Wilhelm von Humboldt an Franz Bopp, 25.11.1834

|1*| Ich danke Ihnen sehr, theuerster Freund, für die gütige Mittheilung des Rosenschen Briefes und der Anzeige der Grammatik. Es hat mich sehr gefreut, zu hören, daß es ihm wohl geht, und daß <er> auch ohne Sorgen für sein Auskommen ist. Mit seiner Anzeige bin ich, wenn ich offenherzig gestehen soll, nicht ganz zufrieden. Sie enthält zwar einige hübsche Bemerkungen, wie mir wenigstens die über crepusculum und über die Verwandtschaft des Genitifs und Adjectifs geschienen hat. Er hebt aber gar nicht genug Ihr großes Verdienst, und das in dem Werke von Ihnen bewiesene Talent, die Verbindungen von Tönen und Formen aufzufinden, die auf den ersten Anblick sehr entfernt liegen. Nicht einmal das sagt er gehörig, was dazu erforderlich war, die Zend-Grammatik, ohne alle andere Hülfe, aus einem bloßen Texte herauszuziehen, obgleich dies die Englischen Leser gewiß mehr interessirt hätte, als die Aufzählung der Vokale und Consonanten. Das Ende habe ich gar nicht recht verstanden. Warum will |2*| er Ihnen do better justice bei der Fortsetzung Ihres Werks? und was soll die feierliche Lobpreisung der Indischen Grammatiker? Ich kann mir kaum vorstellen, daß hierin ein Vorwurf für Sie liegen soll, sie nicht gehörig geachtet zu haben, und doch wird die Bemerkung mit der Durchlesung Ihres Buches in so nahe Verbindung gebracht. Mit der Hallischen Stelle scheint es für ihn nichts zu sein. Es wäre daher wohl gut jetzt auf eine Verbesserung der Lage des armen Pott zu denken. Wenn Sie glaubten, daß es gut sei Schulzen zu schreiben, daß Rosen jetzt vorziehen werde in England zu bleiben und ihm den Vorschlag wegen Rodiger und Pott zu machen, so bin ich recht gerne bereit dazu. Vielleicht halten Sie es aber doch für besser den Antrag an Rosen wirklich geschehen zu lassen. Es ist sonderbar, und macht Burnoufs Urtheilsvermögen keine Ehre, daß er, wie mir Klaproth erzählt, Potts Buch nicht nur gar nicht den verdienten Beifall schenkt, sondern es durchaus tadelt und misbilligt. Klaproth , der dies Urtheil gar nicht zu theilen versichert, war dreimal hier bei mir, und zweimal war ich ganz allein mit ihm. Er ist doch in dem, was er treibt, ungemein bewandert und zu Hause und scheint mir |3*| der erste Europäische Gelehrte, der die Chinesische Litteratur systematisch zu historischen Untersuchungen benutzt. Auch die Sprache scheint er mir sehr gut zu kennen, und die Gespräche mit ihm darüber sind mir sehr lehrreich gewesen. Da Sie doch vermutlich bald an Rosen schreiben, so haben Sie die Güte ihm zu sagen, daß ich auf meinen letzten, schon vor langer Zeit an ihn abgegangenen Brief noch ohne Antwort geblieben bin. Ich hatte ihn darin gefragt, ob das von Singapore für Neumann angekommene Paket schon direkt an ihn abgegangen sei, und hatte ihn gebeten, im entgegengesetzten Fall es mir zu schicken. Ich warte jetzt schon lange mit meiner Antwort an Neumann darauf. Auch hätte ich gern Yates  Sanskrit-Bengalisch-Englisches Wörterbuch, das er wohl die Güte hätte mir durch unsere Gesandtschaft zu schicken. Leben Sie recht wohl und theilen Sie mir ja recht bald Ihre neue Abhandlung über die Zahlwörter mit.

Mit der hochachtungsvollsten Freundschaft, der Ihrige,
|Humboldt| Humboldt
|Schreiber| Tegel den 25t November 1834.
|4* vacat|