Wilhelm von Humboldt an August Wilhelm von Schlegel, 13.12.1822

|1*| Berlin, den 13. December, 1822.

Ew. Hochwohlgebohrnen mir gestern zugekommenes Schreiben vom 1. d. hat mir eine wirklich unerwartete Freude gemacht. Ihr so über alle meine Hofnungen günstiges Urtheil über meinen Aufsatz ist mir mehr, als ich es Ihnen sagen kann, schmeichelhaft gewesen, und wenn ich mir auch nicht verhehle, wieviel ich darin Ihrer freundschaftlichen Nachsicht zuschreiben muß, so überlasse ich mich doch gern der angenehmen Täuschung. Ich eile daher, den morgen nach Frankfurt abgehenden Courier nicht zu versäumen, um Ihnen sogleich meinen Dank abzustatten, und ihre gütigen Anfragen zu beantworten.

Es würde mir angenehmer seyn, wenn meine Arbeit im 4. jetzt erscheinenden Hefte gedruckt werden könnte, als wenn sie bis zum nächsten Bande liegen bliebe. Das frühere Erscheinen hat mehr Reiz für mich, u. die Zerstückelung in zwei Bände bringt gar keinen Nachtheil hervor, der irgend wesentlich wäre. Ich bitte E. Hochwohlgeb. um so mehr, es so einzuleiten, dieses als dies auch Ihnen bequem scheint, u. besonders als so auch Ihre dem 4. Heft bestimmten Aufsätze früher in den Händen des Publikums seyn können.

Meinen Namen bitte ich Sie hinzuzufügen, entweder mit meinem Vornamen Wilhelm, oder meinem Titel. Es dient dies bloß zur Unterscheidung von meinem Bruder, u. es ist mir daher durchaus gleichgültig, was Sie wählen. Ich habe den Namen nicht hinzugefügt, weil es mir in der That gar nicht wahrscheinlich vorkam, daß Sie den Aufsatz aufnehmen würden.

Ihre Bemerkungen sind mir überaus belehrend gewesen, u. ich habe genau geprüft, was nach denselben in meinem Text zu ändern seyn wird.

Zuerst bitte ich E. Hochwohlgeb. bei der Stelle Hitop.  p. 17. l. 4. 5. |2*| beschlossen statt meines gedacht und bei Hitop.  p. 8. l. 27. festgehalten statt meines emporgehalten zu setzen. Beide Aenderungen sind offenbar besser.

Was die Stellen betrift, die Sie geradezu für falsche Lesarten erklären, u. auf die ich unrichtiger Weise zu viel Gewicht gelegt habe, so trete ich darin ganz Ihrer Ansicht bei. Es fragt sich nur, ob wir diese Stellen stehen lassen, u. E. Hochwohlgeb. nur die Güte haben, mich bei den einzelnen in Anmerkungen zu berichtigen? oder ob wir die Stellen meines Textes ganz ausmärzen?

Ich bin für das erstere. Ich finde es so natürlich, von einem, der ungleich mehr weiß, als ich, berichtigt zu werden, daß mir das, auch vor dem Publikum in diesen Fällen nur angenehm seyn kann. Wollen Sie noch mehr thun, so haben Sie vielleicht die Güte zu sagen, daß, weil ich mich erst seit meiner Rückkehr in Deutschland mit der Sprache befaßte beschäftigt habe, es mir nicht möglich gewesen ist, mich mit Handschriften bekannt zu machen. Dies vorausgesetzt, scheint es mir allgemein belehrend, wenn Sie den wichtigen Unterschied, den Sie in Ihrem Briefe zwischen den Handschriften der verschiednen Sanskritischen Werke machen, öffentlich auseinandersetzen. Sie ersparen Sich auch Mühe, da wenn Sie die Stellen wegließen, Sie auch die Güte haben müßten, die Stellen zu ändern, wo ich mich auf jene beziehe. Außerdem würden wir durch das Ausmärzen jener Stellen an Kürze wenig gewinnen, u. an Einfachheit der Classification nichts. Denn der §. 2. bezeichnete dritte Fall, wo die Verbalform ihr eignes Subject ausdrücklich mit sich führt, müßte doch, schon wegen der Stelle des Nalas. V.[a] 34. 35. bestehen bleiben. Daher ändert sich auch, wenn auch alle angefochtene Stellen unangezogen übergangen würden, mein Raisonnement in der Hauptsache nicht ab.

Auf jeden Fall bitte ich E. Hochwohlgeb. recht dringend, die folgenden Stellen: Hitopad.  p. 13. l. 10. 11. p. 25. l. 9. 10. p. 54. l. 18. 19. Ramay. I, 9, 7. I, 3, 141. Nal. XIV. 10. XI. 4. 5. ja stehen zu lassen, aber |3*| dasjenige hinzuzufügen, was Sie mir darüber geschrieben haben. Durch diese berichtigenden Zusätze von Ihrer Hand bekommt der Leser Varianten aus Handschriften, u. trefliche Erklärungen u. Verbesserungen von Ihnen, u. um diesen V Gewinn möchte ich ihn nicht bringen. Vorzügliche Freude hat mir die Erklärung bei Hitop.  p. 25. l. 9. 10. die Versetzung der Zeilen in Ram. I, 3, 141. u. die neue Lesart Nalas XIV, 10. gemacht.

