Wilhelm von Humboldt an Heinrich Friedrich Karl Freiherr vom und zum Stein, 03.01.1812

|32r| Wien, den 3. Januar, 1812.

Ich benutze die Gelegenheit, welche mir die Abreise des H. v. Herder [a] darbietet, um Ew. Excellenz einige Worte zu sagen. Es ist freilich sehr wenig, was man sich auf diese Weise schriftlich sagen kann, indeß ist es mir immer wichtig von Zeit zu Zeit mein Andenken bei Ihnen zu erneuern, und Ihnen die Versicherung meiner herzlichen Verehrung zu wiederholen. – Ich sage Ihnen nichts über die großen öffentlichen Angelegenheiten, und wüßte kaum, was ich darüber sagen sollte, wenn ich Ew. Excellenz selbst spräche. Es ist gerade der Augenblick der Krise, in welchem die Dinge am wenigsten und am schlimmsten zu übersehen sind. Sie muß sich, wenn mich nicht Alles trügt, sehr bald entscheiden, wie aber die Sachen stehen, ist es mir noch zweifelhaft, ob es zu einer Explosion kommen wird, so drohend auch die Aspecten sind. Von uns und unsrem Zustande habe ich nur dunkle u. unvollständige Nachrichten. Ew. Excellenz wissen, daß man bei uns nicht die Gewohnheit hat, über Dinge zu unterrichten, die nicht gerade den Ort angehen, an dem man sich aufhält, was, im Ganzen genommen, auch zweckmäßig ist. Aber die Lage bei uns fordert große Klugheit, und noch außerdem nicht wenig Glück. Ich wünsche, daß es auch an dem letzteren nicht mangeln möge. Im Innern scheint es mir immer schon viel, daß es nicht noch schlimmer geht. Es beweist mir augenscheinlich, daß die vom StaatsKanzler genommenen Maßreglen im |32v| Ganzen zweckmäßig waren, und daß dasjenige, was man vielleicht noch hätte daran verbessern können, sich selbst durch die Festigkeit u. Stätigkeit in der Ausführung abgeschliffen, und ins Gleiche gebracht hat. Ueberhaupt ist dies letztere etwas, worauf man bei uns in der letzten Zeit nicht genug gerechnet hat. Fast nie ist es bei praktisch administrativen Gegenständen möglich, das eigentlich Beste zu wählen; allein Zeit u. Gewohnheit machen eine auch nur mittelmäßig zweckmäßige, aber mit Beharrlichkeit ausgeführte <Maßregel>, bald den übrigen Staatselementen so homogen, daß das Resultat weit günstiger ausfällt, als man erwarten konnte. Hier freilich scheint in Rücksicht des neuen Finanzsystems dies nicht ganz zuzutreffen. Indeß kann ich doch Ew. Excellenz versichern, daß, wie manchem gerechten Tadel auch dies System ausgesetzt seyn mag, die wirkliche Ausführung auch hier Vieles ins Gleiche gesetzt haben würde, wenn nicht neue Misgriffe auch diese fehlerhaft gemacht hätten. Man vermuthet, daß in wenigen Tagen die Kaiserliche Entschließung auf die Vorstellung der Ungarischen Stände vom 17t einlaufen wird. Vermuthlich wird sich der Hof darauf beschränken, die bisher verlangten 12. Millionen Einlösungsscheine zu fordern. Allein auch da dürften sich bei den Ständen noch Schwierigkeiten vorfinden.

