phantasie theil zu nehmen, ja an der keine andere Theilnahme nur denkbar ist, u. dann dem äußren Sinn zugleich die Lieblichkeit der Formen, die Größe u. Einfachheit der Gestalten, der Reichthum der Vegetation (die doch wieder nicht überüppig ist, wie in noch südlicheren Gegenden) die Bestimmtheit der Umrisse im klaren Medium, u. die Schönheit der Farben, in durchgängige Klarheit versetzt — so ist nur hier der Naturgenuß reiner, von aller Bedürftigkeit entfernter Kunstgenuß. Ueberall sonst reihen sich Ideen des Contrastes daran, er wird elegisch oder satyrisch. Freilich ab indeß ist es auch nur für uns so. Horaz empfand Tibur[e] moderner, als wir Tivoli. Das beweist sein beatus ille qui procul negotiis. Aber es ist auch nur eine Täuschung, wenn wir selbst Bewohner Athens u. Roms zu seyn wünschten. Nur aus der Ferne, nur von allem Gemeinen getrennt, nur als vergangen muß das Alterthum uns erscheinen. Es geht mir damit, wie wenigstens mir und Zoëga mit den Ruinen. Wir haben immer einen Aerger, wenn man eine halbversunkene ausgräbt. Es kann höchstens ein Gewinn für die Gelehrsamkeit auf Kosten der Phantasie seyn. Ich kenne für mich nur |5*| noch zwei gleich schreckliche Dinge, wenn man die campagna di Roma anbauen u. Rom zu einer policirten Stadt machen wollte, in der kein Mensch mehr Messer trüge. Kommt je ein so ordentlicher Pabst, |sic| was aber die 72 Cardinale verhüten mögen! so ziehe ich aus. Nur wenn in Rom eine so göttliche Anarchie u. um Rom eine so himmlische Wüstenei ist, bleibt für die Schatten Platz, deren Einer mehr werth ist, als dies ganze Geschlecht.[f]

Sie glauben nicht, welchen Aerger ich manchmal in mich fressen muß bei gewissen Fremden, denen keine villa hier recht ist, die bald zu wenig Schatten, bald zu viele geschnittne Bordures |?| finden, die sich immer wundern, warum die Römer keine Englischen Gärten anlegen, u. nicht sehen, daß das gerade noch eine der größesten Exemtionen ihres gesunden Menschenverstandes ist, höchstens noch der Parthie am See in der villa Borghese Gerechtigkeit widerfahren lassen, weil da sogar künstliche Ruinen sind, nicht einsehen, daß der Anblick der öden campagna mit den vielen Wasserleitungen u. Trümmern darin, u. den hohen|,| schön bewachsnen u. reichlich bevölkerten Bergen am Ende unendlich größer ist, als wenn nun da eine Menge moderner Landhäuser u. Gärten u. Parke, wie um Paris, alles verdeckte u. verwirrte, endlich klagen, daß um Rom keine Bäume sind, u. rein aus Eigensinn die Gegenden nicht besuchen, wo die göttlichsten stehen, die Gottes Erdboden trägt, darauf nach Neapel gehen, in Entzückung gerathen, u. bei der Zurückkunft einen ordentlich mit Gutmüthigkeit bedauern, daß man in Rom wohnen muß! Ich konnte Ihnen, mein theurer Freund, dies Bild meiner Leiden nicht schenken. Glücklicherweise treffen sie immer mit den Leiden des Herrn in der Passionswoche zusammen, zu ihnen stoßen die Langeweile der kirchlichen Functionen und die mir in den Tod verhaßte Musik, so dient mir alles zusammengenommen zur heilsamen Buße u. löst sich im Sommer, wo das Phantom der bösen Lust glücklicherweise alle diese ultramontanen Unholde wieder verscheucht, in reinen Genuß auf.

