Wilhelm von Humboldt an Jacob Grimm, 12.11.1828

|1|Ew. Wohlgebornen sage ich meinen herzlichsten Dank für die gütigen Zeilen, welche mir Herr Architect Wolf überbracht hat. Ich habe dessen Bekanntschaft mit großem Vergnügen gemacht, und mit gleichem einige Aufsätze gelesen, die er mir mitgeschickt hat. Ich muß aber leider bezweifeln, daß er seine Hauptabsicht bei seinem hiesigen Aufenthalte erreichen wird. Es wäre nicht bloß von einer Anstellung, sondern der Bildung einer neuen Stelle dabei die Rede, und ich zweifle, daß die bei solchen Dingen immer obwaltenden Schwierigkeiten möchten beseitigt werden können.

Ew. Wohlgebornen Rechtsalterthümer habe ich empfangen, und bin Ihnen sehr dankbar dafür. Ich habe mit großem Interesse schon Vieles daraus gelernt. Doch habe ich das Buch bis jetzt nur durchblättern, nicht eigentlich studiren können, da ich nach sechsmonatlicher Abwesenheit Arbeit aller Art hier vorgefunden habe.

Merian starb in Paris in den ersten Tagen meines Aufenthaltes daselbst. Ich habe ihn nicht mehr gesehen. Er war ein geistreicher Mann, und wandte, da er reich war, viel auf linguistische Arbeiten. Es war nur zu bedauern, daß er einen ganz falschen Weg eingeschlagen hatte. Ich habe die Gelegenheit gehabt, über dies Beurtheilen der Verwandtschaft von Sprachen aus bloßen, nach Wörterbüchern gemachten Wortverzeichnissen, etwas in England zu schreiben, das die Asiatische Gesellschaft hat drucken lassen. Ich hoffe, Exemplare zu bekommen, u. theile alsdann gewiß sogleich eines Ew. Wohlgebornen mit.

Mit der herzlichsten Anhänglichkeit und der ausgezeichnetesten Hochachtung
verbleibe ich
Ew. Wohlgebornen
ergebenster,
Humboldt
Berlin, den 12. November, 1828.

|2/3 vacat|
|4| |Schreiber|
An
Herrn Bibliothekar Jacob Grimm
Wohlgeboren
in
Caßel

frei[a]

Fußnoten

    1. a |Editor| Zwei Stempel: „13. Nov 1828“ und „Berlin 10–11 18 11