1. Startseite
  2. Briefe
  3. Nr. 99

Christian Wilhelm Ahlwardt an Wilhelm von Humboldt, 17.07.1817

|110r| Hochgeborner Freiherr,
Hochgebietender Herr Statsminister, |sic|
Gnädiger Herr.

Anfälle von Brust- und Augen-Entzündungen, die mich, bei einer sonst sehr festen Gesundheit, betroffen, wie auch der noch immer nicht ausführbare Plan, eine Reise nach Berlin in den letzvergangenen |sic| zwei Monaten zu machen, haben mich behindert, Ew. Excellenz den verbindlichsten Dank für die gütige Zuschrift zu sagen womit Hochdieselben mich unterm 21 April zu beehren die Gewogenheit gehabt haben. Diesen Dank bringe ich Ew. Excellenz jetzt dar, und bitte ergebenst, die Verspätung zu entschuldigen.

|110v| Was die Gaelische Litteratur betrifft, worüber Ew. Excellenz Notizen wünschen, so finden sich diese am ausführlichsten im 3t Bande. Seite 562–566. der Gaelischen Ausgabe des Ossian, die unter dem Titel: The Poems of Ossian in the original Gaelic etc _ _ _ zu London bei Nicol, Pall-Mall, 1807 in 3 Bänden <8to.> herauskam, wo sich ein Verzeichniß aller Gaelischen bis 1807 gedruckten Bücher befindet. Manche Notizen enthält auch der bekannte Report of the Highland Society, appointed to inquire into the authenticity of the poems of Ossian, 1805, 8., und Sinclair’s Abhandlung über die Ächtheit der Ossianschen Gedichte im ersten Bande der Gaelischen Ausgabe des Ossian.

Sprachlehren giebt es nur zwei, die von Shaw, welche nichts taugt, und Stuart’s elements of Gaelic Grammar 1801, 8., die vortreflich ist. Ein gutes Wörterbuch, das einzige, welches man hat, wimmelt von Fehlern, und ist fast nichts mehr und nichts weniger, als eine schamlose Ausschreiberei aus O’Brien’s Irisch-Englischem Wörterbuche. Ob Kelly’s dictionary of the Gaelic language, das schon vor länger als 15 Jahren angekündigt ward, herausgekommen sei, habe ich nicht erfahren können, so viele Mühe ich mir auch gegeben habe. Wahrscheinlich ist der Druck aus Mangel an Subscribenten unterblieben.[a] Die Highland Society hat ein Wörterbuch versprochen; bisher aber ist es bloß bei dem Versprechen geblieben.

|111r| Interessanter als dieses ist vielleicht Folgendes, welches ich Ew. Excellenz über Ossian’s Gedichte mittheilen kann, als Resultat von Forschungen, die ich seit vielen Jahren angestellt habe, und wovon der Druck der Umstände, und andre Arbeiten mich jetzt so weit abgezogen haben, daß, wenn nicht unerwartete, – und daher nicht sehr wahrscheinliche, – glückliche Zufälle eine Reise nach Schottland, ohne welche diese Untersuchnungen nicht so, wie ich es wünsche, beendet werden können, begünstigen, ich nie wieder dahin zurückkehre, und das Ganze unvollendet ruhen lasse.

Die Basis von Ossian’s Gedichten ist national, ist ächt Gaelisch oder Schottisch, und das, was wir von diesen Gedichten noch haben, ist kein Werk Macpherson’s. Dies leidet keinen Zweifel. Wenn daher Macpherson seine Gegner, die alle kein Gaelisch verstanden, wie Tollhäusler behandelte, und sie keiner Antwort werth hielt; so hatte er in vieler Rücksicht hierin Recht. Im Jahr 1805 lagen in der Gegend von Oldenburg, und in der Stadt selbst, zwei Regimenter Engländer, größtentheils Gaelen und Iren. Die Gaelen waren zum Theil aus den entferntesten Hebriden, rohe, hochherzige Naturmenschen, von welchen nur sehr wenige Gaelisch lesen und noch wenigere es schreiben konnten, obgleich sie zum Theil Englisch lasen und schrieben. Diese Menschen hatten hatten von Macpherson’s Übersetzung des Ossian nie etwas gehört oder gesehen; aber alle kannten mehr oder weniger Ossian’s Helden, Fion, Oscar, Gall, Cathmar etc. und ihre Thaten, wie Ossian sie erzählt.

