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Christian Wilhelm Ahlwardt an Wilhelm von Humboldt, 24.10.1816

|108r| Unsre Unterredung über Ossian, Macpherson, und die vielleicht noch zu rettenden Volkslieder eines jetzt unbegünstigten, einst hoch poetischen Volks der Gaelen, oder westlichen Schotten, und der mit ihnen an Sprache, Sitten, Cultur und poetischem Geiste verwandten Einwohner von Nord-Irrland und Wales, in welchem letztern Lande noch Hunderte von Volksliedern alter Zeit im Umlaufe sind, und mit jedem Tage immer mehr dem Untergange zueilen, hat einen Lieblingswunsch in mir aufgeregt, der mich einst jahrelang beschäftigte und begeisterte, und von dem ich sagen konnte:

„Meinen Träumen gehest du als Morgenstern,
„Meinem Schlaf als Morgenstern voran...

Nur mit tiefem Schmerz habe ich ihn aufgegeben, und der Gedanke, einst Hoffnung gehabt zu haben, ihn erfüllt zu sehen, hat immer Wehmuth zum Begleiter. Ich faßte nähmlich während der Zeit, als ich zwei Jahre hindurch von Morgens 4 Uhr bis Abend 8 oft 9 Uhr am Ossian mit unermüdetem Eifer übersetzte, und auf manche Schwierigkeiten stieß, deren Lösung nur durch eigene Ansicht der Gegenden, wo Ossian sang und seine Helden fochten, möglich wird, wie einige wenige, glückliche im 3t Bande S. 498–531 der Gaelischen Ausgabe des Ossian angeführten Untersuchungen der Art, die die Highland Society in Edinburg unterstützte, beweisen, den Gedanken, den schon Wood, Choiseul-Gouffier, Lechevalier und andre in Rücksicht des Homer ausgeführt haben, das westliche Schottland, die Hebriden und die Nordküste Irrlands mit dem Ossian in der Hand zu bereisen, die Scenen seiner Gesänge auszuforschen, |108v| aus dem Munde des Volks die Fragmente seiner Lieder, und der Gesänge späterer Barden aufzusammeln, die Sitten und den Charakter dieses Bergvolks, das sich in seiner Alterthümlichkeit mehr als irgend eine andre Nation erhalten, zu erforschen, und so den Liedern Ossians als Erklärer ein Licht anzuzünden, dessen der ädle |sic|, große Dichter eben so sehr bedarf, als werth ist. Nach diesem Plane[a] wollte ich etwa im Mai nach London gehen, mich dort mit der Highland Society, einer Schwester der Highland Society appointed zu inquire into the authenticity of the poems of Ossian zu Edinburg, in Verbindung setzen, dann nach Edinburg zu der Highland Society reisen, bei welcher ich gewiß Unterstützung meines Vorhabens finden würde. Von Edinburg wollte ich dann nach Inverneß gehen, und vom October bis April oder Mai, denn früher kann man die Hebriden nicht gut bereisen, bleiben, um im Sprechen des Gaelischen die gehörige Vollkommenheit zu erlangen; denn obgleich ich das Gaelische recht gut weiß, um das bisher darin gedruckte lesen und verstehen zu können, so fehlt mir doch noch immer viel zu der großen Geläufigkeit im Sprechen und Niederschreiben dieser schweren Sprache, besonders wenn Ungelehrte <einem> Lieder darin vorsagen, die zu dieser Reise erforderlich ist. Von Inverneß wollte ich dann im Mai das westliche Schottland, soweit das Gaelische herrscht, und die sämmtlichen Hebriden, wo nichts, als Gaelisch gesprochen wird, und die Nordküste Irrlands, dessen Sprache von dem Gaelischen nicht verschiedener ist, als das Portugiesische vom Spanischen, oder das Dänische vom Schwedischen, bereisen, gegen Herbst, dann nach Edinburg zur Highland Society zurückkehren, |109r| mit dieser über die gemischte Ausbeute conferiren, mir Abschriften ihrer eigenen Schätze, – denn sie hat an 12000 Verse alter Gaelischer Barden, die noch nicht herausgegeben sind, – zu verschaffen suchen, dann etwa im November nach Wales gehen, den Winter hindurch die Landessprache, die vom Gaelischen, wie Französisch vom Lateinischen verschieden ist, zu eigen zu machen suchen, und im Sommer darauf die Berggegenden Wales bereisen, dann in London mit Hülfe der Highland Society und gelehrter Walliser alles ordnen, und mit meinen Schätzen nach Deutschland zurückkehren, um sie der Welt mitzutheilen. Nebst manchem andern Guten müßte nach meiner Ansicht aus einer solchen Reise auch ein großer Gewinn für die Länder- und Völker-Kunde hervorgehen, denn Wales und noch mehr die Hebriden und die westlichen Berggegenden Schottlands sind für uns in mancher Rücksicht eine Terra incognita, denn alle die diese Länder bereiseten, den einzigen Mac-Donald[b] ausgenommen, verstanden weder Gaelisch, und noch weniger Wallisisch, und wenn wir des ädlen Sinclair’s statistical accounts über Schottland nicht hätten, die aber nach ganz andern Ansichten und Rücksichten gemacht sind: so wüßten wir von Schottland, besonders vom westlichen Theil, gar nichts. Auch in Wales ist es hohe Zeit, daß man die Reste der alten Poesie sammelt, denn der trefliche und fleißige Owen, der ein großes Wörterbuch dieser Sprache ausarbeitete, und über 20 Jahre daran arbeitete, sagt in dem 1806 gedruckten Abridgment of the Welsh and Englisch |sic| Dictionary: The ancient literature of Wales is at this time in the last stage of decline.

