Wilhelm von Humboldt an Franz Bopp, 04.07.1822

|1*| Ew. Wohlgebohren werden finden, daß ich Sie oft mit meinen Briefen behellige, allein unsre letzten haben sich gekreuzt, und Ihr Schreiben giebt mir einen so erwünschten Stoff, sogleich darauf zu erwiedern, daß ich mir dies Vergnügen unmöglich versagen kann.

Zuerst freut es mich ungemein, daß die Wahl zum ordentlichen Mitgliede der Akademie Ew. Wohlgebohren angenehm gewesen ist. Der Vorschlag u. die Classenwahl wurden noch bei meiner Anwesenheit in Berlin gemacht, u. insofern wünsche ich mir Glück, daß ich noch habe mit dazu beitragen können. Indeß war die Ueberzeugung, daß die Akademie damit sich selbst den größesten Gewinn verschaffte, so allgemein, daß es darum meiner Stimme nicht bedurft haben würde. Vorzüglich lieb ist mir, daß wir nun dadurch noch gewisser sind, Sie in Berlin bei uns zu behalten.

Die Akademie hatte ja ihre Sitzungen wegen der Baufälligkeit des Gebäudes aussetzen müssen.[a] Es würde mir angenehm seyn zu erfahren, ob sie dieselben wieder aufgenommen, und welches Local sie gewählt hat.

Die Stelle des Hitopadesa , mit der Ew. Wohlgebohren meine Sammlung bereichern, habe ich, Ihrer Bezeichnung nach, ohne Mühe gefunden. Sie steht in der Londoner Ausgabe S. 54. Z. 18. 19. Al-|2*|lein die Lesart ist, wie Ew. Wohlgeb. ganz richtig nach der Englischen Uebersetzung vermutheten, verschieden, und die Stelle verliert dadurch die Eigenthümlichkeit der Construction, welche Ew. Wohlgeb. in ihr finden. Sie heißt nemlich: {tataḥ } {saṃjīvakamānīya } {darśanaṃ } {kāritavantau }

Statt dieses bloßen Dualis hat Wilkins , wie ich sehe, die beiden Namen gesetzt. Die ganze Redensart ist nun activ u. das im Dualis stehende Subject bezieht sich ganz natürlich auf die Verbalform u. das Hauptverbum (das hier im participium mit ausgelassenem Verbum seyn steht) zugleich. Man kann daher auch die Verbalform ohne alle Schwierigkeit durch ein part. act. übersetzen: die ihn geführt habenden machten ihn theilhaftig.

Allein ich gestehe Ew. Wohlgebohren, daß, wenn auch die Calcutter Lesart die richtige wäre, ich doch glauben würde, daß die Verbalform hier nicht nothwendig durch ein part. pass. übersetzt werden dürfte. Die Stelle heißt alsdann:

{tataḥ } {saṃjīvaka } {ānīya } {darśanaṃ } {kāritaḥ }

Will man nun schlechterdings bei der Erklärung durch ein participium stehen bleiben, so würde ich die Verbalform impersonaliter nehmen, u. als einen eigenen absoluten Participialsatz behandeln. Dann übersetze ich: Darauf wurde S. des Anblickes theilhaftig gemacht, nachdem man ihn hingeführt hatte. Ganz auf ähnliche Weise muß man einige andre Stellen nehmen z. B. Nalas. XII. sl. 82. 83. ( {āhūya }) nehmen.

Dagegen steht unmittelbar an der Stelle, welche ich Ew. |3*| Wohlgeb. Güte verdanke, eine andere, bei der, wenn ich nicht ganz irre, gar keine Erklärung der Verbalform durch ein Participium (weder act. noch pass.) möglich ist, u. die gerade eine solche ist, als wir suchen. Sie steht in meiner Ausgabe gerade zwei Zeilen vor der eben bemühten. Hitopad. S. 54. Z. 16. 17.

{tato } {vānaraiḥ } {ghaṃṭāṃ } {parityajya } {phalāsaktā } {babhūvuḥ }

Da nach diesen Worten ein ganz neuer Satz anhebt, so kann sich der Instrumentalis auf gar nichts Folgendes beziehen, wie er in den Stellen thut, über die ich neulich Ew. Wohlgeb. schrieb. Man muß ihn daher auf die Verbalform beziehen. Denn {babhūvu } {phalāsaktāḥ } fordert schlechterdings einen Nominativ, u. es läßt sich, meines Wissens, keine Construction erdenken, welche den Instrumentalis mit diesen Worten verbände. Gehören nun aber der Instrumentalis u. die Verbalform zuein zusammen, so bleibt wieder keine Möglichkeit die letztere activ zu nehmen. Sie muß dann passiv stehen, u. dies ist wieder unmöglich, da alsdann {ghaṃtā } ihr Subject wird, u. dies im Nominativ, u. nicht im Accusativ stehen müßte. Ich übersetze nemlich: Darauf nach dem – die Glocke – Verlassen durch die Affen, *** waren sie (nemlich die Affen) auf die Wurzeln aufmerksam.

Ich möchte indeß fast wetten, daß die Calcutter Ausgabe statt {vānaraiḥ } den Nominativus  {vānarāḥ } hat, u. alsdann fällt wieder alle Eigenthümlichkeit der Construction hinweg. Ew. Wohl. Ew. Wohlgeb. würden sonst diese Stelle nicht unbemerkt gelassen haben. Es bliebe indeß immer sehr merkwürdig, daß wir alsdann drei Stellen im Hitopad. aufgefunden hätten, wo die Construction dieser Verbalformen so wunderbar wechselt. Es bewiese dies unstreitig, daß schon die Indischen Grammatiker über dieselbe nicht ganz im Reinen waren.

Ueber die Bedeutung der part. 3. praet. pass. bin ich durchaus |4*| Ew. Wohlgebohren Meynung, u. sehr begierig die Recension der Stücke der Indischen Bibliothek in den Göttinger Anzeigen zu lesen.

Meine Abhandlung ist fertig, allein leider sehr weitläuftig ausgefallen. Ich hatte sie zunächst nur für Ew. Wohlgeb. bestimmt. Vielleicht aber läßt sie sich abkürzen, u. dann irgendwo drucken. Schlegel hat mich oft um einen Beitrag für seine Bibl. gebeten. Allein er wird diese trockene Abhandlung mit Recht für seine Leser zu hart finden.

Mit der hochachtungsvollsten Freundschaft
Ew. Wohlgeb.
ergebenster
Humboldt.
Burgörner, den 4. Julius, 1822.

Fußnoten

    1. a |Editor| Die Protokolle der historisch-philologischen Klasse zwischen 27. November 1821 und 3. Juni 1823 fehlen, ebenso die Protokolle der Plenumssitzungen zwischen 18. April 1822 und 19. Dezember 1822. Ist es möglich, dass dieser Sachverhalt mit der Sperrung des Akademiegebäudes zusammenhängt?