|111v| Großväter und Großmütter hatten sie ihnen in ihrer Jugend am Kamin erzählt, und dies, wie sie sagten, in Versen. Dies Erzählen in Versen sei nach und nach immer mehr außer Gebrauch gekommen, auch gebe es fast gar keine Leute mehr, welche diese Verse hersagen könnten, indem immer mehr und mehr Englische Schulen angelegt würden, wo die Kinder Englisch und den Katechismus lernen müßten, auch Erwachsene und ältere Leute jetzt an Winterabenden ganz andre Beschäftigungen hätten, als sich die Zeit mit Erzählungen in Versen zu vertreiben.

Daß, so wie Homer’s Gedichte über Griechenland und Asiens Küsten, Ossian’s Gedichte einst über das ganze westliche Schottland verbreitet und in jedermanns Munde waren, leidet keinen Zweifel, und die Erzählungen jener Gaelen, die ich zu Hunderten gesprochen, ist ein sehr wichtiges Zeugniß für Ossian als National-Dichter; aber der Text des Dichters, so wie wir ihn in der Gaelischen Ausgabe haben, hat, wie das Lied der Nebelungen, viele und mancherlei Überarbeitungen und Umschmelzungen erlitten in der Länge der Zeit, wo er im Munde des Volks und der Hausbarden von Geschlecht zu Geschlecht ging, und wo vielleicht jeder Barde den Text modelte, wie er es für gut fand. Beweise hievon giebt die Comparison of Passages in dem Report von Seite 190 bis 260, verglichen mit dem Fingal in der Gaelischen Ausgabe. Da von der letztern nur wenige Exemplare nach Deutschland gekommen sind, so schließe ich eine kleine schon 1811 gegebene und wenig bekannt gewordene Probe dieser Art bei, wie auch die Apostrophe an die Sonne. |112r| Die in dem Vorbericht zu der aus Fingal gegebenen Probe geäußerte Meinung, daß die im Report S. 190–260 befindlichen Stellen die spätere Umarbeitung der Hausbarden sei, nehme ich jetzt zurück. Gerade diese rohen, oft äußerst holperigen Verse scheinen mir ächt, oder doch weniger überarbeitet zu seyn, – einzelne Stellen ausgenommen <–>, als die gefeilten mit neuern Reimen übersäeten Verse der Gaelischen Ausgabe, die, – was ihre neuere Ummodelung nur zu sehr verräth, – sogar in der Consonanz gereimt sind, wie jeder des Gaelischen noch so Unkundige sehen kann, z.B.

„Mur shruth a’ tromadh o ghurb gleann
„Dh’arm an fainn o chruaidh nam beann,
„Gach triath ’n aiom athar num bundh,
„Mar chri-thional uisge non stundh

Schon dieser einzige Umstand, der vollkommene Reim in der Consonanz, stürzt Macphersons grundlose Träumerei, Ossian’s Gedichte ins dritte Jahrhundert zu setzen, völlig zu Boden. Wahrscheinlich sang Ossian nicht früher als im achten, neunten Jahrhundert, und in seinen Gedichten herrschte, wie in den alten Nordischen Versen, der sogenannte Reimbuchstabe, oder höchstens der Reim in der Assonanz, nie in der Consonanz.

