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Barthold Georg Niebuhr an Wilhelm von Humboldt, 15.06.1830

Bonn den 15. Juni 1830.

Ihr Geschenk, verehrtester Freund, hat mir eine sehr wehmütige, aber sehr große Freude gemacht. Die glückliche Darstellung dieser unvergeßlichen Züge voll Geist und Güte, eine Darstellung, die so gelungen ist, daß eine noch vollkommenere fast nur für einen Glücksfall gelten kann, ist für meine Frau und für mich ein theurer Besitz, welcher künftig unserem ältesten Mädchen bleiben soll, die der Verewigten, nach der großen Liebe und Theilnahme, welche sie meiner Frau in der höchst trübseligen Zeit der ersten Lebensmonate des Kindes schenkte, als Pathin verbunden ist. Sie werden es mir leicht glauben, daß meine sonst ziemlich trocken und staubig gewordenen Augen feucht wurden, indem ich dies schreibe und der Verewigten gedenke, die an Treue und Redlichkeit der Freundschaft so sehr wenige ihres Gleichen hatte.

Ihr Geschenk und Ihr Brief waren mir auch dadurch ungemein werth, daß sie verbürgen, daß Sie gewiß mein Stillschweigen so aufgenommen haben, wie ich Kunth bat, es Ihnen zu erklären. Als Sie das Unglück erlitten, war ich mit dem nämlichen bedroht, meine Frau, die von ihrer ersten Jugend mit einer tödlichen Brustkrankheit bedroht gewesen ist, war in einem Zustande, der unabwendlich dahin zu leiten schien. Mir fehlt die Festigkeit, welche Sie hält: und ich war verweht in Angst seit sechs Wochen. Ich habe den Tod Ihrer Frau der meinigen sehr lange verborgen, weil er sie durch und durch erschüttert hätte, da aber dieses Bestreben immer mislingt, so vernahm sie ihn noch immer zu frühe für ihren Zustand. Sie ist nun Gottlob so wohl, wie sichs nicht hoffen ließ, und die schreckliche Nacht des Brandes[a] hat ihrer Gesundheit wenig geschadet, obwohl sie nicht so frisch ist, wie sie es, zum Erstaunen aller, wieder geworden war.

Wir haben Ihrer und Ihrer Frau oft gedacht bei Goethes und Schillers Briefen. Wie viel müßiges Blätterwerk darunter auch seyn mag, ich habe lange nicht so erquickendes gelesen, zu verlangen, daß das tägliche Leben davon weggethan würde, so daß blos das Geistreiche bliebe, wäre doch wohl im Geschmack derer, die bloß Weingeist wollen: ich lobe ihn mir im Wein mit allem was ihn mäßigt und mit seinem Duft. Daß Tartüffe wieder hervorkommen konnten und diese Briefe lästern, ist schlimmer als was man hätte erwarten sollen – als jene Briefe geschrieben wurden, schien es doch unmöglich. Lassen Sie mich Ihnen sagen, theurer Freund, daß sie ein herrliches Denkmal für Sie sind! Ihr durch die lebhafteste Würdigung des Vortrefflichen unbestochenes Urtheil; die Aufrichtigkeit, womit Sie Ihre Ueberzeugung bekannt haben, ist groß und herrlich, und wenn Schiller für mich durch diese Briefe unendlich gewonnen hat, wo es klar ist, daß die übertriebene Bewunderung Deutschlands ihn nie verleitete, in Goethe den Größeren zu erkennen, so sind Sie mir erst jetzt recht ehrwürdig geworden. Ich möchte das gern einmal laut sagen, wie es meine Freunde und Jünglinge schon oft von mir gehört haben.

Herzlichen Dank für Ihre Theilnahme am Unglück[b]. Es bleibt davon eine Narbe, denn ich habe unersetzliche, liebe Sachen eingebüßt; was von gelehrten Manuscripten verloren ging, ist freilich ersetzt oder entbehrlich: und den Verlust an Geld verschmerzt man: überdies war assecurirt. Das Haus hat sich schöner und größer wieder erhoben, und zum Winter bewohnen wir es wieder. Wäre es denn nicht möglich, daß Sie sich einmal entschlössen hierherzukommen, und als Gastfreund je mehr Tage je lieber, Zimmer mit der Aussicht auf Siebengebirg und Kreuzberg zu bewohnen.

Es war nahe daran, daß dieser Zufall uns nach Berlin versetzt hätte: die nämlichen Leute, welche Sie dort ausschlossen, haben mich entfernt gehalten, und für unsere Heiterkeit ist es besser.

Gegen den Winter hoffe ich Ihnen den zweyten Band der Geschichte zu senden[c], an dessen Druck sich der dritte unmittelbar anschließen wird[d]. Dieser zweyte ist ungemein trocken, über alle Beschreibungen mühselig entstanden; als gelehrtes Werk, denke ich, ans Ziel gebracht. Der dritte lebt und athmet. – Der Druck geht langsam durch die Schuld der Officin: absolute Unzuverlässigkeit ist unläugbar ein charakteristischer Zug der Rheinländer bey allen Geschäften. Ihr Urtheil über Müllers Etrusker ist mir sehr erfreulich gewesen[e]. Mich ärgert dieser unsägliche Ehrgeiz, der ihn jeden Augenblick zu Schiefheiten und Unwahrheiten führt, zu Plagiaten und unvernünftigem Besserwissenwollen. Ich ignorire das alles bis vielleicht einmal mein Werk vollendet ist. – Hat Delbrück Sie nicht amüsirt? So einer ahndet nicht, daß die Philologie aus den Windeln erwachsen ist, worin er sie kannte – vor vierzig Jahren und darüber.

Leben Sie wohl, theurer Freund und erfüllen die Bitte, uns im künftigen Jahre zu besuchen: zu allen Zeiten aber erhalten Sie mir Ihre freundlichen Gesinnungen.
Der Ihrige
Niebuhr.

Anmerkungen

    1. a |Editor| Das Haus Niebuhrs in Bonn brandte in der Nacht des 6. Februar 1830, wobei u.a. das Manuskript des zweiten Bandes der Neubearbeitung seiner Römischen Geschichte vernichtet wurde; siehe ADB 23, S. 659. [FZ]
    2. b |Editor| Siehe oben.
    3. c |Editor| Vergleiche den Brief Niebuhrs vom 17. November 1830. [FZ]
    4. d |Editor| Der dritte Teil der Römischen Geschichte erschien erst 1832, ein Jahr nach Niebuhrs Tod. [FZ]
    5. e |Editor| Siehe Humboldts Brief vom 25. Januar 1829. [FZ]
    Zitierhinweis

    Barthold Georg Niebuhr an Wilhelm von Humboldt, 15.06.1830. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 18.10.2021. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/889

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