Wilhelm von Humboldt an Friedrich Gottlieb Welcker, 07.05.1821

|1*| Sie werden, liebster Freund, durch Buchhändlergelegenheit eine Schrift bekommen, die ich eben habe drucken lassen, und die ich Ihrer Nachsicht u. Güte empfehle. Sie bedarf der ersteren noch besonders darum, weil ich, um den Druck nicht bis künftigen Winter aufzuschieben, was mir zu lang schien, ich |sic| geeilt habe, damit vor dem Sommer fertig zu werden, wo ich aufs Land gehe, u. die Arbeit hätte liegen lassen müssen. Es würde mich sehr freuen, wenn Sie an dieser Untersuchung über die Urbewohner Hispaniens u. der Art, wie ich sie geführt habe, Gefallen fänden. Für mich hat dieser Theil der Geschichte, der aller Ueberlieferung vorausgeht, u. wo man den Zustand der Völker nur aus Namen u. Denkmalen erkennen kann, etwas ungemein Anziehendes. Die Völker und das Menschengeschlecht sind in ihrem frühesten Leben, u. ihren Wanderungen in dieser Epoche mehr der Natur selbst gleich, u. noch frei von allem Kleinlichen u. Willkührlichen, was das individuelle Leben hinzufügt. Diese Neigung zur Urgeschichte, um es kurz zu bezeichnen, hat mich auch bewogen, seit einiger Zeit das Sanskrit zu studiren. Man hat dabei mit sehr schlimmen Schwierigkeiten zu kämpfen, woran noch mehr die unbequeme Einrichtung der Hülfsmittel, als die Sprache selbst, Schuld ist, aber man wird auch schon bei jedem Schritt, möchte ich sagen, dafür reichlich durch die Sprache selbst belohnt. Sie öfnet sich einem vom ersten Moment an, als der Urquell der Sprachen, die man am |2*| eigenthümlichsten kennt, u. am liebsten treibt, u. es mischt sich dadurch zu dem bloß linguistischen Interesse ein bedeutendes Historisches. Ueber die Literatur möchte ich nicht so günstig urtheilen. Doch mag es seyn, daß ich noch zu wenig davon weiß. Allein was ich bis jetzt kenne, reproducirt mir weder den Genuß, den das Griechische gewährt, noch stellt es etwas Neues, gleich Erhebendes an dessen Stelle. Es fehlt ihm, dünkt mich, die freie, einfache, allgemeine Ansicht des Universum, die tiefe Menschlichkeit, und das Maß, wodurch das Erhabne sich vom Riesenhaften unterscheidet. Wie die Indische Poesie nun aber einmal ist, so muß man auch ihre Eigenthümlichkeit beibehalten. In dem neulich durch Schlegel  übersetzten Stück scheint mir schon ein gewisses Accomodationssystem zu seyn, das ich nicht billigen kann. Selbst der Hexameter giebt, ohne daß etwas Einzelnes geändert sey, einen Griechischen, der Eigenthümlichkeit schädlichen Anklang. Dennoch ist es sehr gut, daß gerade Schlegel sich bei uns des Indischen angenommen hat. Er wird ein allgemeineres Interesse dafür erwecken, als eine bloß sprachgelehrte Behandlung gethan hätte.[a]

Die Schrift, von der ich eben redete, wird Ihnen, liebster Freund, einen Begriff meiner jetzigen Lebensweise und meiner Beschäftigungen geben. Ich arbeite außerdem, wenn auch unterbrochen, an einer, soviel als möglich, vollständigen Darstellung der Amerikanischen Sprachen fort. Es ist ein weitläuftiges Unternehmen, das einen wenn auch nicht einmal von der Arbeit, aber selbst von der mit vielen Schwierigkeiten verknüpften Herausgabe abschreckt. |3*| Allein ich bin einmal nicht unbedeutend vorgerückt, u. mag auch leicht jetzt mehr Hülfsmittel zusammengebracht haben, als sonst einer in Europa besitzt. Daher möchte ich nicht gern von dem einmal Begonnenen ablassen. Ich habe schon gegen ein Duzend Sprachlehren fertig ausgearbeitet liegen, wovon die ausführlichste u. interessanteste die der Mexicanischen Sprache ist. Ich bin auch schon in der vorläufigen Kenntniß der noch nicht völlig ausgearbeiteten so weit gekommen, daß ich übersehen kann, daß die Uebersicht des Ganzen zu nicht unwichtigen Resultaten führen wird.

Bei der Akademie habe ich zwei Abhandlungen vorgelesen, die ich Ihnen schicken werde, sobald sie, was da ein wenig langsam zugeht, gedruckt werden. Die eine, die Sie gewiß noch im Laufe deß |sic| Sommers erhalten, betrift das vergleichende Sprachstudium, die andre die Aufgabe, welche der Geschichtschreiber zu lösen hat. In dieser letzten habe ich zu entwikeln |sic| gesucht, wie es eigentlich keine historische Wahrheit in Erzählung weder einer einzelnen Thatsache, noch eines Zusammenhanges von Begebenheiten giebt, wenn man nicht bis zu der unsichtbaren Idee hinabsteigt, die sich in jedem Geschehenen offenbart. Ich habe darin die Geschichte mit der Kunst verglichen, die auch nicht sowohl Nachahmung der Gestalt, als Versinnlichung der in der Gestalt ruhenden Idee ist.

Aber ich habe Ihnen schon zu lange, liebster Freund, von mir u. dem, was mich angeht gesprochen. Doch nehmen Sie seit Jahren einen so freundlichen Antheil auch an meinen Studien, daß ich auch jetzt auf Ihre Theilnahme rechnen darf.

Ich gehe in wenigen Tagen nach Schlesien, u. wenn Sie mir schreiben wollen, so bitte ich Sie, Ihre Briefe nach Ottmachau zu ad-|4*| dressiren. Meine Frau u. Caroline , die Sie herzlich grüßen, begleiten mich, gehen aber von dort in die Böhmischen Bäder. Vor dem Herbst kehren wir nicht hierher zurück.

Leben Sie recht wohl, und erhalten Sie mir Ihr gütiges u. freundschaftliches Andenken. Mit den Gesinnungen der lebhaftesten Hochachtung
der Ihrige,
Humboldt
Berlin, den 7. Mai, 1821.[b]

An H. Professor u. Bibliothekar Welcker, Wohlgeb. in Bonn .

Fußnoten

    1. a |Editor| Diese Bemerkung bezieht sich auf Schlegels Publikation der Indischen Bibliothek: vgl. Rosane Rocher / Ludo Rocher (2013): Founders of Western Indology. August Wilhelm von Schlegel and Henry Thomas Colebrooke in Correspondence 1820–1837, Wiesbaden: Harrassowitz, 17 Anm. 65. [FZ]
    2. b |Editor| Darunter die Notiz von Welcker: „erhalten zur Post d. 24. May Auf d. Couvert ein Postzeichen des 12.t