Wilhelm von Humboldt an Edward Everett, 02.10.1822

|1|Ew. Wohlgebohrnen gütigen Brief vom 12. März d. J. hat mir ein ungemeines Vergnügen gemacht, und ich sage Ihnen dafür, und die Schriften, welche ihn begleiteten, meinen lebhaftesten und aufrichtigsten Dank. Es ist mir auch vorzüglich angenehm, daß Sie mir erlauben, Ihnen Deutsch zu schreiben. Es freut und schmeichelt zugleich, zu sehen, daß Fremde den Gebrauch unserer Sprache gern beibehalten, und ich sehe aus den wenigen Zeilen, die Sie mir selbst Deutsch geschrieben haben, wie gut und genau Sie mit unserer Sprache u. selbst mit unseren Buchstaben vertraut sind.

Die Ernennung zu einem Mitgliede der Academie zu Boston ist mir ungemein erfreulich gewesen. Ich danke Ew. Wohlgebohren für den gütigen Antheil, den Sie daran gehabt haben, und habe es für schicklich gehalten, in der Inlage dem Praesidenten meine Dankbarkeit ausdrücklich zu bezeugen.

Ihre Abhandlungen habe ich mit dem lebhaftesten Vergnügen, und sehr großem Interesse gelesen. Ich bin nicht weniger begierig auf die über die Sprache der Wallachei, |2|und Sie werden auch ausnehmend verbinden, wenn Sie mir dieselbe, sobald sie erschienen seyn wird, zukommen lassen. Ich bitte Sie dagegen, ganz über mich hier zu verfügen, und mich mit Ihren litterärischen Aufträgen, wo Sie es nöthig finden, zu beehren. Der einzige Umstand, daß ich den größten Theil des Jahres auf entfernten Landgütern zubringe, könnte mich bisweilen hindern, dieselben so schnell, als ich es wünschte, zu besorgen.

Der Antheil, den Ew. Wohlgeb. und einige andre Ihrer Landsleute mir und meinen Arbeiten schenken, ist mir gleich ehrenvoll und erfreulich. Ich wünsche nichts mehr, als ihn immer mehr zu verdienen, u. widme jetzt alle meine Kräfte und Muße meinen Untersuchungen über die Amerikanischen Sprachen. Ich bearbeite dieselben vorzüglich in Absicht auf das philosophische Sprachstudium, und kann nicht genug sagen, wieviel Belehrung sie mir schon in dieser Hinsicht gewährt haben.

Ich habe neulich bei der Akademie der Wissenschaften in Berlin eine Abhandlung vorgelesen, in der ich der Amerikanischen Sprachen oft Erwähnung gethan. Ich habe nemlich einen Unterschied zwischen Sprachen festzustellen gesucht, die wahrhaft grammatische Formen besitzen, wie die Lateinische, |3|Griechische u. s. f. und solchen, die nicht bis dahin gelangt sind, u. gewissermaßen nur Analoga von Formen haben, wie die meisten Amerikanischen. Es ist unmöglich einen Begriff, der auf einem sehr feinen Unterschiede beruht, in einem Briefe deutlich zu machen, allein vielleicht verstehen Ew. Wohlgeb. meine Meynung, wenn ich Ihnen sage, daß ich unter Form eine solche mir denke, die sich nicht in einzelne Elemente zerlegen läßt, sondern gleichsam aus einem Stücke gegossen ist. Ich halte diesen Unterschied in Absicht auf die Ideenentwicklung und die intellektuelle Ausbildung der Nation, welche eine solche Sprache redet, für ungemein wichtig. Sobald die Abhandlung gedruckt seyn wird, werde ich mir die Freiheit nehmen, dieselbe Ihnen zu schicken.

Ich empfehle mich Ew. Wohlgebohren gütigem Andenken, und habe die Ehre, mit der ausgezeichnetesten Hochachtung zu verbleiben
Ew. Wohlgebohren
ergebenster,
Humboldt.
Tegel bei Berlin, den 2. October, 1822.

Ich schreibe heute H. Pickering über Paris u. bitte Sie, es ihm zu sagen im Fall mein Brief noch nicht angekommen wäre.