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  3. Nr. 684

Wilhelm von Humboldt an Heinrich Julius Klaproth, 30.01.1825

|1*| Ew. Wohlgeboren statte ich meinen verbindlichsten und freundschaftlichsten Dank für Ihr gütiges Schreiben u. die Lieferungen Ihrer so sehr interessanten tableaux historiques ab. Sie werden, verbunden mit der Asia polyglotta, vollständige Aufklärung über die bisher so unbekannte u. oft so entstellte Geschichte des inneren Asiens gewähren. Ich bin nun im Besitz von drei Lieferungen und 16 Karten.

Ihr Urtheil über Ritter hat mich ungemein gefreut. Er ist, wie Ew. Wohlgeboren sagen, in jeder Rücksicht gründlich, u. von dem regesten Eifer belebt. Wenn seine Gesundheit die angestrengte Arbeit erträgt, wird er gewiß noch unendlich viel leisten.

Von Champollion bin ich sehr begierig bald wieder zu hören. Ich halte seine Methode für vollkommen richtig u. die bis jetzt von ihm gemachten Entdeckungen scheinen mir wahr. Indeß läßt sich auch nicht abläugnen, daß sich mit dem bisher von ihm Herausgebrachten in den Hieroglyphen doch mechanisch (ohne selbst wieder neue Erfindungen zu machen) noch wenig lesen läßt. Ich habe zwei Rollen aus der Minutolischen Sammlung genau verglichen, ich bin mit dem Coptischen ziemlich vertraut, aber ich habe kaum einige Worte entziffert, die nicht Champollion |2*| schon gegeben hätte. Doch gestehe ich, daß ich immer ungeschickt im Rathen gewesen bin. Ich habe daher Champollion geschrieben[a], u. ihm mehrere schwierige Stellen vorgelegt, die ich nicht herausbringen kann. Leider hat er mir nicht geantwortet. Freilich hat er in Turin Besseres zu thun.

Ausoniolis[b] erstes Heft habe ich gelesen u. auch sehr leer gefunden. Weiteres kenne ich nicht. Seine Idee die Hieroglyphen aus Buchstaben abzuleiten scheint indeß doch gegen den natürlichen Lauf der Dinge.

Von Spohn ist noch nichts erschienen. Dagegen hat Kosegarten einen Papyrus in demotischer Schrift aus der Minutolischen Sammlung, wie es scheint, recht glücklich entziffert. Da derselbe Papyrus mit wenigen Veränderungen in Paris vorhanden ist, u. in Youngs discoveries noch eine Griechische Uebersetzung Englisch gegeben ist, so war das freilich eine große Hülfe. Doch hat er die einzelnen Wörter auf dem Papyrus nachgewiesen. Er bedient sich gern des Champollionschen Alphabets, oft aber u. vielleicht meist erkennt er nur die Wörter in ihrer Bedeutung als Ganze, ohne von ihren Elementen u. ihrem Laut Rechenschaft geben zu können. Er scheint nicht einmal bis jetzt viel Coptisch getrieben zu haben. Von den Gruppen, die er, u. mit evidenter Richtigkeit, für Mutter, Vater, Bruder giebt, finde ich, nach dem bisher angenommenen Alphabete, nur Mutter seinen Tönen nach wieder. Die beiden andren stimmen mit den Coptischen Wörtern nicht überein. Waren nun vielleicht im AltAegyptischen andre Wörter dafür gebräuchlich?

|3*| Ew. Wohlgeboren bestreiten Asia polygl. 45. das Alter der Sanskrit Sprache, sagen daß Sie <sie> alle Spuren der Neuheit in sich trägt u. gewiß eine ziemlich junge Schrift u. Büchersprache ist. Diese Idee verdiente gewiß näher auseinandergesetzt zu werden. Mir gestehe ich, hatte das Gegentheil geschienen. Die Schrift mag allerdings so sehr alt nicht seyn, obgleich die systematische Form des Alphabets wenigstens eigne Erfindung, nicht Annahme von dem Auslande anzudeuten scheint. Aber zwei Dinge haben mir beim Studium des Sanskrit doch immer sich ordentlich aufzudrängen geschienen 1., daß die grammatische Form der Sprache sehr für hohes Alter spricht, so wie es mir auch vorkommt, daß man in der Verwandtschaft der Sprache mit der Griechischen diese, wenn sie nicht Tochter heißen soll, wenigstens jüngere Schwester seyn muß. 2., daß der Ton der Gedichte sogar alterthümlicher, als in Homer ist, wenn auch vielleicht ihr Verfassen in Schrift in viel spätere Zeiten fallen sollte. Ew. Wohlgeboren Behauptungen flößen mir eine so große Achtung ein, daß ich sehr wünschte, Sie führten Ihre Ideen weiter aus, wozu das Journal Asiatique eine so passende Gelegenheit giebt.

Ich habe die Ehre mit ausgezeichneter Hochachtung zu verharren
Ew. Wohlgeboren
ergebenster
Humboldt.
Berlin, den 30. Januar, 1824.[c]

NS: Soeben erhalte ich Ew. Wohlgeb. 4“ Lieferung für den König u. mich.

Anmerkungen

    1. a |Editor| Der vorliegende Brief kann nicht vom 30. Januar 1824 stammen, da der erste Brief Humboldts an Champollion – auf den er sich hier bezieht – vom 26. Juni 1824 datiert (Messling 2008, S. 314), d.h. erst sechs Monate später geschrieben wurde. [FZ]
    2. b |Editor| „Ausonioli“ war das Pseudonym des russischen Ägyptologen Ivan A. Gul’janov (1789–1841). [FZ]
    3. c |Editor| Siehe die Anm. oben. Es handelt sich bei der Jahresangabe um einen Schreibfehler. [FZ]
    Zitierhinweis

    Wilhelm von Humboldt an Heinrich Julius Klaproth, 30.01.1825. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 31.08.2020. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/684

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