Wilhelm von Humboldt an Jacob Grimm, 26.03.1826

|1| Obgleich ich wohl fühle, wie gewagt es ist, einem Manne, der so wichtige allgemeine Sprachgesetze aus einer so wundervoll an einander gereihten Anzahl einzelner Thatsachen hergeleitet hat, Blätter in die Hände zu geben in denen dem allgemeinen Raisonnement durchaus keine ähnliche Beglaubigung beigefügt ist, so kann ich mir doch das Vergnügen nicht versagen, Ew. Wohlgebornen die inliegende Abhandlung zu überreichen. Sie werden sehen, daß ich darin versucht habe, den einen der beiden Urtheile der Sprache, den Laut, in seinen allgemeinsten u. eigenthümlichsten Beziehungen darzustellen.

Unendlich wichtig erscheint es mir, die Lehre des Um- und Ablauts, welche erst Ew. Wohlgebornen eigentlich ihr Daseyn verdankt, an der Sanskrit-Sprache auszuführen oder zu versuchen, wobei man die Vergleichung des Griechischen u. Lateinischen nicht versäumen dürfte. Ich halte es aber auch für überaus schwer, schon längst habe ich mein Augenmerk beim Studium des Sanskrits darauf gerichtet, und werde doch sehen, ob ich nicht vielleicht, mit Hülfe unseres gemeinschaftlichen Freundes Bopp , etwas Genaues darüber herausfinden könnte. Ich bin überzeugt, daß erst eine solche Arbeit über die Entstehung der Flexionen, in der ich mich immer mehr überzeuge, daß meine Ideen kaum von denen Ew. Wohlgebornen ab-|2|weichen, ein helles Licht verbreiten würde.

Genehmigen Ew. Wohlgebornen die Versicherung meiner wahren und ausgezeichneten Hochachtung und Ergebenheit.
Humboldt.
Berlin, den 26. März, 1826.

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