|112v| Ist dieses, wie ich fest überzeugt bin, mehr: so haben Ossian’s Gedichte, deren Versification in der Gaelischen Ausgabe sich nur zu sehr der neuern im Gaelischen üblichen Reimerei nähert, – denn die reimlosen, und die mit dem Reimbuchstaben, wie auch die in der Assonanz gereimten Verse verhalten sich zu den übrigen höchstens wie 1 zu 6 oder 7, – in der Länge der Zeit und ihres Umhertreibens in der Tradition völlig so viel, und vielleicht mehr Umarbeitungen und Umwandelungen erlitten, als Homers Gesänge, die ursprünglich gewiß nicht so schön versificirt waren, wie wir sie jetzt lesen, oder unsre Nibelungen, die gewiß nicht in den langen Versen geschrieben waren, worin wir sie jetzt gedruckt sehen, die aber durch die Länge der Zeit so viele Zusätze wie Umwandelungen erhalten haben, daß es selbst dem besten Kritiker und Sprachforscher sehr schwer seyn würde, ihnen ihr altes Sylbenmaß

⏑ – ⏑ – ⏑ – –
⏑ – ⏑ – ⏑ –

und ihre Reime in voriger|?| Reinheit einigermaßen wiederzugeben.

Macpherson konnte zwar Verse machen, wie er deren leider! einen ganzen Band von 172 enggedruckten Seiten gemacht hat, als Anhang zu 2t Bande von Laing’s Ausgabe des Ossian, 1805, 8. aber er war dennoch kein Dichter, wie jede Seite dieser Verse beweist. Gaelische Verse zu machen, Verse die man Ossian unterschieben könne, dazu, obgleich ein geborner Gaele, verstand er von der Sprache zu wenig. |113r| A shameless forgery, wie Johnson, Shaw und andre Gegner Macphersons, die fast alle kein Gaelisch verstanden, behaupteten, ist sein Ossian nicht; aber doch haben wir den Ossian gar nicht in seiner wahren Gestalt. A. W. Schlegel, mit dem ich mich vor einigen Jahren über Ossian freundschaftlich stritt, behauptete: Jedes Volk hat entweder Glauben, oder Aberglauben. Von beidem ist in Ossian fast gar keine Spur, oder doch nur eine sehr vage; folglich sind diese Gedichte neueres Machwerk. – Damahls überraschte mich der Einwurf, und meine Antwort schien einem so einem |sic| scharfsinnigen Manne, als Schlegel, unbefriedigend, und dies mit Recht. Jetzt möchte ich eine bessere geben können. Ossian’s Gedichte sind ursprünglich voll von Riesen, Zauberern, Gespenstern und Aberglauben aller Art, eben so wie die ihnen verwandten Erzählungen der Iren und Walliser. Macpherson fand sie in den Handschriften, die man ihm mittheilte, und in den Gesängen, die er und seine Freunde auf ihrer Reise durch die Hebriden aus dem Munde alter Leute, und der Hausbarden der Chieftains sammelten; aber ein hyperkritischer Geschmack bewog ihn, dies alles wegzulassen, und aus dem Schutze seiner gesammelten Gesänge eine Art von Mosaik, fast möchte ich sagen einen Cento zusammenzusetzen, der den epischen Erzählungen der Alten sich näherte, ohne jedoch seinen lyrischen Ursprung zu verläugnen, denn die Erzählungen aller rohen Völker sind lyrisch-episch. |113v| Daß Macpherson das Gaelische sehr unvollkommen verstand, hat Ross in den Anmerkungen zum 1t Gesang des Fingal in der Gaelischen Ausgabe, haben andre bis zur Evidenz bewiesen. Neue Verse von seinem Machwerk konnte er nicht schmieden und in den Text einrücken. Dies ist gewissermaßen ein großes Glück. Er konnte also nur weglassen, und höchstens aus verwandten Gedichten einzelne Verse und Stellen einrücken, um dem Ganzen, das eigentlich aus einzelnen zerstreuten Gesängen bestand, den Zusammenhang und die Form zu geben, die er beabsichtigte, und die die lesende Welt für die Urform mit Unrecht hält. Macpherson’s Übersetzung des Fingal ward in großer Hast verfertigt, und eben so auch die der Temora und zum Theil auch selbst die der kleinern Gedichte. Die Übersetzungssünden, im Fingal besonders, gränzen ans Unglaubliche und an offenbaren Unsinn. Ein Beweis mehr, daß er die Gaelischen Verse, die von diesem Unsinn frei sind, nicht gemacht habe, nicht habe machen können. War er wirklich ein Forger, wie Johnson und andre glauben, so war er so dumm und sinnlos nicht, um die Übersetzung und das selbst geschmiedete Original in Einklang zu bringen.

