Wilhelm von Humboldt an Franz Bopp, 04.04.1827

|1*| Ich muß Ew. Wohlgeboren sehr um Verzeihung bitten, Ihnen erst heute Ihren interessanten Aufsatz zurückzuschicken. Da ich Ende dieses Monats zweimal in der Akademie lesen soll, u. kaum noch weiß, wie ich das anfangen werde, so bin ich sehr beschäftigt.[a]

Was in Ihrem gütigen Schreiben Ihre Lage betrift, hat mich am meisten ergriffen, da Sie wissen, wie wahrhaft freundschaftlich und hochachtungsvoll ich Ihnen ergeben bin. Allerdings halten Besoldungszulagen jetzt beim Ministerium sehr schwer. Aber an Weggehen müssen Sie nicht denken. Dies könnte man unmöglich zugeben. Auch zweifle ich, daß die Lehrer in München bei der Universität sehr vortheilhaft gesetzt sind. Ich hörte schon darüber Klage führen. Wir müssen einmal mündlich recht ausführlich darüber reden.

Die Fortsetzung Ihrer Recension ist vortreflich. Die wahrhaft neue Methode, deren Einführung man größtentheils Ihnen dankt, die Umwandlungen der Sprache aufzusuchen u. bis ins kleinste Detail zu verfolgen, entwickelt sich mit jeder Ihrer Arbeiten mehr u. verbreitet ein helleres Licht über das Sprachstudium. Ich habe keinen einzigen Punkt der Verschiedenheit der Meinungen zwischen Ew. Wohlgeboren u. Grimm gefunden, wo ich nicht Ihnen vollkommen beiträte. Die Erklärung (Bog. 8.), warum die schwache Deklination bei den Adjectiven nach u. nach Überhand genommen, hat mir ganz vor-|2*|züglich gefallen, u. scheint mir ein wahrer Triumph der von Ihnen befolgten Methode. Es liegt immer mehr am Tage, welch einen Vorzug Sie vor Grimm schon darin besitzen, daß Sie das Studium von der Wurzel aus auffassen, da Grimm leider es nur von einem Zweige aus ergreift u. bei der mangelnden Kenntniß des Indischen, nicht einmal in die Tiefe gehörig zurückgehen kann. Es ist unendlich zu bedauern, daß Grimm nicht in einer Zeit schrieb, wo das Studium des Sanskrits ihm gewiß nicht fremd geblieben seyn würde, aber zu bewundern, daß er ohne dasselbe so unglaublich viel leistete. Daß man auf historischem Wege so gut, wie auf philosophischem zu wahren commentis in der Sprache kommen kann, haben Sie in Grimms angeblichem Verbum  siman sehr gut gezeigt.

Für Ihr gütiges Urtheil über meine Sinica [b] bin ich Ew. Wohlgeboren sehr verbunden. Da ich nun mehr Exemplare erhalten, lege ich eines bei, das ich Sie zu meinem Andenken zu behalten bitte.

Mit der herzlichsten Freundschaft
der Ihrige,
Humboldt
4. April, 1827.
|3*–4* vacat|

Fußnoten

    1. a |Editor| Humboldt las am 26. April 1827 im Plenum der Akademie "über die Bedeutung des Dualis" (BBAW, Archiv, II-V, 8, 64) sowie am 1. Mai in der Historisch-philologischen Klasse "Ueber die Sprachen der Südsee Inseln" (BBAW, Archiv, II-V, 143, 29).
    2. b |Editor| Möglicherweise ist damit Humboldts Lettre à Mr. Abel-Rémusat gemeint?