Hielten indeß E. Hochwohlgeb. es für besser, wenigstens die Anführung der Stellen Hitop.  p. 35. l. 12. u. p. 54. l. 16. die Ihnen bloße Druckfehler scheinen, zu streichen, so habe ich nichts dagegen. Es müssen aber alsdann wegen der erstern §. 6. u. 11. (ich kann die Seitenzahl der Abschrift nicht bestimmen) u. auch §. 10. die Stelle die Anführungen wegbleiben, u. auch §. 10. die Worte: In diesen beiden Beispielen u. s. w. geändert werden. Wegen der zweiten Stelle müssen §. 10. die Worte: Ganz unmöglich aber – ein Gerundium gelten gänzlich wegbleiben, u. die gleich darauf folgenden geändert werden. Ebenso die am Ende dieses §phen, u. im Anfange des folgenden müssen die Worte sowie wir – Participium erklären läßt gestrichen werden, u. es dann weiter heißen es gleichfalls Stellen giebt u. s. f.

Lassen E. Hochwohlgeb. diese beiden Citate aus dem Hitopadesa weg, so würde ich wünschen, daß Sie ihrer doch mit zwei Worten in einer Anmerkung gedächten, damit sie uns nicht von Andern als übergangen irgendwo wieder vorgebracht werden.

Sollten Sie hingegen dieselben im Text stehen lassen, u. nur mit Anmerkungen begleiten, so seyn Sie so gütig §. 12. am Ende des Aufsatzes statt der Stelle Dem Sinn und der Bedeutung nach – dem Genius der Sprache folgende Worte zu setzen:

Dem Sinn und der Bedeutung nach, sind alle diese Formen wirkliche Gerundien, u. es ist weniger angemessen, sie als Participien betrachten zu wollen. Ich stütze jedoch diese Behauptung nicht gerade auf die wenigen, noch dazu zweifelhaften Stellen, welche der Partici-|4*|pial-Erklärung ganz oder zum Theil widerstreben. Allein ich finde dieselbe bei allen, ohne Ausnahme, weniger natürlich, und dem Genius der Sprache entgegenlaufend.

In der Stelle p. 17. l. 4. 5. st  Hitopadesa stimme ich zwar E. Hochwohlgeb. darin vollkommen bei, daß alle freilich der Construction nach sowohl auf die Verbalform, als das Verbum geht, u. das <daß> dies auch im Ganzen dem Sinn anpassend ist. Indeß bezieht es sich doch, diesem letzteren nach, offenbar nothwendiger auf die erstere, u. da nun auch der Instrum. im Text zunächst mit dieser verbunden ist, so weiß ich doch nicht, ob es gut gethan wäre, in der Uebersetzung die Sache umzukehren, u. sic decreto, a volucribus cunctis vultur necatus zu setzen.

Hitop.  p. 7. l. 2. dagegen scheint mir die Uebersetzung quotiescunque surrexeris überaus passend, u. ich bitte Sie ja, dieselbe entweder dem Text einzuverleiben, oder in einer Note beizubringen.

Auch vergaß ich oben zu bemerken, daß ich Beisp. 29. §. 2. gar sehr den Ausdruck Gegenstände der Sinne statt Sinnlichkeit billige.

Es thut mir herzlich leid, E. Hochwohlgeb. noch soviele Mühe zu machen. Ich darf aber auf Ihre gütige Freundschaft hierbei zählen.

Meine Beispiele hätte ich gern auch aus andern Schriften gewählt. Allein es fehlt mir noch sehr an Belesenheit, u. ich habe überdies diese Arbeit, den §. 7. ausgenommen, auf dem Lande gemacht, wo ich keine andern Bücher zur Hand hatte. Was Sie mir aber über die Correctheit des Bhagavad-Gita u. der Gesetze des Manus sagen, wird mich bei künftigen Beschäftigungen ähnlicher Art leiten. Den erstern werde ich sehr gern auch schon im bloßen Abdruck sehen, ob ich gleich erst, wenn ich E. Hochwohlgeb. Zugaben empfange, ihn ganz zu verstehen hoffen darf.

|5*| Daß E. Hochwohlgeb. finden, daß der Seramporer Ramayana so sehr im Argen liegt, ist mir gewissermaßen eine Beruhigung gewesen, weil, ungeachtet der Leichtigkeit ganzer u. großer Stellen, auf einmal wieder einzelne Verse mir bedeutende Schwierigkeiten entgegensetzen. Ich habe mit großer Befriedigung das von Ihnen Uebersetzte verglichen, u. in den Stellen, wo Sie übersetzen wollten, die große Treue bewundert. Eine fortlaufende u. ausführliche Angabe des Inhaltes des ganzen Gedichtes mit erläuternden Betrachtungen, u. Nachbildung der schönen Stellen wäre doch ein sehr wünschenswürdiges Geschenk. Nur keine Uebersetzung im Versmaß des Originals. Dabei entschädigt nichts für den immer übrig bleibenden Zwang, u. da würde ich viel lieber eine prosaische vorziehen. Solange überhaupt noch so wenig Leute das Original lesen, kann eine Uebersetzung gar nicht zu wörtlich seyn, wenn sie dabei nur verständlich bleibt. Auch Ihre Lat. Uebersetzung des Bhagavad-Gita richten Sie doch wohl recht wörtlich ein? Man muß wirklich fürs erste sehr an die Schwachen denken.