Wenn man aus Parteiwuth in diesem Streite übertrieben hat, unparteiisch abzieht und abwiegt: so ergiebt sich, daß Macpherson in der That die Absicht hatte, das Original, so wie er es |114r| gemodelt hatte, drucken zu lassen, daß der Druck aber aus Mangel an Subscribenten unterblieben. Nach Vollendung dieser Recension scheint er die hiezu gehörigen Handschriften und Papiere, woraus er seinen Cento zusammensetzte, weiter nicht geachtet, oder absichtlich cassirt zu haben; denn in seinem Nachlasse fand sich fast gar nichts der Art, ausgenommen die Abschrift des Gaelischen Textes des Fingal, der Temora, und neun kleinerer Gedichte, welche in der Londoner Gaelischen Ausgabe abgedruckt sind, von welchen jedoch das beste, Carthon, eine große Lücke hat. Die Abschrift von elf dieser kleinern Gedichte ist durch Macphersons Nachlässigkeit bei seinem Aufenthalt in West-Florida verloren gegangen, und wir müssen uns statt des Originals jetzt mit der Macphersonschen Übersetzung behelfen; denn an Wiederherstellung dieser Gedichte im Original ist jetzt, da es den Engländern gelungen ist, durch die mehr verbreitete Schafzucht, durch englische Schulen und durch den unsinnigsten aller Katechismen den poetischen Charakter der Gaelen gänzlich zu vernichten, gar nicht mehr zu denken. Selbst die zum Theil treflichen spätern Volkslieder dieses unterdrückten Volks verlieren sich immer mehr und mehr, indem jedermann, der auf Bildung Anspruch macht, nur Englisch spricht und schreibt, und das unendlich reichere und schönere Gaelische als eine Sprache des Pöbels verachtet.

|114v| Daß noch Jahrelang nach Macperson vieles von den ächten Gedichten Gaelischer Barden zu retten gewesen sei, leidet keinen Zweifel. Noch vor etwa 28 bis 30 Jahren hörte der vor einigen Jahren verstorbene Leibarzt des Herzogs von Oldenburg, <Hofmeister,> welcher in Edinburgh studirt hatte, von einer Bande Gaelischer Musiker, oder vielmehr Bierfiedler, die Lieder von Telma Gaelisch singen, und mit Musik begleiten. Auch hievon fehlt das Original in der Gaelischen Ausgabe des Ossian.

