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  3. Nr. 830

Wilhelm von Humboldt an Barthold Georg Niebuhr, 10.10.1826

|1*| Ich bin so frei gewesen, verehrtester Freund, Ihnen ein Exemplar meiner Abhandlung über die Bhagavad-Gítá auf der Post sous bande zu schicken, das Sie vermuthlich bald nach diesen Zeilen erhalten werden. Ich weiß zwar nicht, ob ich mir schmeicheln darf, daß diese Arbeit ein Interesse bei Ihnen wecken wird. Ich besorge sogar, schon wegen des Gegenstandes, das Gegentheil. Denn ich erinnere mich wohl, daß Sie bei Gelegenheit origineller Abhandlungen und solcher, mit denen sich die meinige schwerlich messen darf, äußerten, daß die Metaphysik nicht innerhalb des Kreises liege, mit dem Sie Sich gern beschäftigen, und welche Theilnahme Sie an dem Indischen nehmen, das Göthe ordentlich perhorrecirt, ist mir unbekannt. Indeß durchblättern Sie doch vielleicht die Schrift, und ergötzen Sich wohl auch an mehreren sonderbaren Sprüchen und Bildern, und auf jeden Fall war es mir ein wirkliches Anliegen, nach so langer Trennung, Ihnen einen Beweis meines Andenkens, u. meiner herzlichsten und innigsten Hochachtung zu geben, und Sie an mich und die Meinigen zu erinnern. Ich hätte Ihnen schon bei der Uebersendung meiner Abhandlung über das Alphabet selbst geschrieben, wenn ich nicht damals geglaubt hätte, daß die jetzige unmittelbar nachher erscheinen und ich so meinen Brief über beide vereinigen würde.

Ich habe diesen Sommer, den ich ganz hier zugebracht, mit großen Bekümmernissen angefangen, endige aber meinen hiesigen Aufenthalt mit köstlicheren und mehr beruhigenden Empfindungen. Sie können Sich kaum, |2*| theuerster Freund, einen Begriff davon machen, wie leidend, und wie bedenklich krank meine arme Frau, die Sie und Ihre Frau Gemahlin auf das freundschaftlichste grüßt, im Mai und immer steigend im Iunius war. Die hier angewandten Mittel thaten, die etwa noch anzuwendenden versprachen keine Hülfe, und würde nicht im Sommer Hülfe geschafft, so war für den Winter das Äußerste zu fürchten. Rust, der selbst gerade ebenso besorgt war, überlegte hin und her, und da er bis dahin immer zum Gebrauch eines Schwimmbades gerathen hatte, verfiel er auf einmal auf Gastein, änderte seine eignen Bade- und Reiseplane, und entschloß sich, wirklich sehr freundschaftlich, selbst nach Gastein zu gehen und den größten Theil der Badezeit mit meiner Frau dort zuzubringen. Noch am Tage der Abreise war meine Frau schlimmer als je, und es war nun Alles auf eine Karte gesetzt, denn half Gastein nicht, so war kein andres Bad, der Jahreszeit nach, mehr zu versuchen. So sah ich sie abreisen. Ich konnte sie, mehrerer Familienumstände wegen, nicht begleiten, auch war ihr die Begleitung ihrer beiden Töchter, Carolinens und der Hedemann, im Grunde nützlicher. Glücklicherweise hatte Rust richtig gesehen, das Bad hat zwar langsam, da meine Frau hat viel mehr Bäder, als andre Kranke, nehmen müssen, aber kräftig gewirkt. Alle Symptome ihres Uebels sind besser, sie ist von durchaus andrem Aussehen, als zur Zeit, wo sie weggieng, die Schmerzen sind, wenn nicht ganz vergangen, doch ohne alle Vergleichung mäßiger und nur von Zeit zu Zeit belästigend. Schlaf, Eßlust, Heiterkeit haben sich wiedergefunden, und wenn der Winter nicht das Uebel sehr schlimm zurückführt, so haben wir alle Hofnung, daß ein wiederholter Gebrauch Gasteins es vielleicht ganz vertreibt, oder doch noch viel bedeutender mindert. So gehen wir beru-|3*|higter der schlimmen Jahreszeit entgegen.

Soviel es mir diese Besorgnisse verstattet haben, bin ich den ganzen Sommer hindurch nur wissenschaftlich beschäftigt gewesen. Ich arbeite jetzt ernstlich an meinem ausführlichen Werke über die Amerikanischen Sprachen[a]. Meine Vorarbeiten, die mich schon Jahre beschäftigen, sind dazu so bedeutend, die Hülfsmittel, die ich zusammengebracht, sind so zahlreich, daß ich ohne Rühmen (das überhaupt bei barbarischen Sprachen nicht statt finden kann) behaupten darf, daß kein Mensch zu diesem Werke so gerüstet ist, als ich. Ich habe, da ich gern gründlich verfahren möchte, mich zugleich im allgemeinen Sprachstudium so fest gesetzt, als es mir möglich war, habe, seit meiner Entfernung von den Geschäften, die philosophischen Ideen auf das genaueste geprüft, habe, da man, ohne Sanskrit zu wissen, in allgemeinen Sprachuntersuchungen nichts zu leisten vermag, Sanskrit wenigstens (wenn mir auch ausgebreitete Lectüre abgeht) grammatisch gründlich und vollständig gelernt, habe mich, da zu meinen Zwecken das Chinesische wegen seiner Grammatiklosigkeit ebenso als das Sanskrit, wegen seiner grammatischen Vollständigkeit nothwendig ist, mit dem Chinesischen beschäftigt, über das ich Ihnen bald einen französischen an Rémusat gerichteten Brief[b], der jetzt in Paris gedruckt wird, zu schicken hoffe, und bin nun, so zugerichtet, seit dem Frühjahr an die Ausarbeitung des Amerikanischen Werkes gegangen, das mich wohl einige Jahre beschäftigen wird.

Mit großer Freude höre ich, daß sowohl die neue Ausgabe, als die Fortsetzung Ihrer Römischen Geschichte[c] jetzt unmittelbar erscheinen wird. Von dem Geiste, den Ihre Vorlesungen wecken, hörte ich oft, ich kann es mit Wahrheit sagen, mit Begeisterung reden. Wie sehr ich mir aber auch Alles dies vergegenwärtige, so schmerzt es mich doch immer gleich lebhaft, daß Sie mit uns in Berlin sind.

Leben Sie glücklich, verehrtester Freund, und nehmen Sie die erneute Versicherung meiner herzlichen und hochachtungsvollsten Freundschaft an! Ganz der Ihrige
Humboldt
Tegel, den 10. October, 1826.

Anmerkungen

    1. a |Editor| Das amerikanische Werk wurde zu Humboldts Lebenszeit nicht fertiggestellt und liegt seit 2016 im Form der sechs Bände umfassenden 3. Abteilung der Schriften zur Sprachwissenschaft veröffentlicht vor; siehe hierzu den Einleitungsband: Humboldt, Wilhelm von (2016): Einleitende und vergleichende amerikanische Arbeiten, hrsg. von Manfred Ringmacher, Paderborn: Schöningh (SZS III/1). [FZ]
    2. b |Editor| Siehe hier auch den Entwurf dieses umfangreichen Briefes. [FZ]
    3. c |Editor| Der dritte Band der Römischen Geschichte erschien in der 1. Auflage erst 1832 nach Niebuhrs Tod. Vgl. Wikisource. [FZ]
    Zitierhinweis

    Wilhelm von Humboldt an Barthold Georg Niebuhr, 10.10.1826. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 31.08.2020. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/830

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