Da ich erst der Ausgrabungen erwähnte, so muß weiß ich nicht|,| ob Sie einen deutlichen Begriff von der Scheußlichkeit haben, die man um den Bogen des Septimius Severus gemacht hat. Man hat ein Loch, wie um die TrajansSäule angelegt, u. mit einer Mauer eingefaßt, u. dadurch nun nichts gewonnen, als daß man einen sehr mittelmäßigen Bogen u. gleiche Basreliefs allenfalls ausmessen kann. Denn an Sehen ist, da von oben immer noch die Hälfte verdeckt ist, u. unten man immer zu nah steht, nicht zu denken. Der schöne Eingang auf den campo vacci-|6*| no durch den mehr als halbverschütteten Bogen hindurch ist nun ganz verdorben. Jetzt legt man einen gleichen Brunnen um den Bogen des Constantin an u. gräbt auch im Circus maximus.

Hier in Marino besuche ich fast jeden Nachmittag neue u. in vignen und in dichtverwachsnen Macchien versteckte Ruinen. Merkwürdiges findet sich natürlich selten, aber als Zweck eines Spatzierganges kenne ich nichts Unterhaltenderes. Dabei kommt man so am besten in der ganzen Gegend herum u. verfehlt keinen schönen Gesichtspunkt. Manchmal freilich mache ich auch ermüdende Fehlversuche u. werde zu ziemlich modernem Gemäuer verführt. So ging es mir auch gestern, wo man mich 11 Miglien weit auf das Castell Ariano über Velletri schleppte u. hernach alles neu, nur einiges einigermaßen zweifelhaft war. Aber ich war durch den Weg u. die Gegend entschädigt. Denn das Castell liegt vielleicht höher als Monte cavo, Cori gegenüber mit der himmlischsten Aussicht auf das Land u. das Meer bis Monte Circello hin. Gleich schön war der Weg dahin, da man über Rocca di Papa u. die sogenannten HannibalsWiesen hin den Wald der Fajola fast in seiner ganzen Länge durchmißt.

Ich hatte den Tag zuvor gerade u. mit großem Genuß Vossens Abhandlung zu seiner Hesiodischen Karte gelesen. Von der Gründlichkeit u. Gelehrsamkeit seiner Forschungen ist es nicht nöthig ein Wort zu sagen. In der Darstellung hat mir der Stil weit mehr als in der Recension Adelungs gefallen, wo er alle Augenblicke von der Prosa zur Poesie steigt u. zurückfällt, aber etwas Ermüdendes behält sein Stil immer. Bei einer Materie wie diese, wo es so viele Mühe kostet, feste u. V** Resultate zu finden|,| sollte man am meisten das unangenehme Gefühl der Verwirrung vermeiden, das aus widersprechenden Zeugnissen entsteht, u. dafür hat er wenig gesorgt. Man hat sogar Mühe|,| seine Resultate festzuhalten. In Schlözers Nordischer Geschichte giebt es einige trefliche Beispiele von dem, was man in dieser Art leisten kann u. leisten sollte.

Ihre Literaturzeitung, mein Bester, lese ich nicht bloß, sondern sie ist einer meiner größesten Genüsse. Ich halte zugleich die Hallische (Ihre hält eigentlich der Bairische Gesandte, ein Bischof Haeffelin, ein unterrichteter Mann u. mir in solchen Dingen ein großer Trost hier) u. so suche ich mir wenigstens ein |7*| Schattenbild Deutscher Literatur zu machen. Sollte ich beide Zeitungen, die nicht mehr vergleichbar sind, vergleichen, so würde ich sagen, daß die erste < Hallische> nun erst vollkommen zeigt, wie philisterhaft sie ist. Die Ihrige liefert weniger eine Darstellung der Schriften (manchmal für den Entfernten, der sie nicht selbst consultiren kann, zu wenig) als ein Raisonnement über sie. Die meisten Recensionen sind eigentliche Aufsätze, immer belehrend für sich, u. oft pikant, sie lesen sich besser u. geben mehr Anlaß|,| selbst zu denken.

