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Wilhelm von Humboldt an Caroline von Dacheröden, 08./09.11.1790

[Berlin], 8./9. November 1790

Gestern früh ging ich um sechs Uhr aus, es blinkten noch ein paar Sterne, ich ließ sie Li grüßen, aber sagten mir, Li schliefe noch … Aber ich wollte erzählen, wie ich um sechs Uhr ausging. Ich lerne jetzt Hebräisch bei Spaldings jüngstem Sohn, den ich wohl leiden mag, weil er ein guter, wenngleich wohl oft ein etwas platter Mensch ist. Die Sprache interessiert mich bloß um ihrer selbst willen. Sie weicht so erstaunlich von allen andern ab, und sie trägt noch so viele Spuren von der ersten rohen Ideenentwickelung[a]. Das ist mir überhaupt beim Sprachstudium fast allein wichtig, daß man die vielfältigen Arten kennen lernt, in welchen die Ideen ausgedrückt werden können. Der eigne Ausdruck in der Sprache, in der man nun selbst schreibt oder spricht, erhält nicht bloß dadurch mehr Geschmeidigkeit und eine mannigfaltigere Bildung, sondern die Klarheit der Ideen selbst gewinnt, je mehrere und verschiedenere Formen man davon lernt. Ich kann aber so wenig Zeit darauf wenden, nur Sonntag vormittag. Außerdem höre ich Astronomie bei Bode und lese manchmal in Li’s Buche. Ja, darin und in dem Petrarka, den mir Li mitgegeben hat. Sonst kann ich nichts für mich tun, nicht einmal ein Buch lesen, die Geschäfte rauben mir eine schreckliche Zeit. Indes arbeite ich nicht ungern. Es ist doch immer ein gewisses Interesse, bald des Scharfsinns, bald des Wissens, freilich oft auch nur des Fertigseins dabei, und dann arbeit ich gern und schnell, weil meine liebsten Hoffnungen näher gerückt werden. Noch geht alles recht gut …

Dienstag, 9. November 1790

Wolltest nach Berlin kommen, liebe Li. Armes Kind, Bill hätte Dich nicht fortgelassen. Habe es mir aber schon manchmal gedacht, wenn Li auf einmal herkäme, wie hübsch das wäre, brächte dann Li zu Mama, ließe mich trauen und reiste mit ihr zurück. Man ist so kindisch. So eine Idee kann mich manchmal so lang beschäftigen, daß ich anfange, sie für wahr zu halten, und Dich erwarte. – Also gefällt Dir das Bild doch? Dacht es kaum. Denn mir selbst gefällt’s nicht recht. Den Mund fand ich auch gut, aber die Augen sind so grell und sehen so lustig aus. Das glückliche Bild. Ruht nun an Deinem Busen, wird von Deinen lieben Händen gehalten, glüht von Deinen Küssen und gibt Li süße Freude. Wer das selbst könnte! So oft, Li, wähne ich vor Sehnsucht zu vergehen, begreife nicht, wie ich’s ausdaure in diesem öden, getrennten Leben, in diesen beinah immer geistlosen Arbeiten, unter den Menschen, für die mein Herz nichts, gar nichts empfindet. Und dann denk ich wieder, Li trägt’s auch und trägt mehr und ist still oder versenkt in Erinnerung aufblickend zur schönen, aufdämmernden Zukunft, und schelte mich selbst, daß ich’s nicht dulden wollte, und weine und werde nicht ruhiger eigentlich, aber stiller.

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Folgebrief
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Quellen

Handschrift
  • Ehem. Berlin, A. v. Sydow (verschollen)
Druck
  • Grundlage der Edition: Sydow 1906–1916, Bd. 1, S. 275f. – Mattson 2014, S. 343f. Nr. 158
Nachweis
  • Mattson 1980, Nr. 155
Zitierhinweis

Wilhelm von Humboldt an Caroline von Dacheröden, 08./09.11.1790. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 15.03.2023. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/704

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