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Wilhelm von Humboldt an Barthold Georg Niebuhr, 25.01.1829

|1*| Es ist sehr lange her, daß ich Ihnen nicht schrieb, verehrtester Freund, und ich thue es jetzt zwar in einer weniger zerstörten Stimmung, als in der ich es vor vier Wochen gethan haben würde, aber doch immer in einer sehr wehmüthigen. Sie haben vielleicht schon von der leider sehr ernsthaften Krankheit meiner Frau gehört. Die bedeutenden Symptome des Uebels fingen nach unsrer Rückkunft hierher an, und wir können von Glück sagen, daß es nicht auf diese Weise schon während der Reise ausbrach. Es hat seinen Sitz im Unterleib und schien vor 4 bis 6 Wochen so drohend zu werden, daß man fast einer wahren Auflösung entgegensehen mußte. Seit etwa 14 Tagen hat sich eine merkliche Besserung eingestellt, die wahre Gefahr ist verschwunden, indeß ist meine Frau noch immer an das Liegen auf dem Bett oder Sopha gefesselt, und wie man sich gestehen muß, wenn man sich nicht täuschen will, die Hoffnung einer wahren Genesung höchst problematisch. Sie haben Sich, theurer Freund, in ähnlicher Lage befunden, und ich schweige daher von nun. Ich verlöre, wenn mich der Schlag trift, ohne allen möglichen Ersatz, auf einmal Alles, was mir gleiche und innige Mittheilung gab und noch giebt, und bliebe mit mir |2*| und meinen Ideen allein. Jetzt suche ich noch, soviel es gehen kann, meine gewohnten Beschäftigungen fortzutreiben, die mich auch heute Ihnen zu schreiben veranlassen.

Ich wünschte nämlich Ihnen eine Kleinigkeit zu schicken, die von mir in London gedruckt worden ist. Ich wurde zu der Arbeit auf eine Weise aufgefordert, die ich nicht füglich ausschlagen konnte. Ich machte sie französisch und sie ist davon ins Englische übersetzt worden. Da sie allgemeine Ideen über historische Sprachverwandtschaft enthält, hat sie doch vielleicht einiges Interesse für Sie. Es schien mir nothwendig, sich einmal gegen das unselige System der bloßen Wörtervergleichungen aufzulehnen.

Was sagen Sie zu Müllers Etruskern? Das Ethnographische darin scheint mir doch höchst hypothetisch, und welch andres Muster historischer Forschung haben Sie gegeben, wenn man das bei Ihnen u. ihm über die Pelasger Gesagte vergleicht. Drollig hat mir das im Nachtrag[a] so sehr anmaßend über die Aussprache des Namens der Pelasger Gesagte geschienen. Das a in Pelasger soll lang von Natur seyn. Wenn man aber den Phrynichus, auf den er sich bezieht, zur Hand nimmt[b], so finde ich in diesem gerade das Gegentheil. Man soll das a in Pelargos nicht lang machen, weil Pelargos nichts anders, als Pelasgos, mithin in beiden das |3*| a kurz ist. In dem Kapitel über die Sprachen hätten ihn schon einige, sehr zugängliche Bücher, die er nicht gelesen zu haben scheint, vor einigen schiefen und halbwahren Ansichten bewahren können. Wenn man aber nichts Gründlicheres und Tieferes über die AltItalischen Sprachen zu sagen weiß, wäre es besser gewesen darüber zu schweigen. Er scheint von der neueren Lage des Sprachstudiums keinen Begriff zu haben. In andren, als den hier erwähnten Theilen mag aber die Schrift mehr Verdienst haben.

Es hat mich sehr gefreut zu sehen, daß Sie schon zu einer dritten Auflage Ihres ersten Theils haben schreiten müssen. Es beweist doch eine Anerkennung des Treflichen. Die Byzantiner rücken ja auch sehr erfreulich vor. Möge es Ihnen nie an Kraft und Stimmung und Muth fehlen, in so schönem Streben fortzufahren.

Meine Frau, der ich gesagt habe, daß ich Ihnen schreibe, trägt mir die herzlichsten Grüße für Sie und die Ihrigen auf.

Leben Sie wohl, theurer Freund, und nehmen Sie die Versicherung meiner herzlichen und hochachtungsvollsten Freundschaft an.
Humboldt
Berlin, den 25. Jan. 1829.

Ich lasse diesen Brief allein, u. die Druckschrift sous bande abgehen. Sie sind wohl so gütig, das zweite Exemplar an Welcker in meinem Namen zu geben.

Anmerkungen

    1. a |Editor| Müller 1828, Band 2, S. 357. [FZ]
    2. b |Editor| Gemeint sind die Eklogen des Phrynichos, deren von Christian August Lobeck besorgte Ausgabe aus dem Jahr 1820 in Humboldts Bibliothek vorhanden war (Bücherverzeichnis in Tegel: AST, Archivmappe 75, M. 4, Bl. 147v: "Phrynichi eclogae nominum & verborum Atticorum; audit fragmentum Herodiani. Cur. Lobeck. Leipz. Weidmann. 1820. 8.""). Die zitierte Stelle befindet sich dort auf S. 109. [FZ]
    Zitierhinweis

    Wilhelm von Humboldt an Barthold Georg Niebuhr, 25.01.1829. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 31.08.2020. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/831

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