Ich habe jetzt bis zu Ende Aprils gelesen. Doch ist eben der Rest bis zum Julius gekommen. Bis dahin hat meinen unbedingtesten Beifall die Recension der Vossischen Gedichte. Sie ist wirklich genialisch, wahr gesehen, fein ausgedrückt u. sehr schön geschrieben. Sie geht leise vorüber, wo man nicht fest auftreten durfte, ohne wirklich Unrecht zu thun, u. kommt gemach zu dem Ziel|,| bei dem man mit aller Gerechtigkeit verweilen kann. Einige metaphysische Recensionen haben mir gefallen, weil sie kurz u. bündig die Verschiedenheit der Systeme anzeigen, allein ich weiß nicht, ob Eine einzige ist, die ihren Recen Verfasser vollkommen auf der metaphysischen Höhe zeigt. Am meisten misfallen, damit Sie alles wissen, hat mir die Recension von Schillers Braut. Es ist eine Verwirrung aller Dichtungsarten darin, u. zugleich eine Prätension, eine Declamation über die arme Zeit, die jetzt so oft herhalten muß, die einen anekeln. Von Chor im Schillerschen Sinn scheint der Recensent nicht einmal die Idee gefaßt zu haben. Es Er soll nach ihm so eine Art Aushelfer seyn, wo die Handlung nicht alles ausspricht, oder ein Milderungsmittel zu starken Eindrucks u. Gott weiß was. Daß der Chor die Welt zu den einzelnen Personen der Handlung ist — selbst das scheint er nicht geahndet zu haben. Daher ihm denn auch die gerade sehr schöne Theilung des Chors ganz wunderbar vorkommt. Im Affect gesagte u. so verstandne Stellen führt er wie aktenmäßige Beweise an, kurz es scheint mir ein wunderlicher Heiliger. Vossens Recension von Adelung hat mich sehr gefreut. Ich habe den Adelung hier fast immer in Händen, weil mir viele andre Hülfsmittel abgehen, u. sehe täglich mehr seine Mangelhaftigkeit ein[g]. Nur hätte ich gewünscht, Voss selbst hätte mehr Facta angeführt.

Voss muß eigne u. viele Materialien über Etymologie haben. Davon sollten Sie ihn vermögen, einiges manchmal der Lit. Zeitung mitzutheilen. Am Eingang der Bände stände ein ausführlicheres Raisonnement, u. hinter den Strichen am |8*| Ende der Blätter eine Menge einzelner Bemerkungen schon an ihrer Stelle.

Mit großem Interesse habe ich die Anzeige der Pestalozzischen Lehrmethode gelesen. Nur finde ich den Recensenten zu nachsichtig. Sagen Sie mir einmal selbst|,| was aus dem Menschengeschlechte würde, wenn alle Kinder nun 30 Jahre hintereinander nachbeteten: das Auge liegt unter der Stirn, 2 mal 2 ist 4, ein Quadrat hat 4 gleiche Seiten u. s. f. Ich fürchte sehr, indem man besonders die Schulen der niedren Stände verbessern will, räumt man als Unrath gerade das mit weg, was allein Heil brachte. Auch der Bauer u. Bettler hat eine Phantasie u. ein andres Gefühl, als das bloße seiner Dürftigkeit u. seines kärglichen Genusses, auch in ihm kann u. muß etwas Hohes geweckt werden, u. bisher wurde es geweckt. Man las in allen Schulen Kapitelweise die Bibel. Da war Geschichte, Poesie, Roman, Religion, Moral|,| alles durcheinander; der Zufall hatte es zusammengefügt, aber die Absicht möchte Mühe haben|,| es gleich gut zu machen. Aus dieser Quelle schöpfte bis jetzt der gemeine Mann alles, wodurch er mehr, als bloßes Lastthier war, u. dafür werden ihm alle Systeme der Anschauung keinen Ersatz gewähren. Es ist wirklich ein fürchterlicher Gedanke|,| dem Menschen die Anschauungen seiner eigenen Glieder zuzählen zu wollen, da man genug zu thun hat, Ordnung in dem Chaos von Anschauungen zu stiften, die sich von selbst aufdrängen. Die mathematische Richtung zur Hauptrichtung machen, ist gar entsetzlich. Aeußerst gefällig ist aber der Recensent, daß er zugiebt, daß eins der Pestalozzischen Unterrichtsmittel die Sprache ist. Was hat die Sprache mit dem trocknen Benennen der Gegenstände gemein? Die Sprache würde oder könnte wenigstens als Vehikel alles in der That leisten, da sie der Form u. Materie nach ein Abdruck der Welt ist. Aber dann müßte man mehr nicht, wie bisher geschehen, bloß Grammatik unter ihr verstehen, u. dazu gehörten für die Lehrer selbst Studien, die man jetzt mit Billigkeit nur von wenigen unter ihnen fodern kann.

