1. Startseite
  2. Briefe
  3. Nr. 829

Wilhelm von Humboldt an Barthold Georg Niebuhr, 28.02.1822

|1*| Ich habe die Abreise d. <H.> Schultz von Ascherade[a] so spät erfahren, daß mir nur für wenige Zeilen an Sie, verehrtester Freund, Zeit übrigbleibt. Ich kann mir indeß doch nicht die Freude versagen, Ihnen die einzelnen Abdrücke zweier Abhandlungen zuzusenden, die Ihnen in den dicken Bänden der Akademie später zu Gesichte kommen würden[b]. Die Gegenstände beider dürfen Anspruch darauf machen, Ihr Interesse zu erwecken, ich wünsche nur, daß Sie auch mit der Ausführung nicht unzufrieden seyn mögen. Wenn die Ideen richtig sind, die ich über die Behandlung der Geschichte zu entwickeln versucht habe, so müssen eben dieselben auch das Handeln im Großen, das thätige Eingreifen in die Geschichte bestimmen, und ich gestehe, daß ich dies vorzüglich im Auge gehabt habe. Je schwerer es wird, diesen Gesichtspunkt bei der Betrachtung der Zeit um sich her festzuhalten, desto lieber verweilt man in abgezognem Nachdenken.

Ich statte Ew. Hochwohlgebohren noch meinen herzlichsten Dank für die Nachsuchungen auf dem Collegio Romano ab. Es ist wohl mit Gewißheit anzunehmen, daß das Buch, das ich zu haben wünschte, von da entwendet worden ist.[c]

Sehr angenehm würde es mir seyn zu erfahren, ob bei |2*| der Propaganda, oder in einer andren Römischen Büchersammlung Sanskritschriften in Devanagari, oder Bengalischer Schrift vorhanden seyn mögen. Ich habe mich mit dieser Sprache seit einiger Zeit beschäftigt, u. obgleich ich anfangs nur die Absicht hatte, den grammatischen Bau derselben im Ganzen kennen zu lernen, hat mich das Studium zu sehr angezogen, um nicht weiter zu gehen. Bei der Vergleichung der Sprachen ist es in der That von unentbehrlicher Nothwendigkeit.

Ich möchte Ew. Hochwohlgeb. oft um Ihren Aufenthalt in Italien beneiden, u. ich fasse ebenso oft den Vorsatz, mich selbst wieder dahin zu versetzen. Allein man wurzelt nach u. nach so an, daß diese Entwürfe nicht zur Ausführung gedeihen. Uns halten indeß jetzt doch eigentlich unsre Kinder zurück.

Leben Sie herzlich wohl, u. erhalten Sie mir Ihre gütigen und wohlwollenden Gesinnungen. Mit der aufrichtigsten u. hochachtungsvollsten Freundschaft der Ihrige
H.
Berlin, den 28. Februar, 1822.
|3*/4* vacat|

Anmerkungen

    1. a |Editor| August Ludwig Schoultz von Ascheraden war am 22. Februar 1822 zum Legationssekretär in Neapel ernannt worden; siehe Johann Caspar Struckmann (2003): Preußische Diplomaten im 19. Jahrhundert. Biographien und Stellenbesetzungen der Auslandsposten 1815–1870, Berlin: trafo Verlag, S. 229. [FZ]
    2. b |Editor| Dabei wird es sich um die beiden in den Abhandlungen der historisch-philologischen Klasse der königlich preußischen Akademie der Wissenschaften aus den Jahren 1820–1821 erschienenen Abhandlungen "Über das vergleichende Sprachstudium" und "Über die Aufgabe des Geschichtschreibers" handeln, die im Herbst 1821 bzw. im Frühjahr 1822 gedruckt wurden; siehe Leitzmann in GS IV, S. 437f. [FZ]
    3. c |Editor| Vgl. den Brief Humboldts an Niebuhr vom 8. Juli 1820. Im Sommer 1826 kontaktiert Humboldt den Nachfolger Niebuhrs als preußischer Geschäftsträger, Christian Karl Josias Bunsen, und bittet ihn nochmals um die Suche nach der Maya-Grammatik Bonaventuras! [FZ]
    Zitierhinweis

    Wilhelm von Humboldt an Barthold Georg Niebuhr, 28.02.1822. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 31.08.2020. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/829

    Download

    Dieses Dokument als TEI-XML herunterladen

    Versionsgeschichte

    Frühere Version des Dokuments in der archivierten Webansicht ansehen