Carl Eduard Meinicke an Wilhelm von Humboldt, 19.11.1832

|186r| Prenzlau den 19 Novmbr. 1832.
Ew. Excellenz

kann ich nicht unterlassen, hier meinen innigsten Dank für Ihre Güte und Zuvorkommenheit zu bezeigen, theils in Betreff der beiden mir zugesandten Werke[a], die ich vor 2 Tagen erhalten habe, theils und ganz besonders wegen der ihnen beigefügten Abhandlung, die ich mit wahrem Vergnügen gelesen habe, und überhaupt wegen des Antheils, den Ew. Excellenz in dem begleitenden Briefe für mich an den Tag gelegt haben, und der mir um so mehr Freude verursacht hat, da ich bisher im Leben noch auf niemand gestoßen bin, dem meine Bestrebungen auch nur einige Theilnahme eingeflößt hätten. Der weitere Inhalt jenes Briefes aber bewegt mich hier zu einer kurzen Auseinandersetzung meiner Lage und meiner Absichten.

Allerdings hatte ich vor anderthalb Jahren den Plan, eine umfassende Abhandlung über alle sogenannte Australnegerstämme zu schreiben, wozu mich eine Aufgabe der pariser |sicgeographischen Gesellschaft veranlaßt hatte. Dies war es, was mich Ostern 1831 dahin brachte, Ew. Excellenz in Berlin meine Aufwartung zu machen. Allein je weiter ich in die Sache eindrang, desto mehr Schwierigkeiten zeigten sich, und diese wurden endlich so unübersteiglich, daß ich, noch ehe Krankheit mich zwang, meine Studien ganz abzubrechen, ich den ganzen Plan aufgab, freilich nicht ohne mir einige allgemeine Sätze, als Norm für die künftige Handlungsweise, gewonnen zu haben, nämlich, daß zwischen sogenannten Australnegern und Malaien (im weitesten Sinn) kein sicherer Unterschied sich feststellen lasse, daß vielmehr beide, als Glieder einer Kette, in enger Verbindung stehen, und daß, da die Cultur zu allen diesen Stämmen in so hohem Maaße aus Indien gekommen ist, wahrscheinlich die größere oder geringere Aufnahme der indischen Cultur die großen Verschiedenheiten unter diesen Stämmen hervorgebracht hat. Davon ausgehen, habe ich mir als Ziel vorgesteckt, durch die möglichst genaue Erkenntniß aller Volksstämme zwischen Sumatra und America zu einer Anschauung desjenigen Zustandes zu gelangen, als diese Völker noch ohne Verbindung mit Indien waren, so weit sich diese ihre ursprüngliche Lage erkennen läßt. Jetzt aber habe ich, aufs innigste davon durchdrungen, daß die Kenntniß der Naturgesetze, nach denen die Länder, um die es sich handelt, construirt sind, für die Einsicht in das innere Leben der Bewohner durchaus |186v| nothwendig ist, diesen Theil der ganzen Aufgabe speciell ins Auge gefaßt, und deshalb möchte die erste größere Arbeit, die ich dem Publicum vorliegen <vorlegen> werde, wahrscheinlich Neuholland betreffen. Das erwähnte Programm schreibe ich nur, da ich amtlich dazu verpflichtet bin, und wählte Sumatra als das mir gerade jetzt am meisten zusagende Thema.

Unter solchen Umständen kann es Ew. Excellenz nicht befremden, wenn ich erklären muß, daß von einer speciellen Arbeit über die Australneger und ihre Sprachen bei mir nicht die Rede sein kann. Sollten aber meine Sammlungen über diese Sprachen, die nicht bloß die Vocabularien, und zwar alle, die gedruckt vorhanden sind, sondern auch die zerstreut und bei Gelegenheit in den Quellen erwähnten Wörter enthalten, einiges Interesse für Ew. Excellenz haben, so wird es mich sehr glücklich machen, wenn Sie mir erlauben wollen, Ihnen dieselben zu übersenden. Hierbei erlaube ich mir noch die Bemerkung, daß wenn ich gleich vollkommen Ew. Excellenz Ansicht theile, daß die Sanskritwurzeln bis in die untersten Stufen dieses großen Völkerstammes hinabsteigen möchten, doch andrerseits die Sprachen der Australnegerstämme, selbst solcher, die sich ganz nahe wohnen, auf das Auffallendste von einander in ihren Worten abweichen, wodurch sie für etymologische Untersuchungen sehr schwierig werden; ganz abgesehen davon, daß der Werth dieser Wörtersammlungen oft sehr problematisch erscheint. Dafür bin ich denn der Ansicht, daß der grammatische Bau dieser Sprachen durchaus sehr gleichförmig sein wird und das ist es, was dem Threlkeld schen Werkchen in meinen Augen solchen Werth verleiht.

Sollten also Ew. Excellenz von meinen Excerpten Gebrauch machen können, so werde ich, sobald ich von Ihren Wünschen benachrichtigt sein werde, mich an die Arbeit machen, das in meinen Papieren Zerstreute zu sammeln. Ich denke das noch vielleicht in diesem Jahre, gewiß aber in den ersten Wochen des folgenden vollenden zu können, und würde mich sehr glücklich schätzen, wenn meine vielleicht ganz erfolglosen, wenigstens redlich gemeinten Bestrebungen so einigen Einfluß auf die Verbreitung tieferer und gründlicherer Wahrheiten haben sollten.

Was die von Ew. Excellenz berührte Abhandlung von Blume betrifft, so glaube ich, daß diejenige gemeint ist, welche sich auf die Reste des Hinduismus im westlichen Java bezieht. Sie steht in dem holländ. Journal Cybele , das ich sonst weiter nicht kenne, ist aber von Olivier , im ersten Theile seiner Land en Zeetogten in Nederlands Indië kurz vor dem Ende, ganz, wie es scheint, abgedruckt worden.

Ich ergreife endlich diese Gelegenheit, hier die Versicherung hinzuzufügen, daß ich jederzeit mit der vollkommensten Hochachtung und Verehrung sein werde
Ew. Excellenz
ergebenster
Meinicke.
|187r vacat|
|187v|
S. Excellenz
dem Herrn Staatsminister Freiherrn v. Humboldt
Berlin
frei
|Poststempel Prenzlau 19 November|

Fußnoten

    1. a |Editor| Vgl. hierzu Meinickes Brief an Humboldt vom 08.11.1832.