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  3. Nr. 726

Wilhelm von Humboldt an Ernst Heinrich Toelken, 10.01.1826

||1*|[a] Ich habe die mir von Ew. Wohlgeborenen gütigst mitgetheilte Schrift des Herrn Rosen, soviel es mir meine Augen erlaubt haben, genau durchgesehen, und schicke Ihnen dieselbe anliegend zurück. Die Lesung derselben hat die günstige Erwartung, die ich von dem Verfasser und seinem Vorhaben hegte, vollkommen bestätigt. Ein Wörterbuch der AltIndischen Verba, nach den Wurzeln gesondert, wie Herr Rosen hier eine Probe davon giebt, ist eines der nothwendigsten Hülfsmittel beim Studium des Sanskrits[b]. Gerade in diesem Theil war war das Wilsonsche Lexicon höchst unzureichend, und mußte es seyn. Es giebt nemlich die Verba nur in ihren Wurzeln, und fügt nur höchst unvollständig die bestimmten Bedeutungen hinzu, welche der allgemeine u. oft sehr schwankende Wurzelbegriff annimmt, indem er in eine bestimmte Conjugation tritt, oder sich mit dieser oder jener untrennbaren Praeposition verbindet. Diesem Mangel nun hilft gerade Herr Rosen dadurch ab, daß er gerade diese speciellen Bedeutungen der Verba zu seinem Hauptaugenmerke gemacht hat. Einen andren Vorzug bietet seine Arbeit dadurch dar, daß er es sich zum Gesetz gemacht hat, die Bedeutungen der Verba soweit es geschehen kann, nur aus Stellen Sanskritischer Schriften unmittelbar zu entnehmen, u. sie mit diesen Stellen zu belegen. Wilson hat nur Indische Lexicographen excerpirt, und da er nur die von ihnen angegebenen Bedeutungen, ohne Ansicht der Stellen, die sie im Auge gehabt haben mögen, übersetzen mußte, so begreift man leicht, daß es der Uebersetzung oft an Bestimmt-|2*|heit des Ausdrucks fehlen muß. Allerdings erfordert nun das Unternehmen Herrn Rosens, wenn es vollständig durchgeführt werden sollte, eine Belesenheit, welche wohl auch in England u. Ostindien kein Europäischer Gelehrter besitzt. Da aber Herr Rosen das hier vom Ramayana Vorhandene in Indien herausgegebene (2 starke Quartbände)[c] u. Alles von Bopp u. Schlegel bearbeitet, dann den Hitopadesa[d] u. Manus Gesetzbuch[e] excerpirt hat, so erstreckt sich eine so bedeutende Anzahl der ältesten u. wirklich klassischen Schriften schon über einen großen Theil der Sprache, u. auf alle Fälle wird seine Arbeit ein trefliches Hülfsmittel für diese überaus am meisten gelesenen Werke. Eine sehr nützliche Zugabe ist es, daß Herr Rosen bei jeder Wurzel die seltnen oder anomalischen Formen bemerkt hat. Bei dem ungemeinen Formenreichthum der Sprache wird das auch dem schon Kundigen angenehm seyn, besonders da er zugleich immer auf Bopps Grammatik verwiesen hat, von der man nicht Gutes genug sagen kann. In der Ausführung dieses so angelegten Plans des Herrn Rosen habe ich in den von mir nachgesehenen Artikeln nirgends Mängel oder Versehen bemerkt. Sie lassen sich auch von einem so behutsamen u. zugleich gründlich u. anspruchlos|?| arbeitenden Mann, wie Herr Rosen sich sonst zeigt, nicht erwarten. Ueber einzelne Stellen kommen sehr gute, u. von den gewöhnlichen Erklärungen abweichende Bemerkungen vor, obgleich auch andre, mit denen ich weniger übereinstimmen möchte. Ueber die sehr schätzbare Vergleichung des Persischen mit dem Sanskrit kann ich mir kein Urtheil anmaßen.

Indem ich Ew. Wohlgeboren u. Ihren Herren Collegen recht sehr für das mir bei dieser Gelegenheit bewiesene schmeichelhafte Vertrauen danke, bitte ich Sie die Versicherung meiner ausgezeichnetsten Hochachtung anzunehmen.
Humboldt.
Berlin, den 10. Januar, 1826.

Anmerkungen

    1. a |Editor| Oben am Blattrand: "Vorgetragen in der Sitzung vom 21t Jan. 1826."
    2. b |Editor| 1827, bereits ein Jahr später, erschienen Rosen Radices Sanscritae. [FZ]
    3. c |Editor| Eventuell ist damit die zwischen 1806 und 1810 in drei (!) Bänden erschienene Ramayuna of Valmiki in the original Sungskrit von William Carey gemeint, die sich in der Königlichen Bibliothek befand (heute Kriegsverlust). [FZ]
    4. d |Editor| Es ist unklar, welche Ausgabe damit gemeint ist: Bis 1826 waren drei gedruckte Ausgaben in Europa vorhanden: Die Calcutta-Ausgabe von 1810, die London-Ausgabe von 1810 und die Bernstein-Ausgabe von 1823. [FZ]
    5. e |Editor| Eventuell ist damit die 1825 erschienene zweibändige Ausgabe Mánava-Dherma-Sástra, or the Institutes of Menu von Graves Chamney Haughton gemeint. [FZ]

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    Quellen

    Handschrift
    • Grundlage der Edition: Berlin, SBBPK, Slg. Darmstaedter, 2b 1816, acc. Darmst. 1918.156. – Abschrift: Berlin, Humboldt-Universität, Archiv, Phil. Fak. P 4, vol. 2, zu fol. 115–116
    Druck
    -
    Nachweis
    • Mattson 1980, Nr. 7560

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    Wilhelm von Humboldt an Ernst Heinrich Toelken, 10.01.1826. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 18.10.2021. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/726

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