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  3. Nr. 702

Wilhelm von Humboldt an Friedrich Schiller, 11./18.05.1802

|1r|Tegel 11. May, 1802.

Was werden Sie von mir denken, mein lieber theurer Freund, daß ich Ihren im Anfange des Winters erhaltenen Brief noch nicht beantwortete, u. daß Sie außer dem, was ich vor mehreren Monaten der Wollzogen schrieb, gar nichts von mir hörten. So lange ich in Berlin war, mußte es mir freilich an Stimmung zum Schreiben fehlen, die wirklich im höchsten Grade beunruhigende Krankheit der armen Li, eine enge u. unbequeme Wohnung u. noch dabei die Zerstreuung durch Gesellschaften, die es nicht immer zu vermeiden möglich war, entfernten mich von meinem Schreibtisch u. mir selbst. Allein seit dem 1. März führe ich ein sehr ruhiges u. wirklich meistentheils recht heitres Leben. Wir sind in Tegel, die Kränklichkeit der Li hat, wenn sie auch noch viel leidet, doch den beunruhigenden Charakter verloren, wir sind sehr einsam, ich habe wieder gearbeitet, u. wenn mich jetzt etwas abhielt, Ihnen früher zu schreiben, so war es die Ungewißheit, in der ich über die Entscheidung einiger mir wichtiger Ereignisse war. Denn außer der Schwangerschaft meiner Frau, deren Ausgang ich diesmal mit doppelter Sehnsucht entgegen sehe, gehe ich mit allerlei Planen, meine Lage zu verändern um, u. vielleicht könnte ich in Kurzem wieder Deutschland auf einige Jahre zu verlassen veranlaßt werden. Doch sehnte ich mich zu sehr, Ihnen einige Worte zu sagen, u. von Ihnen zu hören, um noch länger zu schweigen.

Daß Sie in der langen Zeit, seit Ihrer Rückkunft aus Dresden nicht müssig gewesen sind, der Unterbrechungen ungeachtet, die auch Sie leider erfahren haben, habe ich mit inniger Freude vernommen. Aber auch nur vernommen. Denn stellen Sie Sich vor, daß ich nicht einmal Ihren Turandot gesehen habe. Er ist seit meinem Landleben aufgeführt worden, u. ich lasse die arme Li so ungern einen Abend allein, daß ich mir das Vergnügen lieber versagte. Daß man in Berlin, wo man doch immer raisonniren will, sehr viel darüber déraisonnirt hat, ist können Sie leicht denken. Gerade die Gränze des Komischen u. Tragischen, auf der, wie ich höre, das Stück schweben soll, erfodert sichren Kunstsinn u. feine Beurtheilung. Die jetzt eigentlichen Berlinischen Aristarchen Schlegel u. Consorten hörte ich nicht darüber urtheilen. Gentz hat Ihren u. des Stückes wahren Sinn, wie ich glaube, aufgefaßt, er hat mir mit großem Interesse u. der Wärme, die Sie[a] ihm kennen, davon gesprochen. Ueberhaupt wirken alle Ihre Produkte wohl nur auf sehr Wenige so, als auf ihn, u. ich |1v| habe daran aufs neue bewundert, wie Gleichheit im Tact der Empfindung, möchte ich sagen, sonst höchst verschiedene Menschen einander sehr nahe bringen kann. G. hat zwar Recht, wenn er behauptet, ganz idealistisch (sentimental, wenn Sie wollen) u. Ihnen dadurch verwandt zu seyn. Er ist aber darin Ihnen u. dem Wesen alles Idealistischen diametral entgegengesetzt, daß, da Sie durchaus reine Selbstthätigkeit sind, immer aus Sich u. immer aus Ideen ausgehen, er nicht anders, als durch Leiden, durch wirklich pathologische Affection erregt werden kann, sey es Affection durch Freude oder Schmerz. Die beiden großen Hebel fast jeder gelungenen Thätigkeit in ihm sind Indignation oder Wehmuth, oder – die ruhigste unter den Affectionen, deren er fähig ist – Bewunderung. Wie er physisch ein blödes Gesicht hat, u. körperlich nicht gewandt ist, so kommt ihm alles Neue in Gedanken u. Empfindungen nur wie ein Gewirre vor, das ihn sich auf ihn wirft u. <ihn> ermüdet, bis er sich Licht darin schaft. Er hat einen sehr tiefen Sinn für Poesie, aber ganz u. gar nur von der sentimentalen Seite, das klaßische geht reinweg für ihn verloren. Homer u. Ariost fesseln ihn nie, er zieht Virgils u. Tasso’s kalte Feierlichkeit vor. Allein sehr merkwürdig, u. vielleicht einzig in ihm scheint es mir, wie die anfangs auch bloß pathologische Affection, ja sogar die Leidenschaft immer und gleich in Ideen u. idealisirten Empfindungen zurückschlägt. Keines andern Menschen Gespräch hat den Reiz einer solchen Mischung von Ideenvermögen u. leidenschaftlicher Hitze, wie Sie auch in der kurzen Zeit bemerkt haben. Für die Speculation halte ich ihn gar[b] nicht geeignet, aber für die Schönheit u. Güte seines Ausdrucks gewinnt er nur dadurch. Denn weil er das Subtile u. Verwirrte mit einer gleichsam körperlichen Furcht scheut, u. doch nie mit Kälte noch mit Trockenheit schreibt oder spricht, so bekommt selbst seine leidenschaftlichste Aeußerung <oft> ein Gepräge pragmatischer ruhiger Wahrheit, u. (bei der großen logischen Ordnung, die in seinem Kopfe herrscht) selbst sein sehr declamatorischer Stil eine ungewöhnliche Helligkeit u. Methode. Unglaublich Schade ist es, daß seine äußere Lage, aber vor allem seine Sinnlichkeit, ihn schon seit länger, als einem Jahre, für alles andre, als höchstens noch fürs Gespräch, untauglich machen. Aber es bestätigt nur um so mehr, was ich sagte. Ein reines Interesse an Ideen ist nie durchaus, immer nur ruckweise, u. durch einzelne Anstöße in ihm rege. In Weimar schien es ihm doch außerordentlich gefallen zu haben, es sind wohl nur zufällige Umstände daran Schuld, wenn er nicht bald wieder hinkommt.

