Ludwig Niederstetter an Wilhelm von Humboldt, 26.11.1829

|19r| Ew. Excellenz

bin ich so frei in der Anlage einige indianische Notizen ganz gehorsamst zu übermachen, die ich von Zeit zu Zeit für dieselben bei Seite gelegt habe. Der Zustand der Indianer erregt hier gegenwärtig ein lebhaftes Intereße, seitdem der jetzige Präsident eine entschiedenere Sprache als seine Vorgänger gegen sie angenommen, und ernstlich auf ihre Auswanderung jenseits des Mißißippi dringt. Die nordöstlichen und Mittel-Staaten der Union, sind dieser Politik entgegen, und legen viel Mitgefühl für ihre rothen Brüder, die der nie befriedigten Habsucht der Weißen Preisgegebenen, an den Tag, eine Empfindung die um so reiner ist, als sie selbst einer solchen Versuchung nicht mehr ausgesetzt sind.

Der Artikel No 1. aus einer hiesigen Quäker Zeitung ist in diesem Geiste geschrieben, und enthält zugleich |19v| eine merkwürdige Addreße eines alten Häuptlings des Seneca Stammes – Corn Plant – an Präsident Washington , die Ew. Excellenz mit Intereße lesen werden.[a]

Ein neueres Produkt der Art liefert die Rede Folsom’s des Häuptlings der Chocktaws, an den Obrist Ward , dem Commißair des Gouvernements, welche er nur vor wenigen Wochen im council Hause seines Stammes gehalten.

E. Excellenz wünschten in einem Ihrer früheren gütigen Schreiben, darüber näher unterrichtet zu werden, welche Glaubwürdigkeit diese, in indianischem Dialekt gehaltenen und in englischer Sprache wiedergegebenen Reden verdienen. Die Originale existiren allerdings nicht mehr, und sind mit dem Wortlaute selbst verhallt, wofür es keine Schriftzeichen giebt. Ihre Authenticität beruht daher nur auf der Zuverläßigkeit der geschworenen Dollmetscher des Gouvernements.

|20r| Ew. Excellenz erinnern sich vielleicht aus früherer Zeit, daß man die Aechtheit der merkwürdigen Rede des Indianer Chefs Logan , bezweifelt hat, wie sie in Jeffersons Notes on Virginia gegeben worden ist, um als eine Widerlegung der Behauptung Buffon’s zu dienen; – „daß die natürlichen sowohl als geistigen Fähigkeiten der neuen Welt, in jeder Beziehung denen der alten untergeordnet sei |sic|,“ – sowie auch der Beweise welche H. Jefferson hierauf in einer späteren Ausgabe seiner Notes , für ihre Aechtheit geliefert hat.

Im Allgemeinen zweifelt man hier nicht an der Aechtheit dieser Reden, wie sie von den Dollmetschern wiedergegeben werden, und in der That tragen die meisten ein Gepräge der Originalität an sich, welches schwer nachzuahmen seyn möchte. Die councils dieser Stämme, in welchen alle ihre Angelegenheiten – berathend – abgemacht werden, dienen ihnen zugleich als praktische Schulen für die öffentliche Redekunst.

Der Art. No 3. endlich enthält einige Notizen über die neuere Erfindung der Cherokee Schrift, die Ew. Excellenz |20v| kennen, wovon aber das Detail Denselben vielleicht nicht unwillkommen seyn wird.[b]

Von H. Pickering ist mir neuerlich nichts für Ew. Excellenz zugekommen, auch hat er mir seine etwanigen Auslagen für Dieselben noch nicht angezeigt, ich werde ihn gelegentlich daran erinnern, und dieselben mit großem Vergnügen für Ew. Excellenz berichtigen.

Ihr H. Bruder Ex. ist, hoffe ich, von seiner asiatischen Reise glüklich zurükgekehrt. Seit längerer Zeit schon bin ich bemüht, ihn mit einer kleinen Sammlung von Schädeln der hiesigen Urbewohner, wie man sie in den mounds der westlichen Staaten findet, zu überraschen, bis jezt indeß ist es mir nicht gelungen, dergleichen wohl erhalten aufzutreiben. Ich habe H. Atwater von Ohio, der sich gegenwärtig zu einem Besuche hier befindet, und sich durch die Erwähnung seiner, in den Werken Sr Excellenz sehr geschmeichelt findet, von Neuem um seine Mitwirkung hiebei ersucht. Er hofft diese Schädel, die nach ihrer Ausgrabung, der atmosphärischen Luft ausgesetzt, in wenigen Minuten zerfallen, durch einen chemischen Prozeß erhalten zu können, und berätht sich deshalb mit einem hiesigen Chemiker.

|21r| Was übrigens den gegenwärtigen politischen Zustand dieses Landes betrift; so bemerkt man darin, das Prinzip der Demokratie mächtig fortschreitend, Authorität und Talent beugen sich vor ihr, und eine Crisis dürfte selbst der bestehenden Ordnung der Dinge bevorstehen, wenn den westlichen Staaten, vermöge ihrer überwiegenden Volksmaße, die Gesetzgebung und Verwaltung in die Hände fällt, was sehr bald der Fall seyn dürfte. Hört man indeß schon jezt, die backwoodsmen des Westens, von der baldigen Verlegung des Gouvernementssitzes von Washington nach dem Mittelpunkte der Union, d. i. nach St. Louis am Mississippi sprechen; so wird man allerdings versucht zu argwöhnen, daß sie den Maßstab ihrer Ideen von ihren Flüßen hergenommen. Die alte Welt dagegen rükt mir weiter und weiter aus dem Gesicht, eine Wahrnehmung die ich schmerzlich empfinde.

Schließlich bitte ich, Ew. Excellenz meine aufrichtige Verehrung und unbegrenzte Ergebenheit stets widmen zu dürfen mit welcher ich die Ehre habe zu seyn
Ew. Excellenz
ganz gehorsamster Diener
Niederstetter
Philadelphia
den 26. Novbr. 1829.


|21v und 22r/v vacat|

Fußnoten

    1. a |Editor| Die dem Brief beigefügten Artikel 1 und 2 sind noch im Nachlass in Krakau vorhanden (Coll. ling. fol. 57, Bl. 23–26 bzw. Bl. 27).
    2. b |Editor| Eventuell ist hiermit der Artikel The Syllabic Cherokee Alphabet gemeint, den Humboldt bereits von Pickering zugeschickt bekommen hatte (Brief vom 27.11.1827).