Franz Lieber an Wilhelm von Humboldt, 21.11.1831

|121r| Duplicat.
Euer Excellenz

Sehr gütiges Schreiben von Norderney den 20ten August kam mir richtig, am Geburtstage Schiller’s, zu Händen, und gewährte mir eine ungemeine Freude, daß meine geringen Zusendungen[a] Ihnen nicht ganz unnütz |sic| gewesen sind, daß Sie mir Ihre Correspondenz mit Schiller senden, daß Sie sich meiner zu ferneren Mittheilungen an Sie bedienen wollen – alles hat mir die größte Freunde gewährt. Das Päckchen welches Schiller’s Correspondenz mit Ihnen, sein Leben und einige "Kleinigkeiten" von Ihnen, wie Sie es nennen, enthält, ist noch nicht angekommen. Ich werde für eine der hiesigen Reviews einen Artikel über Schiller’s Correspondenz schreiben. Ließe mir nur mein Werk – die Encyclopaedia Americana ein wenig mehr Zeit! Sie ist eine eifersüchtige Gefährtin. Freilich, hätte ich auch Zeit, meine schwachen Mittel würden doch nicht hinreichen den beiden Briefschreibern Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen; und so will ich’s so gut thun als ich kann. Ich werde Ihnen ein Exemplar dieses Artikels senden, falls er so ausfällt, daß es irgend der Mühe werth ist, Ihnen denselben vorzulegen. – Es freut mich sehr Ihnen heut ein Päckchen von großem Intresse |sic|, wie ich hoffe, senden zu können. Die Übersezung der H. Schrift |121v| in die Seneca Sprache, wird Ihnen sehr willkommen sein. Erlauben Sie mir hier eine kleine Bemerkung, daß man wohl thut eine englische Bibel zum Übersezen dieser Indianischen Übersezungen zu benuzen, wenn, wie <es> bei mehren Büchern die ich heut sende der Fall ist, der englische Text nicht gegenüber gedruckt ist; eine Bemerkung, die sehr wahrscheinlich unnütz ist; dennoch schien mir diese Sache eine von den Kleinigkeiten zu seyn die man wohl ohne große Unachtsamkeit übersehen, und die dann viel Mühe verursachen kann. Ich lege außerdem den American Almanac for 1832 bei, ein Werk was sehr viel intressante statistische Nachrichten über diese Republik enthält, und das, sollte es Ihnen ohne Werth sein, gewiß manchem Ihrer Freunde in Berlin eine sehr willkommne Mittheilung sein wird. Ferner werden Sie zwei Exemplare des Artikels Indian Languages of America , wie er im Appendix zu Vol. VI meiner Americana steht, dabei finden. Er ist von Herrn Pickering , der, ich muß es bemerken, gezwungen war den Artikel in großer Eile zu schreiben. Herr Pickering hat Ihnen schon vor einigen Monaten diesen Artikel zugesandt. Endlich füge ich einige Dead Letters bei, wie ich deren einer hiesigen Monthly von einem größern M.S. mitgetheilt habe. Wenn man jeden Tag von fünf bis spät als Lexicographer – das Wort in Johnson’s   richtiger <treffender>  Definition genommen – arbeitet, und es so bunt in der Welt steht, bedarf man der Erholung, die ich zuweilen in diesen satirischen Briefen suchte. Gerade gestern kamen diese drei aus der Presse, und ich dachte ich wollte sie dem Päckchen zufügen. Vielleicht ist es Ihnen von einigem, geringem Intresse zu sehen wie sich ein Landsmann in einer fremden Sprache |122r| forthilft.

Ich möchte Euer Excellenz ersuchen mir ja alles was Sie über Sprachenkunde schreiben zukommen zu lassen. Obgleich ich jezt nicht Zeit habe mich in dieses intressante Studium zu vertiefen, was für mich einen besondern Reiz hat, weil man in den Sprachen oft den menschlichen Geist belauscht und attrappirt, möchte ich fast sagen, wie in keinem andren Gebiete, so gewährt mir doch alles was geistreiche u gründliche Forscher darüber sagen einen großen Genuß, und ich hoffe daß mich nicht immer so überhäufte Arbeit von diesem Lieblingsstudium abhalten wird.

Vorgestern hatte ich die Biographie meines geliebten Wohlthäters, Niebuhrs[b], für mein Werk zu schreiben[c]. Ich dachte nicht als ich eines meiner glücklichsten Lebensjahre mit ihm im Teatro Marcello verlebte, daß ich sein Leben nach ein paar Jahren, in Boston beschreiben sollte, eine Biographie über <unter> der schon der Tod sein schwarzes Finis geschrieben. Sollten Sie wieder an mich schreiben und wissen Sie wo die Kinder des Verstorbenen sind, namentlich wo mein theurer Marcus [d] ist, so würden Sie mich unendlich verpflichten, mich davon in ein par |sic| Worten zu benachrichtigen. Ich möchte so gern an den lieben Knaben schreiben.

Ich werde meinem Correspondenten in Neu York die Order geben, auf der Rückseite dieses Briefs zu schreiben mit welchem Schiffe, und an wen das Päckchen mit den Büchern gesandt wird.[e]

Wenn ich kann, lege ich noch die Inaugural Discourse des Professor Follen bei. Es mag nicht ganz ohne Intresse für Sie sein, zu sehen wie ein Deutscher über deutsche Wissenschaft zu Amerikanern gesprochen hat. Auf jeden Fall gewinnt die kleine Schrift dadurch an Intresse |sic|, daß die hiesigen Zeitungen sie ganz u gar kopirt haben; einige wenigstens. – Wenn |122v| ich diesen Brief in einer Weise zusiegle, wie es in Deutschland nur für familiäre Correspondenz gebräuchlich ist, so geschieht es nur darum, weil ich weiß daß er über Paris bis zu Ihnen einen sehr weiten Weg zu machen hat, und ich seinen unbedeutenden Inhalt schon kaum des einfachen Portos werth halte, und ich mich nicht überwinden kann, noch die Höflichkeitstaxe, welche Sie für das Couvert zu bezahlen haben würden zuzufügen.

Ich bin mit vorzüglichster Hochachtung und Ergebenheit
Euer Excellenz
ganz ergebenster Diener
Franz Lieber
Boston November. 21
1831

P.S. Ich sandte das Original über Havre .

Fußnoten

    1. a |Editor| Siehe Liebers Brief vom 20.12.1830.
    2. b |Editor| Barthold Georg Niebuhr (Kopenhagen 1776–1831 Bonn), deutscher Althistoriker. E war von 1816 bis 1823 preußischer Gesandter am Heiligen Stuhl in Rom, wohnte seit 1817 im Palazzo Savelli, der im 13. Jahrhundert auf dem Marcellus-Theater am Forum Holitorium errichtet worden war – darauf bezieht sich die Bemerkung zum "Teatro Marcello"; s. ADB Bd. 23, S. 646–661, bes. zum Palazzo Savelli S. 656. Lieber war 1822/1823 für ein Jahr Hauslehrer von Niebuhrs Sohn Marcus.
    3. c |Editor| Siehe F. Lieber: "Niebuhr", in: Encyclopaedia Americana , Bd. 9 (Philadelphia: 1832), S. 286
    4. d |Editor| Marcus Carsten Nicolaus von Niebuhr (Rom 1817–1860 Oberweiler), preußischer Staatsmann; s. ADB Bd. 23, S. 662–664.
    5. e |Editor| Vgl. hier den Originalbrief vom 16.11.1831.