Der Inhalt der Gedichte Ossian’s ist ächt, ist national, seine Beschreibungen der Gegenden, wo seine Helden fochten, sind eben so wahr, wie bei Homer, und man könnte die Hebriden und die Nordküste Irlands mit dem Dichter in der Hand bereisen, und würde finden, daß nach Jahrhunderten noch fats alles so zutrifft, wie der Dichter es geschildert. Neuere Forschungen, die im 3t Bande der Gaelischen Ausgabe abgedruckt sind, haben dies hinlänglich bewiesen, auch ist dies ein Beweis mehr, daß Macpherson, der diese Gegenden nie sah, diesen Gedichten nicht das Daseyn gegeben. Einst hatte ich den Plan zur Aufklärung des Dichters, und zur Auffindung alter Gaelischer Gesänge diese Reise zu machen, die, wenn auch am Ende sich keine alten Bardengesänge fänden, doch viele neue und schöne Resultate für Welt- und Menschenkenntniß geben müßte, |115r| denn diese Gegenden sind in vieler Rücksicht noch immer ein unbekanntes, fast möchte ich sagen, unentdecktes Land. Nur ein einziger, Macdonald, der es besuchte, verstand Gaelisch, alle die übrigen Reisenden, größtentheils in Vorurtheilen befangene Engländer verstanden keine Sylbe von der Landessprache, und fast alles, was sie erzählen, ist unzuverlässig und aus einem falschen Gesichtspunkte betrachtet. Ein des Gaelischen kundiger Deutscher würde vielleicht mehr leisten, als zwanzig Engländer. Das Gaelische ist eine der reichsten, schwersten Sprachen, die ich kenne. Sie geläufig zu sprechen, und fertig zu schreiben, ist bei der schwankenden, auf zum Theil sinnlosen Regeln beruhenden Orthographie kein leichtes Werk. Nach meinem Plan wollte ich etwa vom September bis Mai in Inverneß bleiben, um nir eine große Fertigkeit im Sprechen und Schreiben des Gaelischen zu erwerben, dann die Hebriden und die nördlichen Provinzen Irelands besuchen, von dort nach Edinburgh gehen, um mit der Highland Society, die im Besitz vieler alt-gaelischer Gedichte ist, Rücksprache zu nehmen, und uns wechselseitige Mittheilung zu machen, dann nach Deutschland zurückkehren, um das Gesammelte der Welt mitzutheilen, oder wenn Zeit und Geld es erlaubten, vorher noch auf ein Jahr nach Wales gehen, wo vielleicht noch die reichste Ausbeute zu machen ist. |115v| Ich hatte Hoffnung, diesen Plan durch Dahlbergs Unterstützung in Ausführung gebracht zu sehen. Ein Freund Dahlbergs, dem ich diesen Plan mittheilte, nahm ihn mit Enthusiasmus auf[b], zweifelte gar nicht an der Ausführung, und setzte sich mit Dahlberg darüber in Briefwechsel. Die Sache ging wegen mancherlei Verwickelungen, worin Dahlberg steckte, sehr langsam, und kam nicht zur Ausführung. Mir bleibt hiebei nichts, als der Schmerz, bei dem größten Enthusiasmus für die gute Sache, aus Mangel an eigenem Vermögen, soviel trefliche Gesänge des Alterthums, die besonders in Wales <zu Hunderten> noch vorhanden sind, und mit jedem Tage dem Untergange mehr und mehr zu eilen, nicht helfen und retten zu können, nur was noch aus dem Sturme der Zeit zu retten ist, denn die Mode, nur das Englische treflich zu finden, und das Einheimische zu verachten, zerstört in Wales, wie Schottland, die Reste alter Dichtkunst. Vorschläge zu Reisen zur Verbesserung der Schaf- und Pferdezucht, und wäre es noch Arabien, um die ächten Racen zu ergründen, würden vielleicht bei manchen Regierungen Eingang und Unterstützung finden; aber Vorschläge zu einer Reise zur Rettung der Reste alter Poesie in Schottland, Ireland (das gleichfalls sehr reich hieran ist) und Wales würden, da der reine Gewinn nicht gleich in Zahlen anzugeben ist, vielleicht für Hirngespinste eines dem Trepan des Chirurgen zu empfehlenden Träumers angesehen werden.