Ueber den Schlegelschen Almanach urtheile ich, wie Sie. Die Schlegels rühmen sich, daß Göthe an Tieks Zeichen des Waldes<im Walde>[c] großes Gefallen gefunden habe. Ich muß gestehen, daß mir dies Stück gerade vorzüglich graß[d] u. gehaltlos zugleich scheint. Lieber sind mir ein Paar Sonnette von Tiek, doch ist keins ohne einige Schiefheit oder Mattigkeit. Haben Sie aber je die Genoveva[e] oder die |2r| Lieder in der Magellone[f] von Tiek gelesen. Die Genoveva hat, dünkt mich, wirklich einige große Sachen, u. diese Lieder sind sehr schön. Nur über das Lyrische geht Tieks Talent, auch in der Anlage nicht einmal, hinaus, u. dramatisch, oder nur plastisch ist er gar nicht. Dann die entsetzliche Anmaßung u. die ewige Nachlässigkeit, sogar keine künstlerische Sorgfalt. W. Schlegel hebt sich doch in ein Paar Todtenopfern über seinen gewöhnlichen Horizont.

Aber was haben Sie zu der Ausgeburt des Alarcos gesagt? Mit stärkeren Händen ist die Poesie noch nicht berührt worden, ärger hat man noch nie mit Füßen getreten, was bisher in der Kunst Motif hieß u. Gefallen erregte. Ich behaupte, das beste Motto auf Fr. Schlegel kann man jetzt aus dem Alarcos selbst nehmen: „So stürzt der Held nun hin zu eignen Handen!“ Schauerlich ordentlich ist mir noch das Beste darin gewesen, der grasse[g] Lauf der Geschichte, u. die Behandlung, die recht darauf berechnet ist, dieß noch grasser zu zeigen. Wenn man am günstigsten davon urtheilt, kann man es doch, dünkt mich, nur eine dramatisirte Ballade nennen. Schlegel hat sich unstreitig eingebildet, das Schicksal werde noch mächtiger u. reiner allwaltend erscheinen, je weniger er Charaktermotive einmischte, aber gerade das Schicksal ist, meiner Empfindung nach, ganz müssig darin. Es sind bloß niedrige Quälgeister, die mit Luftgebilden von Menschen ihr Spiel treiben, u. diesem gespensterartigen Stoff entspricht die Gothische Behandlung, die eckigte Sprache u. die unausstehlichen metrischen Schnörkeleien. Dies heißt zwar jetzt in dieser Schule der eigentlich poetische Schmuck an den das Publicum nach und nach gewöhnt werden müsse. Aber ich hoffe, daß das nicht gelingen soll.