|109v| Hätte ich Vermögen gehabt, so hätte ich schon vor mehrern Jahren die Reise gemacht, und den Ossian in Schottland unter den Gaelen übersetzt, und manches, was mir unendlich viel Mühe gekostet, denn manche Gesänge habe ich wohl viermahl ganz umgeschmolzen, würde dort leichter und besser vollendet seyn. Vor einigen Jahren hatte ich Hoffnung zu dieser Reise. Hr. v. Seckendorf, der unter dem Nahmen Patrick Peale als Declamator reiste, auch in Oldenburg Darstellung gab, und dem ich diese Reise und den Nutzen derselben einleuchtend machte, erbot sich, die Kosten zu dieser Reise bei dem damahls als Beschützer der Musen gefeierten Fürst-Primas von Dahlberg auszumitteln. Die Sache ging sehr langsam, und der Sturz der Französischen Allgewalt, der auch den Fürst-Primas traf, machte diesem Plane, den bloß v. Seckendorf betrieb, oder bei dem Fürst-Primas zu betreiben vorgab, ein Ende. In London kommt man mit einem Pfund Sterling nicht viel weiter, als in Berlin mit einem Thaler. In Schottland ist etwas wohlfeiler, aber doch immer noch einmahl so theuer als in Deutschland. Eine solche Reise könnte daher doch jährlich wohl 500 bis 600 Pfund, oder soviel Fr. d’or kosten, und anderthalb bis zwei Jahre würden erforderlich seyn, wenn etwas genügendes, die Sache erschöpfendes heraus kommen sollte: Genauere Details über das Reisen in Schottland und die Kosten der Reise ließen sich leicht von der Frau von Berlepsch, jetzigen Harmes, der Verfasserin der Caledonia, welche diesen Theil von Schottland bereist hat, erfahren. Doch wozu die Details, da ich zu der Reise nichts besitze, als – dem guten Willen, und die etwa erforderlichen Kenntnisse, das Gaelische und die verwandten Sprachen, auch Englisch geläufig spreche und schreibe? Doch genug und vielleicht schon zuviel hievon. Glückliche Liebhaber sprechen gerne von ihrer Liebe, selbst wenn die Geliebte schon längst dahin ist. Verzeihen Sie daher die ausführliche Erwähnung eines frühren Traums, der, um Ossianisch zu reden, mich immer mit Wonne und Wehmuth erfüllt.

Mit der größten Hochachtung habe ich Ehre zu seyn
Ew. Hochwohlgeboren
ergebenster
C. W. Ahlwardt
Greifswald d. 24 Octbr. 1816.

Anmerkungen

    1. a |Editor| Vgl. den Brief Ahlwardts an Humboldt vom 17. Juli 1817, in dem er erneut seine (gescheiterten) Reisepläne skizziert und ausführlich auf die aktuelle Diskussion über die Authentizität der Gedichte des Ossian eingeht. [FZ]
    2. b |Editor| Gemeint ist wohl James Macdonald (1772–1810), ein schottischer Theologe, der in Weimar als Erzieher tätig war; siehe Alexander Gillies (1969): A Hebridean in Goethe’s Weimar. The Reverend James Macdonald and the cultural relations between Scotland and Germany, Oxford: Blackwell. Macdonald kommentierte die aus dem Französischen (erschienen 1797) übersetzte deutsche Ausgabe von Barthélemy Faujas de Saint-Fond (1799): Reise durch England, Schottland und die Hebriden in Rücksicht auf Wissenschaft, Künste, Naturgeschichte und Sitten […] mit theils eigenen, theils ungedruckten Anmerkungen des Hrn. James Macdonald, eines gelehrten Schotten, welcher sich einige Zeit in Deutschland aufhielt […], Göttingen: Dieterich. [FZ]

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    Handschrift
    • Grundlage der Edition: Berlin, AST, Archivmappe 75, Inv.-Nr. 975, Bl. 108–109
    Druck
    -
    Nachweis
    • Mattson 1980, Nr. 10960

    In diesem Brief

    Zitierhinweis

    Christian Wilhelm Ahlwardt an Wilhelm von Humboldt, 24.10.1816. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 18.10.2021. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/98

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