|116r| Die Sprache in Wales ist reich, und nicht sowohl Schwester als Nichte der Gaelischen, und der Unterschied völlig so groß, wie zwischen dem Lateinischen und Französischen. Das große Wörterbuch von Owen, wovon es auch einen guten Auszug giebt, London 1806. 8. ist so treflich, als nur irgend eine Sprache aufweisen kann; auch Owen’s Sprachlehre, die einen Theil des großen Wörterbuchs ausmacht, ist sehr gut. Eine kürzere, fast zu kurze, Sprachlehre ist von Richards, der auch ein Englisch-Welsches Handwörterbuch geschrieben hat. Von ältern Werken ist Edward Lhuyd’s archaeologia Britannica, Oxford 1707 Fol., welches „A comparative Vocabulary of the original languages of Britain and Ireland“ enthält nebst einem Irischen Wörterbuche, vortreflich, und von OBrien und Shaw zum Theil ausgeschrieben. Vielleicht giebt es jetzt keinen einzigen Gelehrten in Groß-Britannien, der die sämmtlichen Sprachen dieses Landes so gründlich versteht, als sie Lhuyd verstand. Das Buch ist selbst in England ziemlich selten, und sehr theuer, obgleich es nur ein mäßiger Folio Band von etwa 450 Seiten ist. Zum gründlichen Studium des Gaelischen, Irischen und Wallisischen ist es unentbehrlich, und ich habe es nur mit vieler Mühe mir verschaffen können. |116v| Für das Irische, das vom Gaelischen ungefähr so viel abweicht, wie das Portugiesische vom Spanischen, ist OBrien’s Irish-Englisch |sic| dictionary, Paris 1768, 4. und Vallancey’s grammar of the Irisch |sic| language. Dublin 1773, 4. das Beste. Bei dem Umfange von Kenntnissen, die Ew. Excellenz besitzen, sind manche dieser Notizen vielleicht längst schon zu Ihrer Kenntniß gekommen; ich muß daher bitten, den guten Willen für die That anzusehen. Die Hochländische Gesellschaft in Edinburg und London hat eine neue wörtliche Übersetzung des Ossian versprochen, die Ross, der in der Gaelischen Ausgabe schon den ersten Gesang des Fingal als Probe gegeben hat, liefern sollte. Sollten Ew. Excellenz in London erfahren können[c], ob diese Übersetzung vollendet worden, so würden Ew. Excellenz mich sehr verpflichten, wenn Sie die die |sic| Gewogenheit haben wollte, mich gelegentlich davon zu benachrichtigen, denn diese Notiz interessirt mich sehr, und bei aller Mühe habe ich nichts weiteres erfahren können.

Meine Übersetzung des Ossian habe ich der Hochländischen Gesellschaft in Edinburgh durch den Doctor Albers in Bremen zusenden lassen, habe aber keine Antwort erhalten, weil vielleicht keiner dieser Herren Deutsch liest. Dies ist mir sehr leid, denn ich wünschte sehr, mit dieser Gesellschaft in Verbindung zu kommen.

|117r| Für Ew. Excellenz gütiges Anerbieten, zu meiner Beförderung beizutragen, sage ich den verbindlichsten Dank. In einigen Tagen geht die Praesentation zu der hiesigen Professur der alten Litteratur, die ich wünsche, nach Berlin ab. Wie es heißt bin ich von der Universität primo loco vorgeschlagen und besonders empfohlen. Mit mir zugleich ist Poppo, ein sehr junger Mann, Lehrer an der Schule zu Frankfurt an der Oder vorgeschlagen, der etwas über den Thukydides geschrieben, das mit Beifall aufgenommen ist. Ich habe bei weitem mehr, und in mancherlei Fächern geschrieben. Poppo tritt die Bahn, als Schullehrer so eben an; ich habe schon 20 volle Jahre als Rector Schulanstalten mit Ehren vorgestanden; überdies ist mir in einem Rescript des Ministeriums des Innern vom 9t Mai 1816 die Versicherung gegeben, „das Ministerium werde meinen Wunsch, als Professor der alten Litteratur an einer Universität angestellt zu werden, nicht unberücksichtiget lassen, und bei schicklicher Gelegenheit sich meiner erinnern“. Mit Recht könnte ich daher hoffen, daß mir die Kränkung nicht wiederfahren werde, jetzt, da eine schickliche Gelegenheit sich findet, sich meiner zu erinnern, mich mit Stillschweigen zu übergehen, und mir einen weit jüngeren Mann vorzuziehen, |117v| dessen Talent in Rücksicht academischer Vorlesungen noch sehr problematisch ist, indeß ich hier schon sechs Jahre solche Vorlesungen mit Beifall gehalten habe.