Aber ich mache diesem langen Geschwätz ein Ende. Grüßen Sie Schiller herzlich, u. den K ganzen Kreis unsrer übrigen Freunde. — Ob Sie von meiner Improvisatione Gebrauch machen sollen, kann ich wirklich nicht sagen, weil ich nicht weiß, was ich geschrieben habe. Aber alles ist ja doch (von meiner Seite) namenlos, u. was Sie thun ist gut gethan. Ich selbst habe sie, da ich u. sie auf das Land gegangen sind, seit einiger Zeit aus dem Gesicht verloren.

Leben Sie herzlich wohl, u. gedenken Sie manchmal Ihres abwesenden Freundes.
H.

Anmerkungen

    1. a |Editor| Der Verbleib von Goethes Brief ist unbekannt; s. Goethes Briefe (Repertorium), WA-Nr. 04940. [FZ]
    2. b |Editor| Die beiden jüngsten Töchter Adelheid und Gabriele.
    3. c |Editor| Von Caroline von Humboldt.
    4. d |Editor| Der folgende Absatz ist von Goethe auf Anregung Humboldts (s.u.) übernommen worden: Johann Wolfgang von Goethe (Hrsg.) (1805): Winkelmann und sein Jahrhundert. In Briefen und Aufsätzen, Tübingen: J. G. Cotta’sche Buchhandlung, S. 408–410 (Digitalisat der UB Heidelberg). [FZ]
    5. e |Editor| Antiker Name von Tivoli. [FZ]
    6. f |Editor| Hier endet der von Goethe verwendete Textabschnitt.
    7. g |Editor| Humboldt besaß die erste Ausgabe von Adelungs Werk; siehe Bücherverzeichnis in Tegel (AST, Archivmappe 75, M. 4, Bl. 8r). [FZ]

    Über diesen Brief

    Eigenhändig
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    Folgebrief
    -

    Quellen

    Handschrift
    • Grundlage der Edition: Weimar, GSA, Goethe-Briefe, Nr. 60, fol. 29–32
    Druck
    • Intelligenzblatt der Jenaischen Allgemeinen Literatur-Zeitung, Nr. 134, 1804, Sp. 1135f. (Ausz. [zu Pestalozzi]); Goethe, Johann Wolfgang von (Hrsg.) (1805): Winckelmann und sein Jahrhundert. In Briefen und Aufsätzen, Tübingen: J. C. Cotta, S. 408–410 (Ausz. [zu Rom]); Bratranek 1876, S. 214–224; Geiger 1909, S. 181–191; Sell 1909, S. 62–66; Rößle 1952, S. 260–265; Freese 1955, S. 518–522; Mandelkow, Karl Robert (Hrsg.) (1965–1969): Briefe an Goethe, Hamburg: Wegner, Bd. 1, S. 416–423; Humboldt, Wilhelm von (1981): Werke in fünf Bänden, hrsg. von Andreas Flitner und Klaus Giel, Bd. 5, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, S. 212–221
    Nachweis
    • Mattson 1980, Nr. 1130

    In diesem Brief

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    Sprachen
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    Zitierhinweis

    Wilhelm von Humboldt an Johann Wolfgang von Goethe, 23.08.1804. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 31.08.2020. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/655

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