Wilh. Schlegel sagte mir, ich würde an seinem Ion sehen, daß die beiden Brüder nicht nach denselben Principien arbeiteten. Ich habe ihn nur leider noch nicht gesehen. In Berlin hat er misfallen. Das beweist nun zwar bei dem elenden Spiel, u. noch elenderen Publikum nichts. Allein auch die Bessern finden ihn zwar schön versificirt, mit einzelnen großen Sentenzen, im Ganzen aber frostig, nüchtern u. trocken.

Ich habe diesen Brief bis zum 18t liegen lassen müssen, theurer Freund, weil mir sehr viele heterogene u. zerstreuende Beschäftigungen dazwischen kamen, u. ich den größten Theil dieser Zeit in Berlin u. noch mehr zwischen hier u. Berlin auf der Landstraße zugebracht habe. Meine Sache ist entschieden, u. es ist gewiß, Lieber, daß ich im Herbst nach Italien gehe. Sie wissen, daß seit längerer Zeit das Sprachstudium mich am ernstlichsten beschäftigt. Ich glaube in den allgemeinen Ideen darüber nicht unbedeutende Fortschritte gemacht zu haben, ich habe einen allgemeinen Plan, den ich, sobald ich nur zunächst eine ruhige Muße habe, vollenden u. vorlegen werde. Dann muß an der Ausführung, denn mein Plan geht auf eine allgemeine Encyklopädie des gesammten Sprachstudiums, u. mithin aller Sprachen, stückweise durch mich u. andre gearbeitet werden. Es ist mir äußerst lieb gewesen zu sehen, daß Sie diesen Beschäftigungen nicht abhold sind. Ich glaube sie auch künftig vor Ihnen rechtfertigen zu können, da ich sie immer mit Philosophie u. Völkerstudium verbinde. Zu diesem Studium aber ist es schlechterdings nothwendig, |2v| daß ich mich nach einander eine längere Zeit in verschiednen fremden Ländern aufhalte. Das Reisen auf meine eignen Kosten, mit meiner sehr starken Familie, wurde mir zu lästig, ich mußte also von dieser Seite eine fremde Unterstützung suchen. Es kam noch dazu, daß doch auf die Länge bei uns das Herumreisen u. Verzehren seines Vermögens außer Lande nicht gut geheißen wird. Auf der andren Seite konnte es mir auch nicht gleichgültig werden, auf eine Vermehrung meiner Einkünfte zu denken. Meine Kinder wachsen heran, ihre Erziehung kostet von nun an ungleich mehr, als bisher, u. selbst ihre künftige Versorgung macht es für mich rathsam, mir Verbindungen im Dienst zu verschaffen. Alle diese Gründe zusammen bewogen mich, vorzüglich noch durch die Unlust an Berlin u. Berlinische Gegend verstärkt, bei dem König um eine Anstellung im diplomatischen Fach einzukommen. Ich zweifelte fast an dem Erfolg dieses Schritts; allein eine unerwartete Verbindung von Umständen, u. vorzüglich der Zufall, daß einige Personen, die ich kaum mehr, als den Namen nach kannte, u. auf die ich nie gerechnet hätte, sich mit einer unbeschreiblichen Wärme für mich thätig gezeigt haben, hat die Sache schnell zur Entscheidung gebracht. Der König hat zwei diplomatische Posten in Italien; einen Residenten in Rom, u. einen Chargé d’affaires in Neapel. Der erstere wird jetzt rappellirt u. hier angestellt; der letztere ist gestorben. Beide Stellen werden nun in meiner Person vereinigt, doch muß ich in Rom wohnen, weil die Geschäfte der Residentur (lauter geistliche für unsre katholischen Provinzen) nothwendiger u. dringender sind, als die bloße diplomatische Correspondenz des letzteren. Auf dem Wege soll ich den König von Etrurien von unserm König becomplimentiren. Diese Stelle ist nichts weniger, als glänzend, ich konnte auf eine eigentliche Gesandtenstelle Anspruch machen, u. dieß ist bloß eine Residentur. Indeß vertauschte ich sie jetzt mit keiner andern ohne Ausnahme. Sie ist in einem Lande, nach dem ich mich an sich sehnte, das ich besonders gern jetzt mit Spanien vergleichen möchte, u. das mir auch in Rücksicht des Sprachstudiums wichtig ist, weil ich darin der <die> Kenntniß der südlichen Sprachen vollenden kann, u. dann bin ich verhältnißmäßig, u. dafür, daß ich keine Repräsentation zu machen habe, nicht übel bezahlt. – Deutschland u. wieder auf mehrere Jahre zu verlassen, ist freilich immer etwas Großes, besonders für mich. Ich bin einmal sehr Deutsch, u. werde es ewig bleiben. Aber ich bin auch vorzugsweise vor andern gestim gestimmt, einigermaßen selbst dazu gemacht, mit dem Vaterländischen Stoff das in der Fremde Erworbne zu verbinden, u. am Ende kehre ich doch gewiß nach Deutschland zurück. Sie, mein theurer inniggeliebter Freund, sehe ich vor meiner Abreise noch gewiß, die abermalige Trennung von Ihnen u. Göthe u. Körner ist das was mich eigentlich schmerzt. Aber wie wenig haben wir uns auch jetzt genossen? u. wie wenig Aussicht war für die Zukunft! Ihnen würde ich nie, auch wenn sich günstige äußre Umstände ereigneten, rathen können, in Berlin zu wohnen, un. ich fand in sehr vielen Dingen unübersteigliche Hindernisse mich in Jen <Weimar> zu etabliren. Auf immer werde ich nicht in Rom seyn. Es fehlt bei uns in der Carrière, in die ich komme, an brauchbaren Subjecten, u. man wird mich bald wo anders hinschicken wollen. In den Zwischenzeiten komme ich natürlich hieher zurück, u. wir sehn uns wieder. Vielleicht kämen auch Sie einmal nach Italien. Ihnen würde ich es mehr als Paris rathen, u. wir verlebten dann glückliche Monate in Deutschem Gespräch unter Italiänischem Himmel!

