1. Startseite
  2. Briefe
  3. Nr. 888

Barthold Georg Niebuhr an Wilhelm von Humboldt, 21.01.1827

Bonn, den 21. Januar 1827.

Sie haben mich in den verfloßenen Monaten zweymal erfreut, verehrtester Freund – durch Ihren Brief, und durch das Geschenk Ihrer bewundernswürdigen Abhandlung. Es ist die Schuld meines Stillschweigens, daß jener mich überraschte, um so mehr danke ich Ihnen. Sie haben meiner Frau und mir durch die guten Nachrichten über die Gesundheit Ihrer verehrten Gemahlin einen Festtag gemacht; um so mehr da früher bekümmernde Nachrichten zu uns gekommen waren. Gebe nur der Himmel, daß die begonnene Beßerung, wenn sie auch in unserm Norden in der rauhesten Jahreszeit wohl nicht wesentlich fortschreiten kann, doch nicht wieder abnehme, daß diese theure Freundin im nächsten Sommer auf’s Neue anwende was ihr wohl gethan hat.

Wie es nun, seitdem der eigentliche Winter eingetreten ist, Ihrer Frau Gemahlin geht – denn von Ihnen nehme ich an daß Sie fortwährend unantastbar für die Zeit sind – das könnte ich nun schon wißen wenn ich Ihnen auf dem Papier geantwortet hätte, wie es in Gedanken geschehen ist. Ich erwartete aber anfangs Ihre verheißene Abhandlung; und daran glaubte ich die Zeit näher als es sich nachher auswieß wo der Druck des Buchs beendigt seyn würde, welches ich Ihnen hierbey übersende.

Die Abhandlung versetzt mich in Erstaunen mit dem Bewußtseyn wie schlechterdings unfähig ich wäre eine solche Arbeit auszuführen, da mir Neigung und Fähigkeit zu metaphysischen Speculationen absolut fehlen. Daher ich auch in diesen Fall zu denen – Bey Milton – gehöre welche die Meister des Werks mehr loben als das Werk selbst. Ich gestehe Ihnen daß ich dem System keine Gerechtigkeit widerfahren lassen kann, da ich absolut anthropomorphistisch und concret denke, so daß mich bey dem Erhabenen jener Ansicht Schauder überläuft: aber wer diese Speculationen in einer so fremden Form so durchdringt, ihr einzelnes so zusammenbringt, und daraus wieder ein Ganzes, nach unsrer Systemweise geordnet, bildet, wie Sie es gethan – der ist ein Meister; ein großer Meister, ja ein Hexenmeister.

Daß ein Volk welches die Geschichte absichtlich bey sich vertilgt hat einem nicht zusagt, der bloß Historiker ist, werden Sie nicht unbillig finden: und allerdings widerstehen mir im Innersten der Seele alle Grundzüge des indischen Wesens. Mit dem herrschenden Grundsatz meiner Geschichtsansicht daß alles Starre und Unbewegliche der schiere Tod ist, und stetige neue Bildung das Leben der Völker; welche Bildung, Gesetze die glücklichsten Formen bereiten sollen – kann ich mich mit dem indischen Kastenwesen nicht vertragen, ja auch nicht mit dem Quietismus der Philosophie, – jener entsetzlichen Gestalt über die eines großen Geistes Speculation die Lehre wohl haben, worüber sie sich aber unmöglich schwebend festhalten kann. – Möchte es doch Ihnen gegeben seyn historische Umrisse zu ermitteln, wodurch uns andere Lagen des des allerdings in seinen Werken erstaunenswürdigen Volkes durch Beziehung zur Weltgeschichte so fremd zu seyn aufhörte. Welches Volk gründete als Eroberer das indische? Welche Spuren sind vorhanden von den früheren Bewohnern?

Scheint es Ihnen nicht wünschenswerth daß Rask’s Handschriften und Sprachgenie benutzt würden um die Zendsprache herzustellen? Ich habe dem Ministerium die Bitte vorgetragen einen oder mehrere von denen, die Sanskrit erlernt haben, auf diesen Weg zu leiten: denn daß man bey einer Kenntniß dieser Sprache stehen bleibe, die etwa dem enspricht was auf Schulen in Tertia im Griechischen erworben wird nutzt doch nichts und zu mehrerem gelangen wenige. Ich zweifle doch nicht, daß das Zend die eine Keilschrift verständlich macht; und von einer zur andern müßte man auf die Erklärung der babylonischen Ziegel kommen können.

Ich hoffe daß Ihr hieroglyphisches Studium Sie in den tröstlichen, ja begeisternden, Hoffnungen erhalten hat daß dermaleinst unsere Kinder, ja vielleicht wir selbst noch, die ägyptische Historie aus den Denkmälern kennen werden: daß Champollions System das richtige ist.

Einen Alles erforschenden Gelehrten wie Sie brauche ich wohl nicht zu bitten meiner neugeschaffenen Geschichte Aufmerksamkeit zu schenken. Ich bin so gewiß in allem Wesentlichen die Wahrheit entdeckt zu haben, daß ich zu sagen wage, alle künftige Entdeckungen jetzt unbekannter Bücher oder Denkmähler können nur bestätigen oder vervollständigen. Es ist ein Jammer mit den Uebersetzern; auch der französische macht eine so elende Arbeit, so voll Fehler, so jämmerlich geschrieben, daß ich ihm eine öffentliche Protestation angekündigt habe, wenn er sein Werk nicht unterdrückt. Sonst verbreitet sich die Kunde meiner Geschichte in Frankreich und England sehr; und es bedürfte nur guter Uebersetzungen um ihre Ansichten in beiden Ländern herrschend zu machen. Die topographische Geschichte der Stadt[a] wird an Ihnen, wie an wenigen, einen theilnehmenden Leser finden; möchten Sie damit und überall mit dem Ganzen zufrieden seyn.