Von unserm gemeinschaftlichen Freunde Welcker habe ich auch gerade gestern einen Brief u. Schwencks Andeutungen bekommen, aber noch nicht angesehen. Danken Sie ihm vorläufig dafür. Ich werde gewiß bald antworten. Allein ich gestehe, daß ich mit allen mythologischen Erklärungen noch so im Irren bin, daß ich noch nie habe mit mir selbst feststellen können, was ich z. B. von Creuzers Werk halten soll. Daß Griechen u. Indier zusammengehören, beweist die Sprache unwiderleglich. Es muß daher auch wohl in Götterlehre u. Philosopheme viel übergegangen seyn. Allein noch kenne ich kein Mittel, die Kluft, welche in der Geschichte die beiden Völker scheidet, auszufüllen. Es ist der Punkt, in dem das Geheimniß sogar unsrer ganzen heutigen Bildung liegt, der aber |6*| auch alle geschichtliche Forschung zur Verzweiflung bringt. Was die Verlegenheit noch vermehrt, ist – da weiß ich aber nicht, ob Sie mit mir übereinstimmen werden – nicht bloß die Verschiedenheit, sondern der totale Gegensatz nicht bloß Indischen u. Griechischen Charakters u. Geistes, sondern auch der beiden Sprachen, die mir nur diese auffallende Aehnlichkeit in Grammatik u. Wurzeln zu haben scheinen, um uns mit der Erklärung ihres übrigens total abweichenden Geistes desto ärger zu necken. Ich kenne wenig sich so unähnliche Dinge, als Homer u. Ramayana oder Mahabharat . Will man aber Griechisch etymologisiren u. nicht bloß im Kreis der eignen Sprache bleiben, so läßt sich ohne tiefe Kenntniß des Sanskrit nichts machen. Ueberhaupt komme ich immer mehr zu der Einsicht, daß ohne möglichst gründliches Sanskritstudium weder in der Sprachkunde, noch in der Art Geschichte, die damit zusammenhängt, das Mindeste zu thun ist.

Dabei fällt mir ein, daß ich E. Hochwohlgeb. sehr bitte, Ihre Bemerkung über {āsādya } nicht zu unterdrücken. Die Etymologie von sidere ist mir auch dabei eingefallen. Ich sehe, Sie schreiben die Wurzel {ṣad } u. bitte Sie, mich zu verbessern, wenn Sie es für richtiger halten. Ich bin Forsters Gramm. gefolgt.

Remusats Chin. Gramm. habe ich leider noch nicht gesehen, da mein Bruder jetzt nicht in Paris ist. Mir ist das Chinesische wichtig, weil eine aller Flexionen entbehrende Sprache die beste Stufe zum Uebergang zu den Amerikanischen ist. Ich habe mich bisher an Marshman gehalten. Er ist unausstehlich weitschweifig, allein doch sehr belehrend, u. wirklich von tiefem Blick. Ich bin begierig, ob Remusat ihm in der Lehre der Primitiva, die er außer den Schlüsseln annimmt, folgt.

Wäre ich nicht schon in meinem Aufsatz so weitläuftig gewesen, daß |7*| ich wenig Recht habe, mich über Marshman zu beschweren, so hätte ich in der Aehnlichkeit der Verbalform in {tvā } mit der Arabischen Form masdar [b] (bei Sacy   noms d’action ) erwähnt. Sie kommen in sehr Vielen mit einander überein.

Grimms  Gramm. habe ich leider viel zu wenig studirt. Es hängt damit zusammen, daß, wie ich zu meiner Schande gestehn muß, der Deutsche Sprachstamm mir gerade der unbekannteste ist. Die Einleitung aber habe ich mit großer Befriedigung gelesen.

Ich schließe hier u. verharre mit der ausgezeichnetesten Hochachtung u. herzlichsten Ergebenheit
der Ihrige,
Humboldt

|1*, von oben nach unten links am Rand| Ich vergaß, E. Hochwohlgeb. zu bitten, die 37. Anmerk. §. 12. meines Aufsatzes über die fernere Bearbeitung des Sanskrits ganz wegzulassen. Sie gehört da nicht hin, u. man hat überdies ein Bengalisches Lexicon , was dem Bedürfniß, von dem ich darin spreche, sehr abhilft.

|8* vacat|

Fußnoten

    1. a |Editor| Leitzmann S. 96: S.
    2. b |Editor| Leitzmann S. 100: mesdor.