Wie der Minister des Innern, der Freiherr von Schuckmann, von dem die Entscheidung abhängt, jetzt gegen mich gesinnt sei, weiß ich nicht. Nach einigen hat die Boeckhische Clique ihn gegen mich eingenommen; nach Professor Koreffs Ansicht ist dies nicht der Fall. Ich kenne das Terrain nicht. Bei der Gewogenheit, die Ew. Excellenz für mich zu hegen die Güte haben, muß ich es einzig Ihrem Ermessen anheim stellen, ob es nützlich sei, Schritte für mich zu thun, oder nicht. Ich habe gestern an den Freiherrn von Schuckmann geschrieben, und ihn gebeten, mir die Stelle zu ertheilen. Ich werde morgen noch an einige Staatsräthe, Nicolovius und Süvern schreiben, und ihnen meine Wünsche, von einem Heere guter Zeugnisse begleitet, mittheilen. Fallen die Würfel dann anders, als ich wünschte: nun so seis! Es giebt kein Unglück, das mich niederschlagen kann; aber in diesem Fall werde ich mein Schulamt niederlegen, und lieber etwas beschränkter von Schriftstellerei leben, als noch länger an dem Schuljoche ziehen, und Kräfte, die etwas Besseres leisten können, verschwenden.

Indem ich mich der Fortdauer der Gewogenheit Ew. Excellenz empfehle habe ich die Ehre, mit dem tiefsten Respect zu seyn
Ew. Excellenz
unterthäniger Diener
C. W. Ahlwardt
Greifswald d. 17 Jul. 1817.

Anmerkungen

    1. a |Editor| Kellys A Triglot Dictionary of the Celtic Language, as spoken in Man, Scotland, and Ireland, together with the English erschien erst postum im Jahr 1866, da während des Drucks in London die bereits gedruckten Bände fast vollständig durch Feuer zerstört wurden; s. John Kelly (1870): A Practical Grammar of the Ancient Gaelic or, Language of the Isle of Man, usually called Manks, London: Bernard Quaritch, S. XXIII. Kelly arbeitete dann bis zu seinem Lebensende (1809) an einer Erweiterung und Verbesserung seines Werkes, das aus dem Nachlass seines Sohnes veröffentlicht wurde: William Gill – John Thomas Clarke (1866): An English and Manx Dictionary. Prepared from Dr. Kelly’s Triglott, Publications of The Manx Society XIII. [FZ]
    2. b |Editor| Siehe den Brief Ahlwardts an Humboldt vom 24. Oktober 1816 mit ausführlicher Schilderung seiner Reisepläne. [FZ]
    3. c |Editor| Humboldt hielt sich von Anfang Oktober 1827 bis Ende Okober 1818 in London auf. [FZ]

    Über diesen Brief

    Schreibort
    Antwort auf
    • 21.04.1817
    Folgebrief
    -

    Quellen

    Handschrift
    • Grundlage der Edition: Berlin, AST, Archivmappe 75, Inv.-Nr. 976, Bl. 110–117
    Druck
    -
    Nachweis
    • Mattson 1980, Nr. 11220

    In diesem Brief

    Werke
    Zitierhinweis

    Christian Wilhelm Ahlwardt an Wilhelm von Humboldt, 17.07.1817. In: Wilhelm von Humboldt: Online-Edition der Sprachwissenschaftlichen Korrespondenz. Berlin. Version vom 18.10.2021. URL: https://wvh-briefe.bbaw.de/99

    Download

    Dieses Dokument als TEI-XML herunterladen

    Versionsgeschichte

    Frühere Version des Dokuments in der archivierten Webansicht ansehen