Friedrich August Rosen an Wilhelm von Humboldt, 17.09.1831

|241r| Ew. Excellenz

nehme ich mir die Freiheit, hiebei endlich die gewünschten Auszüge aus dem Madagascarischen Wörterbuche des Chevalier de Froberville zu übersenden. Ew. Excellenz wollen den langen Verzug, dessen ich mich in der Erfüllung Ihres gütigen Auftrags schuldig gemacht, zum Theil durch den Umstand entschuldigen, daß Sir Robert Farquhar die nachgelassenen Papiere seines verstorbenen Bruders, unter denen jenes Wörterbuch sich befindet, bereits im vorigen Frühjahre hatte in Kisten verpacken und auf die Seite räumen lassen, und daß der damit beauftragt gewesene Secretär seitdem <aus>  Sir Robert ’s Diensten entlassen worden war. Erst vor Kurzem, grade als ich im Begriff stand, eine kurze Reise zu meinem Vater anzutreten, bot sich die erwünschte Gelegenheit, das Wörterbuch nachzuschlagen. Ich excerpirte, nach den mir gütigst gegebenen Winken, was ich fand, und brachte meine Auszüge hier in die Form, in welcher ich dieselben nun |241v| Ew. Excellenz vorlege.

Ihrem ferneren gütigen Auftrage gemäß habe ich der Mrs. Metcalfe in Bath die mir bezeichnete Summe von fünf Pfund Strl. übersandt, und dafür zehn (oder zwölf) Exemplare ihres Reise-Journals von ihr erhalten; letztere habe ich bei Herrn von Bülow niedergelegt, und um ihre gelegentliche Uebersendung nach Berlin gebeten. Daß ich kürzlich auch noch einige Englische Reisebeschreibungen, über Madagascar und die Philippinischen Inseln, an Ew. Excellenz abgesandt habe, erwähne ich nur beiläufig. Sie waren durch Zufall und um einen äußerst billigen Preis in meine Hände gekommen, und in der Hoffnung daß doch vielleicht einige für Ihre gegenwärtigen Forschungen willkommene Notizen darin enthalten seyn dürften, nahm ich mir die Freiheit, sie ebenfalls an Ew. Excellenz abzusenden.

Nicht ohne Beschämung gestehe ich, daß ich noch nicht im Stande bin, Ihre Anfrage wegen einiger Eigenthümlichkeiten in der Pronominal-Declination des Veda-Dialektes genügend zu beantworten. Erst in dem bevorstehenden Winter sehe ich der erwünschten Muße zur planmäßigen Fortsetzung meines Veda-Studiums entgegen. Die mir zu Gebote stehenden Handschriften des Textes vom Rig-Veda |242r| sind fast durchgängig ziemlich jung. Ich habe in ihnen keine Abweichung der Lesart wahrgenommen, die nicht hinlänglich durch ein zufälliges Versehen des letzten Abschreibers, und in gewissen Fällen durch einen eigenthümlichen orthographischen Grundsatz zu erklären wären. So weit ich die in meinem Specimen gedruckten Stücke mit neuen Handschriften, die mir bei der Herausgabe noch nicht bekannt waren, verglichen habe, wird der Text dadurch unterstützt. Aber in der Uebersetzung einiger in den Anmerkungen angeführter Stellen habe ich geirrt, wie ich aus dem nunmehr vollständig vor mir liegenden Commentar des Sayanacharyas ersehe. So namentlich in der auf Seite 17. citirten Stelle, wo ich {doṣāvastar } für den Vocativ eines Nomen agentis nahm, und durch Caliginis fugator übersetzte, während der Scholiast es als ein Adverbium durch „Bei Nacht und bei Tage“ erklärt. – In dem ersten Hymnus, dem an die Morgenröthe, wird meine Uebersetzung von {dadṛkṣa } (Distich. 2.) und von {avāte } (Distich. 4.) gegen Herrn Professor Bopps Erklärung (in seiner Recension meines Specimen , im Decemberheft der Berliner kritischen Jahrbücher) auch von der neu hinzugekommenen Handschrift des Commentars in Schutz genommen. Aber bei {iṣayadhyai } (Dist. 4.) entscheidet dieselbe Autorität gegen mich, und für Bopp’s Auslegung. – |242v| Bevor ich zu der Herausgabe irgend eines bedeutenden Theils des Rig Veda schreite, hoffe ich mit den Eigenthümlichkeiten des alten Dialekts hinreichend vertraut zu seyn, um die Auslegungen des Commentars mit selbstständiger Einsicht prüfen, und vielleicht hier und da verlassen zu können. Aber für’s Erste scheint es mir ein sichrerer Weg, meine etwanigen kritischen Bedenklichkeiten seiner Autorität unterzuordnen.

Der wohlwollende Antheil, welchen Ew. Excellenz an meinem persönlichen Schicksal nehmen, macht es mir zur Pflicht, Ihnen nicht zu verschweigen, daß ich ganz kürzlich meine Stelle bei der Londoner Universität niedergelegt habe. Die Veranlassung, welche mich zu diesem Schritte bewog, war die, wie es mir und mehreren meiner Collegen erschien, sehr ungerechte und alle Formen verletzende Absetzung des Professors der Anatomie, Pattison. Dürfte ich es wagen, hier in einen detaillirten Bericht über diesen Vorfall einzugehn, so würde ich hoffen, Ew. Excellenz zu überzeugen, daß in der That dringende Gründe mich bestimmten, mich von einer Anstalt zu trennen, an welche mich sonst Dankbarkeit hätte fesseln sollen, und einer Stellung zu entsagen, die mir in so vielfacher Rücksicht wichtig seyn mußte. – Ich bin im Begriff, schon in der nächsten Woche wieder nach |243r| London zurückzukehren. Einige bereits im vorigen Winter angefangene Arbeiten versprechen mir die einstweilige Fortdauer meiner Existenz in London zu sichern, und für die Fortsetzung meiner Studien darf ich daneben mehr Freiheit hoffen, als mir in dem letztverflossenen Jahre gewährt war.

Auf meiner Reise hieher kam ich durch Bonn, wo ich von Herrn Professor von Schlegel und Lassen wieder sehr freundlich aufgenommen, und von letzterem mit seinem so eben erschienenen Commentar zum Hitopadesa beschenkt wurde. Es scheint eine musterhaft genaue und sorgfältige Arbeit zu seyn. Aber es thut mir leid, in einigen der Schlegelschen Zusätze, wo sie gegen Bopp gerichtet sind, einen Ton wahrzunehmen, der, wie ich fürchte nur persönliche Gefühle wecken, und grade dadurch die unpartheiische Würdigung der streitigen Puncte selbst erschweren wird.

Der Druck meiner Ausgabe und Uebersetzung des Arabischen Algebraikers Mohammed Ben Musa war grade beendigt, als ich London verließ. Sobald ich wieder dorthin zurückgekehrt bin, werde ich eilen Ew. Excellenz ein Exemplar davon zu übersenden, und empfehle dasselbe im Voraus Ihrer gütigen Nachsicht.

Mit der innigsten Ehrerbietung und Dankbarkeit empfehle ich mich der Fortdauer Ihres gütigen Wohlwollens,
Ew. Excellenz
gehorsamster Diener
F. Rosen.
Detmold, den 17ten Septbr. 1831.
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