Wilhelm von Humboldt an Franz Lieber, 17.11.1828

|1*| Als ich im vergangenen Monate von einer Reise durch Frankreich und England zurückkehrte, fand ich vier Briefe von Ew. Wohlgebornen hier vor, von welchen der älteste vom 24. Februar war. Ich sage Ihnen meinen wärmsten Dank dafür. Die kleinen Schriften im Sandwich Dialect haben mich sehr interessirt, da ich mit den Sprachen des Südmeeres im Ganzen mich viel beschäftigt habe, allein fast nichts über den Dialect der Sandwich Inseln besaß. Die Cherokee Zeitung hat mich gar auch interessiert, aber ich bitte doch Ew. Wohlgebornen mir keine mehr zu schicken, und am wenigsten, so wie ich heute ****  <eine> von Ihnen empfangen habe, ein einzelnes Blatt, in einem versiegelten Brief. Solche Sendungen werden so theuer, daß der Werth der Sache dagegen verschwindet. Ich habe durch Herrn Pickering auf den Phoenix  subscribirt und werde ihn auf diesem Wege erhalten. Uebrigens kann ich fürs erste gar keinen Gebrauch von ihm machen. Man hat bekanntlich von dieser Sprache weder Grammatik, noch Wörterbuch. Nur ein kleines Wörterverzeichnis[a] besitze ich, u. aus Bibelüberübersetzungen erst beides zu abstrahiren ist ein zu weitläuftiges und doch auch unsicheres Unternehmen. — Ew. Wohlgebornen Entwurf zu einer Gesellschaft für Amerikanische Sprachkunde habe ich mit großem Interesse gelesen[b]. Den Nutzen, wenn die Sache guten Fortgang hätte, u. ein recht kundiger Mann, H. Du Ponceau oder gar Pickering z. B. Secretair wäre, könnte gewiß sehr bedeutend seyn. Aber Geldunterstützungen aus Europa, die nur irgend der Mühe wert wären, dürfte man aus Europa nicht hoffen. Diese Gegenstände haben ein sehr kleines Publicum. Der selige Vater hatte Mühe, um einen Verleger, auch ohne Honorar, für seine Sachen zu finden. Ob in America mehr Sinn dafür ist, weiß ich nicht. In London ist eine ähnliche Anstalt (Language Institution) aus Mangel an Theilnehmern untergegangen. Das Wichtigste wäre, die sehr interessanten handschriftlichen Hülfsmittel, die man auch in den Vereinigten Staaten hat, drucken zu lassen. Einiges der Art ist geschehen, aber man müßte |2*| fortsetzen, und das können die schon bestehenden ge[c] ||
Herr Du Ponceau an dem Gelingen des Plans gezweif||
Zeichen|?|, u. an sein Land u. sein Publicum kann *** ||
es einfacher mit einem Journal allein anzufangen u. für dieses ||
sammeln. Missionaren u. andre, die Hülfsmittel für solche Sprachen bes||
sie dann da einschicken u. drucken lassen. – Mein Bruder trägt mir seine Empfehlungen u. seine Danksagung für das Uebersendete auf. – Ich wiederhole auch Ew. Wohlgeboren die meinige, und bitte Sie die Versicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung anzunehmen.


Humboldt
Berlin, den 17. November, 1828.

Fußnoten

    1. a |Editor| Siehe den Briefwechsel mit Martius.
    2. b |Editor| Siehe dazu den Brief Liebers an seine Eltern vom 18. Januar 1828: T. S. Perry, The Life and Letters of Francis Lieber (Boston: James R. Osgood & Co. 1882), S. 81 (ins Engl. übersetzt): "[…] I am deeply engaged in the study of the language of the North American Indians, and wish to propose to Mr. Duponceau a plan greatly approved of by Mr. Pickering, to found a society for the promotion of the study of the Indian language. If it can be done, I shall consider it a very fortunate circumstance in my life to have aided the cause of science in this way. / Many men in Germany are engaged in this study, especially William von Humboldt. I have recently read a treatise of his on the Chinese language, and he is just as zealously devoting his attention to the Indian dialects. They are of great importance in the study of philology, both because of their regular formation, great variety, and their development without the influence of Asiatic or European languages. We hope to be assisted by the English and American missionaries, and I am writing to William von Humboldt on the subject."
    3. c |Editor| Die rechte obere Ecke des Blattes fehlt, so dass die Enden der ersten fünf Zeilen z. T. starken Textschwund aufweisen.