Sie werden ein Paar kleine Abhandlungen erhalten haben, denen in wenigen Wochen andre ähnliche folgenden werden. Ich lebe hier so rege als einsam: fröhlich der Beziehung zu sehr theilnehmenden Zuhörern. Für mein Glück könnte ich keinen richtigeren Entschluß gefaßt haben als uns hier anzusiedeln; so fern von der Anschauung dessen wobey man ein verzweifelnder Zuschauer zu seyn beschränkt ist. Ich bin stolz, auf Ihre Aeußerung daß Sie wünschten, ich lebte dort, begreife auch Ihren Sinn dabey vollkommen, glaube aber, daß Ihre Erwartung völlig getäuscht seyn würde, wenn ich geblieben wäre. Mit dem Einfluß, wäre man auch seiner Dauer gewiß, und erreichte er den Mittelpunkt der Bewegung des Staats, ist es eine klägliche Sache. Ja, ein Amt und Beruf! Aber eingreifen in die Räder vermehrt nur noch die Unordnung, und die verwegene Hand wird früher oder später zermalmt. Ich rechne auf die Lebenskraft der Nationen welche über Dummheiten und Verkehrtheiten siegt wenn sie stark genug ist. Ist sie es nicht so hilft ein negativer einzelner Einfluß wahrlich blutwenig – kann durch Störung sogar schaden.

Wie es Ihrem Herrn Bruder gelingen wird, darauf bin ich sehr neugierig.

Indem ich Ihnen nun schreibe erwacht das Verlangen sehr mit Ihnen eine Stunde über Alles von der Leber[b] bis zum Ysop – buchstäblich wäre das die Botanik, von der ich aber kein Wort verstehe – zu reden. Die Tendenzen der Zeit sind so gar merkwürdig: mir scheint es offenbare Wiederholung von dem was vom tridentinischen Concil ausging und zum dreißigjährigen Kriege führte: daß es eine Parthey giebt, welche einen solchen träumt, ist gewiß kein kein Phantasma, dahin gehört Görres, und dazu gehören Leute, denen man unbegreiflicherweise einen großen Einfluß gestattet. Mir scheint es, al ob die Priesterfraction in Frankreich Recht hat alles zu wagen, und Spanien aufzuhetzen. England ist in seinem Innern so gespannt und angegriffen daß ihm ein Krieg in der Halbinsel ebenso tödlich werden kann, wie er es Napoleon ward. In Belgien scheint die Regierung, welche vor dem Jahr über die Geistlichkeit gesiegt zu haben glaubte, zu einer ganz andern Einsicht gekommen zu seyn. Es ist unglaublich wie ohnmächtig allenthalben die sogenannte liberale Parthey ist.

Ich muß aufhören. Empfehlen Sie meine Frau und mich Ihrer verehrten Frau Gemahlin und Ihren Töchtern. Wenn die Ihrigen nach uns fragen, so sagen Sie, daß dieser Winter bis jetzt besser für meine Frau verfließt als die beyden vorigen. Die Kinder sind gesund: absolut blühend und gedeihend mein Marcus.

Haben Sie auch die Güte, mich Herrn von Bülow angelegentlich zu empfehlen: und den alten Freund Hedemann zu grüßen.

Leben Sie wohl und bleiben mir gewogen
der Ihrige
Niebuhr.


|Anhang|

Stein ist im Winter auf Cappenberg. Zuweilen erscheint von ihm ein Briefblatt, voll großer Herzlichkeit; dann wieder lärmt oder poltert er: oder ist geradezu unartig durch geflissentliche Anzüglichkeiten gegen Individuen die mir, wie er sehr wohl weiß, befreundet sind. Man muß das von dem Alten schon ertragen: möge ihn Gott nur lange erhalten. Ihr Briefwechsel mit ihm hat ja wohl schon aufgehört?[c]

Anmerkungen

    1. a |Editor| Sind damit die Vorträge Niebuhrs an der Universität Bonn zur Topographie Roms gemeint? Diese wurden jedoch erst 1851 in Historische und philologische Vorträge, an der Universität zu Bonn gehalten von B. G. Niebuhr, Dritte Abtheilung: Alte Länder- und Völkerkunde, Berlin: Reimer, S. 359–425, von Meyer Isler im Druck herausgegeben. Eventuell hatte Humboldt eine Handschrift Niebuhrs vorliegen. [FZ]
    2. b |Editor| Korrekt müsste es heißen: „von der Ceder bis zum Ysop“ (1. Könige 4,33). Ist dies ein Lese- oder gar ein Schreibfehler? [FZ]
    3. c |Editor| Gebhardt 1903, S. 83: "Anbei liegt ein gedrucktes Blatt von N. gezeichnet, Bonner Preisfragen enthaltend, mit der Aufschrift: Als Beweis daß wir hier nicht schlafen."
    Zitierhinweis

    Barthold Georg Niebuhr an Wilhelm von Humboldt, 21.01.1827. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 18.10.2021. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/888

    Download

    Dieses Dokument als TEI-XML herunterladen

    Versionsgeschichte

    Frühere Version des Dokuments in der archivierten Webansicht ansehen