Von Herzen Adieu!
H.

|Krakau, Biblioteka Jagiellońska| Noch ein Paar Worte, Lieber. Was ich Ihnen schrieb, ist zwar gewiß. Nur die Ausfertigung habe ich noch nicht. Ich weiß es nur aus dem Cabinet. – Heute gehe ich mit der Li nach Berlin, wo sie Wochen halten wird. Sie umarmt Sie herzlich, u. ist leidlich wohl. Ich hoffe, es soll alles gut gehen. – Adressiren Sie Ihre Antwort Berlin Charlottenstraße, nr. 41. beim GehR. Kunth abzugeben. Vor dem Herbst reise ich nicht ab.
18t

Tausend Grüße von uns an Lolo, u. die Wollzogen!

Anmerkungen

    1. a |Editor| Schiller NA ergänzt: „an“.
    2. b |Editor| Schiller NA gibt: „zwar“.
    3. c |Editor| Musen-Almanach für das Jahr 1802, S. 2–24. [FZ]
    4. d |Editor| Goethe-Wörterbuch s.v. graß: grauenvoll, schrecklich, furchtbar. [FZ]
    5. e |Editor| Leben und Tod der heiligen Genoveva. In: Ludwig Tieck (1800): Romantische Dichtungen, Zweiter Theil, S. 1–330. [FZ]
    6. f |Editor| Liebesgeschichte der schönen Magelone und des Grafen Peter von Provence. In: Leberecht, Peter (d.i. Tieck, Ludwig) (1797): Volksmährchen, Zweiter Band, Berlin: Nicolai, S. 145–264. [FZ]
    7. g |Editor| Siehe oben Anm. d.

    Über diesen Brief

    Eigenhändig
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    Quellen

    Handschrift
    • Grundlage der Edition: Frankfurt a. M., Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg, Autographensammlung, W. v. Humboldt, I, 33; sowie (Postskript:) Ehem. Berlin, Staatsbibliothek, Handschriften-Abt., Sammlung Radowitz 7273, jetzt Krakau, Biblioteka Jagiellońska, Ms. Berol. Autographen Sammlung, Humboldt
    Druck
    • Leitzmann 1896, S. 69; Leitzmann 1900, S. 295f.; Ebrard 1911b, S. 60–64; Ebrard 1911c, S. 296–306; Schiller 1943ff., Bd. 39/I, S. 251–255; Seidel 1962, Bd. 2, S. 217–223
    Nachweis
    • Mattson 1980, Nr. 715
    Zitierhinweis

    Wilhelm von Humboldt an Friedrich Schiller, 11./18.05.1802. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 15.03.2023. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/702

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