Ich habe die Freude gehabt, meinen Bruder einige Wochen hier zu besitzen. Ich hatte ihn in langer Zeit nicht gesehen, und wenn uns gleich die Gesellschaft, die nicht ganz zu vermeiden war, einigermaßen gestört hat, so sind wir doch sehr angenehm mit einander gewesen. Der erste Theil seiner eigentlichen Reisebeschreibung wird in sehr kurzer Zeit erscheinen; allein die folgenden auszuarbeiten, wird |33r| er sicherlich noch 1 ½ bis 2 Jahre brauchen, und dann erst seine Reise nach Tibet antreten. Ich weiß nicht, ob Ew. Excellenz das statistisch-politische Gemälde von NeuSpanien gelesen haben. Die Kapitel über die Masse des in Europa vorhandenen Goldes und Silbers u. über den Handel würde gewiß Interesse für Sie gehabt haben. Da die kleine Ausgabe in 8. jetzt erschienen ist, so hoffe ich, wird das Werk nunmehr bekannter werden, als es bis jetzt war. – Ich bin seit der Abreise meines Bruders, soviel es meine Geschäfte erlauben, sehr anhaltend mit den Amerikanischen Sprachen beschäftigt. Er wünschte, daß ich ihm eine Abhandlung für seine Reise dazu machte. Es ist eine interessante Arbeit, die es aber noch viel mehr seyn würde, wenn man hoffen dürfte, auf sicherere Resultate in Absicht der Abstammung der Völker zu stoßen. Allein leider bleibt darin immer ein großes Dunkel übrig. Indeß ist es nicht zu läugnen, daß der grammatikalische Bau der Mexicanischen Sprache auch auf den Asiatischen Ursprung dieser Nation hindeutet, so wie so viele andere Spuren auf denselben Weg führen. Nun wird man auch darin wieder sehr erinnert, wenn man sieht, daß Sprachen, wie z. B. die Vaskische, dieselbe grammatikalische Verwandtschaft zu haben scheinen, ohne daß die d etymologische der Wörter, u. historische Traditionen sie beg diese Vermuthung begünstigen. Ueberhaupt ist die Art, wie sich aus der Beschaffenheit der Sprachen auf die frühesten Schicksale und Wanderungen der Volker |sic| schließen läßt, noch lange nicht vollkommen ins Reine gebracht, und die Sache wird auch nicht wenig dadurch schwierig, daß es oft fast unmöglich zu entscheiden ist, ob nicht verschiedene Völker, ohne die mindeste Verbindung mit einander, auf gleiche Eigenthümlichkeiten bei der Erfindung oder Ausbildung ihrer Sprache gekommen seyn können. Dadurch bin ich über-|33v|zeugt, ließe sich die Sache auf festere u. vollständigere Grundsätze zurückbringen, als man gegenwärtig darüber hat, u. es käme nur auf eine gehörige Zusammenstellung aller faktischen daten, welche man hierüber besitzt, an, um darin zu gelingen. Immer aber würden die philosophischen, bei einer solchen Arbeit zum Grunde zu legenden Ansichten die Hauptsache dabei ausmachen. – Was Ew. Excellenz mir in Ihrem letzten Briefe über die Schädlichkeit der Sucht der Gelehrten sich in die vornehme Gesellschaft einzumischen, sagen, ist mir wie aus der Seele gesprochen gewesen. Es wird Ihnen daher Freude machen, zu hören, daß H. v. G. [b] der bisher vielleicht mehr als Andre in dieser Hinsicht gemisbilligt werden konnte, diesen Winter fast nicht seinen Schreibtisch verläßt. Er ist mit einem großen Werke über Papiergeld, oder eigentlicher über eine Prüfung der in dem rapport der sogenannten Bullion Comité in London aufgestellten Grundsätze, beschäftigt. Es freut mich sehr ihn auf diese Weise zu eigentlich litterarischer Thätigkeit zurückkehren zu sehen.[c]

Ich bitte Ew. Excellenz mir auch in diesem Jahre Ihre gütige Gewogenheit zu erhalten, u. die Versicherung meiner ausgezeichnetesten Verehrung anzunehmen.
Humboldt.

Fußnoten

    1. a |Editor| Wahrscheinlich ist Sigismund August Wolfgang von Herder (1776–1838) gemeint, zweiter Sohn von Johann Gottfried Herder. [FZ]
    2. b |Editor| Gemeint ist Friedrich von Gentz (1764–1832). [FZ]
    3. c |Editor| Laut dem Tagebuch von Friedrich von Gentz für das Jahr 1812 (Aus dem Nachlaß Varnhagen’s von Ense. Tagebücher von Friedrich von Gentz, Leipzig: Brockhaus 1861, S. 265) ist dieses Werk nicht zum Druck gekommen. [FZ]